Die Modernisierung der Landwirtschaft

Als General de Gaulle 1958 wieder an die Macht kommt, ist die Lage der Landwirtschaft beunruhigend, und die Bauern sind besorgt.

 

Nach der Knappheit in der unmittelbaren Nachkriegszeit drohte mit dem Wiederauftauchen neuer Überschussernten ab 1953 ein Preisverfall, dem man mit den zwischen 1956 und 1957 getroffenen Maßnahmen der Indexierung zu begegnen versuchte. Als dann im Rahmen des Stabilisierungsplanes vom Dezember 1958 die Indexierungen allgemein wegfielen, bemächtigte sich der landwirtschaftlichen Kreise neue Unruhe.

 

Gleichzeitig verspüren sie das Tempo des Wandels; die „Landflucht“ beschleunigt sich. Ende der fünfziger Jahre sind immerhin noch 20 Prozent der arbeitenden Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig, und Jahr für Jahr schließen Zehntausende Betriebe.

 

Die Landwirtschaft ist also der am dringendsten modernisierungsbedürftige und zugleich delikateste Bereich, denn es geht in erster Linie um ein völliges Umdenken und neue gesellschaftliche Strukturen. Eine ausgeprägte innenpolitische Gegnerschaft kommt verschärfend hinzu: Die ältesten Jahrgänge der Bauernführung befürworteten ein französisches Algerien. Im Agrarsektor also sieht sich General de Gaulle schon ab 1959 mit den ersten, manchmal gewaltsamen Massendemonstrationen konfrontiert. Als der Präsident des Bauernverbandes FNSEA, M. Courau, bei Krawallen von einem Pflasterstein am Kopf getroffen wird, schäumen die Wogen über.

 

Bei der jungen Generation findet man diese systematische Gegnerschaft nicht; sie ist bereit, die Annäherung der französischen Agrarpreise und mithin die der EG an die Weltmarktpreise hinzunehmen, sofern die Lebensfähigkeit der Familienbetriebe gewahrt bleibt und der schnelle Generationswechsel die nötigen Zusammenlegungen erlaubt. So taucht der Gedanke an eine Art „Mitbestimmung“ oder gemeinsames Vorgehen auf, bei denen die Regierung die mit den – an die Stelle der alten Führungsriege der Bauernverbände tretenden – Vertretern des Nationalen Zentrums der Jungen Bauern ausgehandelten Gesetze verabschieden soll.

 

Der General billigt diese Politik und empfängt die Vertreter der Jungen Bauern. Damit nimmt die, wie es ihr Vorsitzender Michel Debatisse nennt, „lautlose Revolution“ ihren Ausgang, der Premierminister Michel Debré kräftig unter die Arme greift.

 

Ziel der französischen Politik ist es also, das Preisniveau zu halten, die Landwirtschaft als Trumpf in die Wagschale der Handelsbilanz zu werfen, die Agrarstrukturen grundlegend zu reformieren, den unausweichlichen Wandel mit sozialen Maßnahmen zu begleiten und zugleich, gewissermaßen stromabwärts, die Modernisierung der Agrar- und Nahrungsmittelindustrien und der Verteilung voranzutreiben.

 

I – Preispolitik

Mit dem großen Orientierungsgesetz vom 5. August 1960 und später dem Ergänzungsgesetz von 1962 werden die großen Linien einer nationalen Politik vorgezeichnet, die bald darauf durch die europäischen Getreideabkommen vom 14. Januar 1962 auf europäische Ebene transponiert wird; die späteren Abkommen über Rindfleisch, Wein, Obst und Gemüse folgen demselben Muster.

     Grundlage des ganzen sind jährlich auf europäischer Ebene für jedes Produkt festzulegende, garantierte Preise. Im Außenverhältnis genießen diese Produkte einen besonderen Wechselkurs: Getreideeinfuhren, die auf dem Weltmarkt zu einem niedrigeren als dem garantierten Preis gekauft werden, unterliegen beim Eingang in die Gemeinschaft der Abschöpfung eines „Ausgleichsbetrages“ in Höhe dieses Preisunterschieds. Umgekehrt kommen die Getreideausfuhren aus der Gemeinschaft in den Genuss einer „Ausfuhrerstattung“ in gleicher Höhe.

