Madame Yvonne de Gaulle

„Meiner Frau, ohne die nichts, was je geschah, möglich gewesen wäre“ schrieb der General in das Exemplar von Band I seiner Memoiren der Hoffnung, das er seiner Frau schenkte.

DR

Yvonne Vendroux, Industriellentochter aus Calais, ehelicht am 7. April 1921 den Hauptmann de Gaulle und schenkt ihm drei Kinder: Philippe, geboren am 28. Dezember 1921; Elisabeth, geboren am 15. Mai 1924, und die am 1. Januar 1928 geborene Anne, deren schwere Behinderung wenige Monate später erkennbar wird. Madame de Gaulle trennt sich nie von ihr, wie schwer die Umstände auch sein mögen.

 

 

 

Die beispielhafte Hausfrau und Mutter Yvonne de Gaulle folgt ihrem Mann überall hin, von Paris nach Trier (1927/28), in den Libanon (1929—1931) und nach Metz (1937—1939). Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs taucht sie mit ihm in die bewegten Wogen der Geschichte ein: Am 17. Juni 1940 geht sie an Bord des letzten Schiffes, das aus Brest ausläuft, mit ihren drei Kindern nach London. Das Boot, das sie ursprünglich nehmen sollte, wird zwischen Bretagne und England versenkt. Mehrere Stunden lang redet man sogar bis in die Umgebung von Churchill hinein von diesem Untergang. In London erlebt Yvonne de Gaulle alle Bombardierungen und Sorgen mit. Im Juni 1943 gesellt sie sich in Algier ihrem Mann zu, der inzwischen zum Chef des Kämpfenden Frankreich geworden ist, lässt dabei ihren Sohn zum Kampf in England und dann bei der Landung in der Normandie zurück.

Nach den Ruhmestagen der Befreiung begleitet die von einem unerschütterlichen Glauben beseelte Madame de Gaulle ihren Mann geduldig nach Marly und anschließend ins selbstgewählte innere Exil der Jahre 1946—1958 in der Maison de la Boisserie in Colombey. Dort findet das Ehepaar mit der Heirat der Tochter Elisabeth mit Major Alain de Boissieu und später des Sohnes Philippe mit Henriette de Montalembert, die Freuden des Familienlebens wieder, erfährt aber auch untröstlichen Kummer, als Anne am 6. Februar 1948 stirbt.

 

Yvonne de Gaulle, die ihrem Mann in allen schweren Prüfungen die Treue hält, bleibt auch in der Stunde des Sieges stets wachsam. Als ihr Mann im Juni 1958 wieder an die Spitze der Regierung berufen wird, zieht sie mit ihm ins Hotel Matignon, den Amtssitz des Ministerpräsidenten. Gewissenhaft spielt sie ihre Rolle als aufmerksame und diskrete Dame des Hauses, auch wenn sie die Stille der Boisserie vermisst. Als sie im Dezember 1958 Frankreichs „First Lady“ wird, wahrt sie ihre stille Einfachheit, geht den Journalisten aus dem Weg und beschränkt sich aufs strengste auf ihre offiziellen Verpflichtungen; sie begleitet ihren Mann auf seinen Reisen, widmet sich unauffällig karitativen Anliegen und beantwortet sorgfältig die umfangreiche Korrespondenz, die sie erhält. In den Wohnräumen des Palais de l’Elysée, dem sie wenig Geschmack abgewinnen kann, überwacht sie die Vorbereitung der Mahlzeiten, zu denen die engen Mitarbeiter ihres Mannes, die Regierungs- und Familienmitglieder sowie die Oberhäupter der in die Unabhängigkeit entlassenen Staaten geladen werden.

Auch in schwersten Augenblicken ist Yvonne de Gaulle an der Seite von Charles de Gaulle, so beim Attentat von Petit-Clamart. Sie entgeht unverletzt den MG-Salven, und ihr Mann beglückwünscht sie zu ihrer Tapferkeit. Aber die Last der Macht – endlose Reisen in die Provinz und ins Ausland, Unterhaltungen mit den Botschaftersfrauen – ermüden sie; sie sähe es am liebsten, wenn ihr Mann zur Ruhe fände und sich 1965 nicht wieder zur Wahl stellte. Dennoch steht sie ihm in den Prüfungen der zweiten siebenjährigen Amtszeit beispielhaft zur Seite, vertraut indes darauf, dass er mit 80 Jahren die Präsidentschaft aufgibt und damit „alle Welt überrascht“.

Nach dem Tod ihres Mannes zieht sich die zurückhaltende und streng gläubige Frau in eine religiöse Einrichtung zurück. Sie stirbt im Val-de-Grâce am 8. November 1979, dem Vorabend des neunten Todestages des geliebten Mannes, dem sie in seiner nationalen Aufgabe mehr beigestanden hat, als die Franzosen gemeinhin wussten, denn stets verstand sie es, zu beobachten, zu urteilen und zuzuhören. Nichts, was ihre Familie und was Frankreich betraf, war ihr je gleichgültig.