Österreich – Frankreich : Die andere Versöhnung

Louis de Fouchécour

von Louis de Fouchécour

Verwalter der Stiftung, ehemals Finanzattaché der französischen Botschaft in Deutschland (1993 – 1997), danach Vertreter der Gas de France Gruppe in Österreich (2005 – 2008).

„Als Sieger angekommen

Als Beschützer geblieben

Als Freund in die Heimat zurückgekehrt“

(Widmung der Gemeinde Innsbruck an Général Béthouart)

 

Die französisch-deutsche Versöhnung, die durch den Elysée-Vertrag aus dem Jahr 1963 besiegelt wurde, ist deutlich langsamer vor sich gegangen als die Wiedererlangung der österreichischen Souveränität, die ihrerseits durch den Staatsvertrag von 1955 paktiert  wurde. Frankreich hat diesen Vertrag mitunterschrieben und zu diesem Zeitpunkt, genauso wie seine Kriegsverbündeten, die letzten auf österreichischem Boden verbliebenen Besatzungstruppen abgezogen. Diese beiden Ereignisse von 1955 und 1963, die zeitlich weit voneinander entfernt sind, spiegelten jeweils sehr unterschiedliche geschichtliche Tendenzen wieder, insbesondere durch ihre Bedeutung und ihren jeweiligen Ehrgeiz im globalen, europäischen Einigungsprozess, wie dieser von Frankreich nach dem Krieg betrieben wurde. Trotz all dieser Unterscheide hat sich dieser Beitrag zur Aufgabe gemacht, die Zeichen der Kontinuität der französischen Diplomatie hervorzuheben, einer Diplomatie, die sich im Dienste der Annäherung Frankreichs an die germanische Welt und somit der europäischen Einigung versteht. Um diesen Ehrgeiz zu festigen, habe ich mir auch zum Ziel gesetzt, den “Begleiter der Befreiung“, den Général de Gaulle im Jahr 1945 als Oberkommandierenden, danach Hochkommissar der französischen Republik, in Österreich eingesetzt hat, ins Gedächtnis zu rufen: es ist dies Général Béthouart. Dieser Name hat eine beständige Erinnerung in Österreich zurückgelassen, und seine Geschichte ist wahrscheinlich in Frankreich zu wenig bekannt.

Général Béthouart

Béthouart, einer der großen Lieutenants von De Lattre und mit der französischen Armee in den letzten Kriegstagen nach Österreich gekommen, war gleich mit Ende der Kampfhandlungen (20. Mai 1945) in seine Funktionen berufen worden und hat diese erst fünf Jahre später abgelegt, gleichsam nach der Amtszeit eines „Prokonsuls“, welche ihm erlaubt hat, dauerhaft die großen Ausrichtungen, die bereits bei seiner Ankunft fixiert worden waren, festzuschreiben. An dieser Stelle ist es unerlässlich, die denkwürdigen Zeilen zu zitieren, die er ihnen in der „Schlacht um Österreich“ gewidmet hat – Zeilen, die eine Besinnung über die Verantwortlichkeiten der neuen Sieger, und im Besonderen der Franzosen, sind:

„(…) Es gab Wichtiges zu bedenken. Frankreich, als Besetzer Österreichs neben einem sowjetischen Russland mit maßlosen Ambitionen, neben den Vereinigten Staaten und Großbritannien, die ihrerseits großzügige und liberale, jedoch weit entfernte und extrakontinentale Befreier waren, hatte eine besondere Rolle zu spielen.“

„Es war selbst gerade erst von einer Besatzung befreit worden, an der österreichische Elemente in den Reihen der Wehrmacht teilgenommen hatten. Es war materiell und finanziell ruiniert.“

„Es hatte nicht die langen Kriege von früher vergessen, die es zum Gegner des Habsburger Reiches gemacht hatten, aber es hatte auch nicht vergessen, dass während mehrerer Jahrhunderte Österreich jenseits der Leitha und vor Graz das Bollwerk zugunsten des Abendlandes gegen die barbarischen Invasionen war.“

„Am Ende strebte Frankreich, tief gekränkt durch sein jüngst erfahrenes Leid, vor allem – nach zwei Kriegen, die beide zwischen Europäern ausgebrochen waren – die Errichtung eines echten Friedens an und man fühlte tatsächlich in jenen Tagen, als der Konflikt gerade beendet war, die Geburt und die Entwicklung dieses verwirrten aber echten Bestrebens  in Richtung Besänftigung, Versöhnung, ja bei manchen schon in Richtung einer Union Europas.“