     Dieser Mechanismus führt Ende 1963 zur Schaffung eines Europäischen Ausrichtungs- und Garantiefonds für die Landwirtschaft (EAGFL).

 

II – Strukturmaßnahmen

Schon 1958/59 erkennen der General und seine unmittelbaren Mitarbeiter in gewissen agrargewerkschaftlichen Kreisen den Wunsch, diese Preispolitik, auf die der FNSEA besonderen Wert legt, mit einer kräftigen Strukturerneuerung zu begleiten. Ganz besonders gilt dies für die Jungen Bauern unter Führung von Michel Debatisse und François Guillaume.

     Diese Zielsetzung wird in mehreren bedeutenden Texten konkretisiert:

  • das Gesetz von 1960 über die Errichtung der Gesellschaften für Raumordnung und Ausrüstung in Landgebieten („Sociétés d’aménagement fonciers et d’equipment rural“ – SAFER) und das Gesetz über Kumulierungen, mit denen eine vernünftige Aufteilung ländlichen Bodens sichergestellt werden soll;
  • die Einrichtung von Erzeugerzusammenschlüssen („groupements de production“ – GAEC) und Nutzungszentren für landwirtschaftliches Gerät („Centres utilisateurs de matériel agricole“ – CUMA) als Ergänzung zu den schon vor 1958 errichteten Studienzentren für landwirtschaftliche Techniken („Centres d’études techniques agricoles“ – CETA).

 

III – Soziale Begleitmaßnahmen des Agrarwandels

Wichtigste Maßnahme ist die Schaffung einer freiwilligen Abgangsentschädigung („Indemnité volontaire de départ“ – IVD), die Landwirten, die ihren Betrieb an einen übernahmebereiten Jüngeren abtreten, eine Zusatzrente sichert.

       Die Verwaltung dieser Entschädigung obliegt dem mit Gesetz vom 8. August 1962 geschaffenen Sozial-Aktionsfond für die Bereinigung der Agrarstrukturen („Fonds d’Action sociale pour l’aménagement des structures agricoles“ – FASASA).

       Im übrigen sind sämtliche Sozialhilfen für die Landwirtschaft Gegenstand eines 1963 geschaffenen Anhangshaushalts („Budget annexe des prestations sociales agricoles“ – BAPSA).

 

IV – Folgeaktionen: Agrar- und Nahrungsmittelindustrien und Verteilung

Eine volle Aufwertung der Agrarerzeugung setzt auch ein Einwirken auf ihre Verarbeitung und Verteilung voraus.

       Hier sind insbesondere die Erneuerung der Schlachthöfe und die Schaffung der Schlachthöfe von La Villette zu nennen, deren Konzept sich aber bald als zu ehrgeizig erweist, sowie die Errichtung der „Markthallen von nationalem Interesse“ in Rungis unter Nutzung der Muster-Verkaufstechnik; damit verschwinden später die berühmten „Halles“ von Paris.

       Gleichzeitig werden die Bemühungen um einen Absatz der weniger edlen Viehzuchtprodukte gefördert, der günstiger ist als der reine Verlustexport (Aufwertung der „Vorderteile“); gleiches gilt für die Entwicklung moderner Verteilungsformen (Super- und Hypermärkte, „Discount“), eine Pionierleistung von Edouard Leclerc.

       Diese neuartige Landwirtschaftspolitik, die im wahrsten Sinne eine von der öffentlichen Hand und den Vertretern der Jungen Bauern gemeinsam betriebene lautlose Revolution ist, erleichtert die Modernisierung der Landwirtschaft; sie erlaubt eine Evolution des Landlebens, das in seiner bisherigen Form zu sehr auf der französischen Gesellschaft lastete, und setzt einen beträchtlichen Teil der Landbevölkerung für die Expansion der Industrie frei, die damit ohne Zuwanderung auskommt.

       Desgleichen wird der Agrarsektor zum ersten Beispiel einer von General de Gaulle nicht nur hingenommenen, sondern – da im höheren Interesse des Landes liegend –gewollten supranationalen Politik auf EG-Ebene.