Zwei Visionen von Europa

De Gaulle und Europa

General de Gaulle steht der Idee eines vereinten Europa aufgeschlossen gegenüber. Seit 1943 ist er mit Graf Coudenhove-Kalergi, dem Gründer der Paneuropa-Union, in Verbindung und trifft ihn nach dem Zweiten Weltkrieg mehrere Male. Allerdings bleibt de Gaulle überzeugt, dass allein die Staaten und Vaterländer dauerhaft von Bestand sein werden. Er glaubt nicht an ein föderales und supranationales Gebilde und stellt sich daher zwischen 1950 und 1954 gegen die geplante EVG. Allerdings ist sich de Gaulle bewusst, dass sich die Europäer verständigen müssen, um den Frieden zu sichern. Er ist vor allem empfänglich für das Projekt eines Europa, das der sowjetischen Bedrohung mit Stärke begegnen kann, ohne abhängig von den USA zu sein.

De Gaulle wünscht sich insbesondere eine Verständigung zwischen Frankreich und Deutschland. Das Bündnis zwischen den beiden Nachbarn und langjährigen Feinden soll zum Rückgrat des gesamten europäischen Einigungsprojekts werden. „Ich bin fest davon überzeugt, dass die Beziehungen zwischen dem französischen und dem deutschen Volk für die gesamte Zukunft Europas und im weiteren Ausmaß für die Welt ausschlaggebend sind. Kanzler Adenauer ist ein Verfechter der Verständigung und einer in der Zukunft vielleicht möglichen Einigung unserer beiden Völker. Ich darf Ihnen sagen, seit dreißig Jahren beobachte ich mit Interesse Konrad Adenauer, sein Handeln und seine Stellungnahmen. Mehrfach habe ich in den Äußerungen dieses guten Deutschen ein Echo vernehmen können, das auf den Ruf Europas antwortet, dieses zerstörten und zerfallenen Europas, das seine Kinder zur Einigung aufruft.“

 

Adenauer und Europa

Nach dem Zweiten Weltkrieg teilen die Siegermächte das um seine östlichen Gebiete verkleinerte Deutschland in vier Besatzungszonen. 1949 entsteht aus der amerikanischen, britischen und französischen Zone die Bundesrepublik Deutschland. Konrad Adenauer wird zum ersten Bundeskanzler gewählt.

Außenpolitisch bindet Adenauer den jungen westdeutschen Staat eng an die freiheitlichen Demokratien des Westens. Die Schaffung eines geeinten Europa ist ein zentraler Baustein seiner Politik. Wie schon in den zwanziger Jahren ist er überzeugt, dass die entscheidende Voraussetzung für einen europäischen Zusammenschluss eine Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich ist. Zusammen mit Robert Schuman und Jean Monnet wird Adenauer zum Gründervater Europas. Das Scheitern der EVG durch die französische Nationalversammlung trifft ihn schwer.

Die Gründung der EWG ist für Konrad Adenauer nur eine Etappe auf dem Weg zu einer europäischen Union. In einer Radioansprache führt er im Januar 1958 aus: „Der wirtschaftliche Zusammenschluss wird, so hoffen wir, auch politische Folgen nach sich ziehen. Das Ziel muss sein die Schaffung eines europäischen Parlaments durch direkte geheime Wahlen. Ich bin mir klar, dass diese Entwicklung Zeit braucht. Das Ziel selbst aber müssen wir unverrückt im Auge behalten.“

Als de Gaulle am 1. Juni 1958 die Regierungsverantwortung übernimmt, ist Adenauer misstrauisch; er hält de Gaulle für zu wenig europäisch und zweifelt auch an dessen Bereitschaft, enge Beziehungen zu den USA und der NATO zu pflegen: „Ich war von großer Sorge erfüllt, denn ich befürchtete, die Denkweise von de Gaulle wäre von der meinigen so grundverschieden, dass eine Verständigung zwischen uns beiden außerordentlich schwierig wäre.“