„Man fühlte es in Lindau bei De Lattre, als er daran dachte, in Deutschland als Oberkommandierender zu bleiben und sich mit allen Mitteln bemühte, Maßnahmen zu finden, die deutsche Jugend zu besänftigen, ihr Sicherheit zu geben, sie zu begeistern. Ich habe es im Laufe der Gespräche, die ich mit Général de Gaulle hatte, gespürt, und auch in den Befehlen, die ich von ihm bekam. Außerdem hat unsere Besatzung versucht – immer unter Aufrechterhaltung der Ordnung und unter Erfüllung ihres Auftrags -, sich leicht zu gestalten, zu helfen, zu überzeugen, anstatt zu zwingen und zu allererst zu versöhnen, da es durch das Herz und im Herzen Europas, das heißt in Österreich ist, dass eine derartige Versöhnung beginnen können und müssen wird[1].“

Dieser Text stammt aus 1965 und bei seiner Lektüre heute ist es schwierig, nicht an das berühmte, der deutsch-französischen Versöhnung gewidmete Kapitel der „Memoiren der Hoffnung“  von Général de Gaulle selbst zu denken, der den Wunsch hegte, ein „Netzwerk bevorzugter Verbindungen, die Schritt um Schritt die zwei Völker dazu bringen werden, einander zu verstehen und einander zu schätzen“ sich entwickeln zu sehen[2].

 

Die Besonderheit der österreichischen Frage nach dem Krieg

Béthouart hat im Jahr 1945 in Österreich eine weniger schwierige Ausgangssituation vorgefunden als in Deutschland. Wenngleich die französischen Truppen in den letzten Kriegsmonaten Seite an Seite mit den Alliierten als Feinde in das österreichische Territorium eingedrungen sind, so war doch der verfolgte, später besiegte Feind eigentlich nicht die österreichische Armee sondern jene des deutschen Reichs. Seit dem Anschluss im Jahr 1938 hatte Österreich nicht mehr als unabhängiger Staat existiert. Die ehemalige Republik Österreich, die unter schwierigen Umständen dem Habsburger Reich in dessen deutschsprachigen Gebieten nachgefolgt war, war schlicht und einfach abgeschafft worden und das österreichische Territorium, nach Hitler-Art unterteilt in Gaue, war unter dem Namen Ostmark dem deutschen Reich einverleibt worden. Wien selbst, jahrhundertealte Hauptstadt, wurde herabgewürdigt auf den Stand einer Provinzhauptstadt.

Hitler hatte zwar in den Wochen nach der Invasion Österreichs durch seine Truppen eine Volksabstimmung ins Leben gerufen, um auf juristische Weise dem Anschluss (10. April 1938) Gültigkeit zu verschaffen. Ihr Ergebnis sprach für sich: die Angliederung ans Reich wurde von 99% der Abstimmenden approbiert. Dieses Ergebnis und vor ihm der triumphale Empfang der deutschen Soldaten und von Hitler selbst in Österreich sind jedoch nur ein Teil der Wahrheit. Dies vor allem, weil die Bedingungen des Wahlganges, der durch die diktatorische Herrschaft der Nazis organisiert worden war, offensichtlich nicht mit jenen einer echten demokratischen Befragung mithalten konnten. Weiters kann man nicht verleugnen, dass die politischen Machthaber Österreichs lange Zeit danach getrachtet haben, sich vor dem Anschluss den Expansionsabsichten Hitlers gegenüber Österreich zu widersetzen. Im Norden umgeben von Nazi-Deutschland, im Süden belagert durch das faschistische Italien und ausgezehrt durch die dauerhaften Folgen der Wirtschaftskrise von 1929 befand sich Österreich seit langen Jahren in einer kritischen Situation. Einige Wochen nach Hitlers Machtergreifung in Deutschland hatte zwar Kanzler Dollfuß im Zusammenhang mit einem schwelenden Bürgerkrieg ein wohl autoritäres Regime errichtet, den „Austrofaschismus“ (März 1933), aber dieser hatte auch gleich danach die Nazipartei und die österreichische kommunistische Partei verboten. Österreich hatte sein Heil in dieser bewegten Zeit ausschließlich der Unterstützung von Mussolini zu verdanken, welcher sich den Ambitionen Hitlers über das Land widersetzt hatte. Aber Dollfuß sollte mit seinem Leben diesen Widerstand bezahlen, wurde er doch von Nazi-Putschisten im Juli 1934 ausgerechnet in den Räumlichkeiten des Kanzleramtes in Wien ermordet! Sein Nachfolger Kurt von Schuschnigg hielt den Kurs Österreichs auf derselben geradlinigen Spur seines Vorgängers bis zum verhängnisvollen Tag des Anschlusses am 12. März 1938, als er versucht hat, bis zum letzten Augenblick Widerstand zu leisten[3].

Da der Vertrag von Versailles diese Angliederung Österreichs an das Reich ausdrücklich verbot, blieb der Anschluss ein umstrittener Akt und die Hitler gegenüber feindselig eingestellten Österreicher, zuerst 1938, später nach dem Krieg, hatten leichtes Spiel, die westlichen Staaten daran zu erinnern, dass sie damals nichts unternommen hatten, um Widerstand zu leisten, genauso wenig wie sie kurz zuvor anlässlich der Wiederbesetzung und der Wiederbewaffnung des Rheinlandes (1936) gemacht hatten. Und es war wieder dasselbe Bild, das sich in der Tschechoslowakei nach dem Vertrag von München (September 1938) bot. In den während des Krieges durch die Alliierten abgeschlossenen Verträgen wurde diese Frage (angesichts der zukünftigen Errichtung des Friedens in Europa) anlässlich der Konferenz von Moskau am 30. Oktober 1943 aufgeworfen. Diese Konferenz, zu welcher Frankreich nicht eingeladen war, bestätigte die juristische Nichtigkeit des Anschlusses und drückte den Wunsch aus, nach dem Krieg ein selbstständiges Österreich wiederherzustellen. Das Französische Komitee zur Nationalen Befreiung von Algier bekannte sich seit dem 16. November 1943 zu diesem Standpunkt; nicht ohne im Übrigen die Formulierung der Moskauer Deklaration in einem für Österreich großzügigeren Sinn zu differenzieren. Diese Deklaration hatte (wahrscheinlich unter dem Druck von Stalin) die Bedingungen zur Wiedererrichtung Österreichs nach dem Krieg jenem Beitrag untergeordnet, welchen die Österreicher selbst zu ihrer eigenen Befreiung zu leisten hätten[4].

Es war folglich in diesem Umfeld, dass sich die französischen Truppen in Österreich in den letzten Kriegswochen niedergelassen haben, zuerst in Vorarlberg, dann im Juli 1945 in Tirol, von wo sich die Amerikaner zu Gunsten der Franzosen zurückgezogen hatten, als die jeweilige Übereinkunft über die Besatzungszonen der Alliierten in Deutschland und in Österreich in Kraft getreten war. Wie auch Berlin hatte Wien das Statut einer durch die vier Alliierten besetzten Hauptstadt. 

 

Außenpolitik und Verteidigung

Unter den ersten Maßnahmen der neuen Epoche und der Übereinstimmung mit der grundsätzlichen Erklärung von Algier von 1943 ergreift Béthouart die Initiative zur Wiedererrichtung der aufgehobenen Grenze Österreichs mit Deutschland und lässt dort auf den neuen Grenzanzeigetafeln die Aufschrift „Freundesland Österreich“ anbringen. Abgesehen vom Wiederaufbau im Land und der Wiedererrichtung eines normalen Lebens, eben die unmittelbaren Nachkriegsherausforderungen, stehen der Wiederaufbau der öffentlichen Gewalt und die Wiedereinsetzung einer selbstständigen österreichischen Regierung auf dem politischen Plan, dies - so wollen es die westlichen Alliierten - in der kürzestmöglichen Zeit. „Der Kampf um Österreich“, das Buch über die Memoiren des Général Béthouart über diesen entscheidenden Abschnitt in Österreichs Geschichte, ist somit der lange Bericht über die Bemühungen der Vereinigten Staaten, von Großbritannien und von Frankreich, die Rückziehung des Besatzungsstatuts vom sowjetischen Partner zu erreichen.

Während der gesamten Dauer des Prozesses der Wiedererlangung der österreichischen Souveränität war der französische Beitrag deutlich: in der durchgängigen diplomatischen Verhandlung der Weststaaten gegenüber den Sowjets um die österreichische Selbstverwaltung und vor allem, um den durch die Österreicher gewählten Vertretern eine ernstzunehmende Rolle neben den Besatzungskräften zuzuweisen; für die Eingliederung jenes Teils Österreichs, welcher durch die Westmächte besetzt war, in den europäischen Gesamtverteidigungsplan gegen eine eventuelle sowjetische Aggression; für den Wiederaufbau einer österreichischen Armee[5]; für die Wiederbelebung der österreichischen Industrie und besonders, als Vorbedingung, die schnelle Bereinigung der vielfältigen, noch aus dem Krieg geerbten wirtschaftlichen Konflikte. Was diesen letzten Punkt betrifft, erinnert uns Béthouart, dass Frankreich die erste der vier alliierten Mächte war, welche – zugunsten des neuen österreichischen Staates - auf die in seiner Zone gelegenen deutschen Produktionsmittel verzichtete, die die Besatzungsverträge es ihm erlaubt hätten, als Reparationsleistungen einzufordern. Dieses Recht hatte prinzipiell auch jeder andere Alliierte[6].

Es handelte sich hier wohl um eine Schlacht des Kalten Krieges, die am Ende durch die Österreicher im post-stalinistischem Tauwetter gewonnen wurde, dies jedoch zum Preis einer förmlich eingegangenen Verpflichtung zur Neutralität durch das neue Österreich, welche zu einem Gutteil den verspäteten Beitritt zur neuen europäischen Union (1995), erst nach dem Untergang des Sowjet-Blocks, erklärt. Béthouart, der sich des durch Frankreich verrichteten Werkes zum Zeitpunkt des Abzugs seiner Truppen aus Österreich rühmte, bedauerte den Zeitraum von zehn Jahren, den Österreich benötigt hatte, um wieder ein unabhängiger Staat zu werden; und seine pro-europäischen Nachkriegsüberzeugungen waren, vor allem auf militärischem Gebiet[7], durch die langsame Integration des neuen Österreich in den Aufbau Europas sicherlich enttäuscht worden. Was wesentlich war, wurde trotzdem erreicht, und die Verankerung Österreichs im Westen wird nie mehr wirklich bedroht sein.

 

Kulturpolitik

Auf kulturellem Gebiet ist der markante Akt dieser Nachkriegsperiode die Unterfertigung des französisch-österreichischen Übereinkommens von 15. März 1947, das – nach der Einrichtung des französischen Instituts von Innsbruck (1946) – die Einrichtung des französischen Instituts von Wien ermöglicht hat und damit einhergehend auch eine überaus dynamische Politik mit dem Ziel, auf österreichischer Seite eine bessere Kenntnis der französischen Sprache und der französischen Kultur zu erreichen. Diese Maßnahmen, die beispielsweise besondere Bestimmungen zur Entwicklung des Jugendaustausches zwischen den beiden Ländern beinhalten, wirken offensichtlich in den entsprechenden Bestimmungen des Elysée-Vertrages aus dem Jahr 1963[8] fort.

In Wien wird bereits im Frühjahr 1946 ein französisches Gymnasium eröffnet und diese Institution, die die Wiener einfach das „Lycée“ nennen, wurde schnell eine namhafte Größe in der Bildungslandschaft der Hauptstadt. Bekannt für seine Strenge und für die Qualität seines Unterrichts, der klarerweise auf Französisch erteilt wird, aber mit Anerkennungsabkommen zwischen dem österreichischen und französischen System, hat es mehrere hundert Schüler, die großteils die österreichische Staatsbürgerschaft haben, und Frankreich ist dem „Lycée“ zu Recht bis heute für die Aufrechterhaltung einer starken frankophilen Tradition und der Frankophonie in der österreichischen Elite verbunden[9].

 

Die Gesten und die Symbole

Was nun die Symbole betrifft, unternahm Béthouart zwei Initiativen, die rasch mit der österreichischen Bevölkerung, und besonders mit jener aus Tirol, ein weithin anerkanntes und geschätztes Klima des Verständnisses zu schaffen vermochten. Die erste dieser Initiativen war die an die „Schützenkompanien“ erteilte Ermächtigung, ihre alten Waffen zu behalten. Denn diese Kompanien mit ihrem traditionellen und folkloristischen Charakter und beseelt vom Geist der Selbstverteidigung in den Alpentälern sowie der Jagdkultur verkörpern die Geschichte Tirols. Genauso haben auch die Jagdhüter rasch die Ermächtigung erhalten, wiederbewaffnet auszuziehen. Diese Maßnahme, die in der Wahrnehmung zwar unwesentlich war, war jedoch ganz im Gegenteil notwendig, um den Erhalt des Wildes in den Bergen zu garantieren und somit die rasche Rückkehr der Jagd und des Tourismus, die nicht zu vernachlässigende Ressourcen für die Tiroler Täler sind, zu erlauben. Mit viel Weisheit hatte Béthouart schnell verstanden, dass das Zulassen des Bestehens dieser Traditionen, die ja weit davon entfernt waren, die Aufgaben der Besatzungstruppen zu verkomplizieren, ein einfacher Weg war, um Herzen zu gewinnen. Er selbst berichtet in der „Schlacht um Österreich“ in Worten, die in Tirol beinahe sprichwörtlich sind, dass die Wiederherstellung des Waffentragens eine gute Politik war, denn „die Tiroler wären nur gefährlich gewesen, wenn man ihnen ihre Waffen abgenommen hätte“.

In weniger anekdotenhafter Form ist es genauso wichtig für Béthouart, die ältere Geschichte nicht zu verkennen, besonders jene des „Nationalhelden“ von Tirol, Andreas Hofer (1767 – 1810). Denn Hofer war der Kopf des Widerstandes gegen die französische Besatzung im Zeitalter der napoleonischen Eroberungen, und seine Gefangennahme, sowie danach seine Exekution, haben aus ihm den Märtyrer gemacht, dessen Andenken in Tirol glühend verehrt bleibt. Béthouart erinnert, dass das auf seinem Grab errichtete Denkmal in der Hofkirche von Innsbruck am Tag des Eintreffens der Franzosen in der Stadt mit Schleier verhüllt war; er unterstreicht aber auch, dass zur Vermeidung jeder Entgleisung eine seiner ersten Entscheidungen war, jede Form von Feindseligkeit seiner Truppen gegenüber den Denkmälern, die das Andenken an Hofer würdigen, zu verbieten. Mit dem Ende seines Auftrags im September 1950, und als Zeichen endgültiger Versöhnung, wünschte er eine Krone am Berg Isel, nahe Innsbruck, am Fuß der Statue von Andreas Hofer niederzulegen und hielt auf Deutsch vor den versammelten Schützenkompanien die folgende denkwürdige Rede: „Seit 140 Jahren feiert Ihr das Andenken an Euren Nationalhelden, Andreas Hofer, den wir, die Franzosen, erschossen haben. Auch wir haben unsere heldenhaften Märtyrer, deren Andenken und deren Opfer wir ehren. Jedes Land hat ein Recht auf seine Freiheit und in diesem Sinne möchte ich, bevor ich Euch verlasse, unsere Versöhnung besiegeln und unsere Freundschaft begehen, in dem ich diese Krone am Fuß der Statue von Andreas Hofer niederlege“.

Dies waren die maßgeblichen Ereignisse der ersten Nachkriegsjahre zwischen Franzosen und Österreichern. Mit Blick auf die französisch-deutsche Versöhnung, die parallel vor sich ging, war die französisch-österreichische Versöhnung sicherlich ein weniger schwierig erreichbares Ziel. Gleichwohl wurde nichts umsonst erreicht. Es gab eine Vielzahl von Risiken, seien diese nun mit vergangenen Gegensätzlichkeiten verbunden gewesen oder, wahrscheinlich noch schlimmer, mit westlicher Zwietracht, von der das sowjetische Russland sicherlich profitiert hätte. Mit nur wenigen einfachen Gesten, mit nur einigen richtungsweisenden Initiativen, aber mit Unternehmergeist, Herz und Beständigkeit haben Béthouart und seine Mannschaft diesen Risiken zuvor kommen können und der Bewegung für die französisch-österreichische Versöhnung einen nicht nur kurzsichtigen sondern intelligenten und dauerhaften Charakter geben können, basierend auf einer Perspektive, die langfristig war, und zwar gleichzeitig vergangenheits- und zukunftsorientiert. [10] 

 

[1] General Béthouart, La Bataille pour l’Autriche, Presses de la Cité, 1965, Seiten 40 bis 41.

[2] Général de Gaulle, Mémoires d’Espoir, tome 1 „Le Renouveau 1958-1962“; Plon; 1970 Seite 183 (übers.: Memoiren der Hoffnung – Die Wiedergeburt 1958-1962, Verlag Fritz Molden, 1971). Betreffend die Österreich-Politik des Generals siehe vollständiger Artikel veröffentlicht durch die Zeitschrift espoir (Nr. 82, Juni 1982) aus der Feder von Klaus Eisterer: „Conception de l’Autriche et politique autrichienne de De Gaulle entre 1943-1946“ (übers.: Konzeption Österreichs und der österreichischen Politik durch De Gaulle zwischen 1943 und 1946).

[3] Kurt von Schuschnigg (1897-1977) wurde durch die Nazis 1938 eingekerkert, danach deportiert ins Konzentrationslager Dachau, wo er während des gesamten Krieges blieb. Er nahm nach dem Krieg die amerikanische Staatsbürgerschaft an.

[4] Der Text der Konferenz von Moskau lautet wie folgt: „ Österreich, als erstes freies Land Opfer der Nazi-Aggression muss von der deutschen Herrschaft befreit werden. Die drei Regierungen [russisch, amerikanisch und britisch] betrachten die durch Deutschland am 15. März 1938 Österreich auferlegte Eingliederung als null und nichtig (…). Nichtsdestoweniger wird Österreich daran erinnert, dass es Verantwortung, der es sich nicht entziehen kann, trägt, am Krieg an der Seite Hitler-Deutschlands teilgenommen zu haben und dass sein Beitrag zur eigenen Befreiung in der endgültigen Abrechnung unvermeidlich berücksichtigt werden wird“. Das Communiqué von Algier vom 16. November 1943, das keinerlei Anspielung auf diesen letzten Satz enthielt, „hielt erinnernd daran fest, dass Frankreich immer eine Position zugunsten der österreichischen Unabhängigkeit eingenommen hat“, und ergänzte: „das Komitee [von Algier] zieht nicht in Zweifel, dass die österreichischen Patrioten dem Zweck ihrer Unabhängigkeit dienen werden, indem sie selbst an der Befreiung und an der Wiedergeburt ihres Landes arbeiten“. Zit. nach Béthouart, ebenda, Seiten 15 und 16.

[5] Betreffend dieses Thema siehe zB.: Margit Sandner, die französisch-österreichischen Beziehungen während der Besatzungszeit von 1947 – 1955, VWGÖ, Wien 1985, Seite 286 ff. Über die Kriegsperiode selbst, siehe auch den interessanten Artikel von Hans Reichmann in der Ausgabe Nr. 80 der Zeitschrift Espoir (März 1992), der an die Aufnahme eines österreichischen freiwilligen Heeres in die französischen Streitkräfte erinnert und unterstreicht, dass „Frankreich unter der Leitung des Général De Gaulle demnach das einzige westliche Land war, das eine österreichische Einheit gegründet hat, welche berufen war, an der Befreiung Österreichs mitzuwirken“ (Seite 36).

[6] Béthouart, ebenda, Seite 194.

[7] Es sei daran erinnert, dass Béthouart im Jahr 1955 ein Plädoyer für die europäische Verteidigungsgemeinschaft veröffentlicht hat: „Die Angst vor dem Risiko und die europäische Verteidigungsgemeinschaft“, Denoël. Dieser Text beinhaltet im Besonderen bahnbrechende Weiterentwicklungen für die deutsch-französische Annäherung.

[8] Kapitel „Bildung und Jugend“ des Vertrages.

[9] Betreffend diese kulturellen Fragen siehe das Werk von Margit Sandner (bereits zitiert), sowie jenes von Klaus Eisterer, „Französische Besatzungspolitik, Tirol und Vorarlberg 1945/46“, Haymon Verlag, 1991. Dieses letzte Werk dreht sich im Besonderen um die unmittelbare Nachkriegszeit und die französische Besatzungszone im Westen von Österreich.

[10] Aus dem Französischen übertragen von Christian Riener, Partner von Vienna Capital Partners.