Die Modernisierung der französischen Industrie

Nachdem sich die Umstellung der französischen Industrie bereits 1956 und 1957 mit einem starken Aufschwung der gewerblichen Investitionen im Hinblick auf die Verwirklichung des Gemeinsamen Marktes angekündigt hatte, wird sie, als sich Frankreich wirklich zur europäischen Konstruktion bekannte, zum gemeinsamen Werk von Unternehmen und öffentlicher Hand.

 

Als die Wettbewerbsfähigkeit erreicht und die Einhaltung der wichtigsten Gleichgewichte (Haushalt, Finanzen, Fremdguthaben, Löhne und Preise) gesichert waren, galt es

  • den geeigneten Rahmen für die Evolution der Strukturen und die unerlässlichen Reformen der gesamten Industrie zu finden;
  • die energiepolitische Unabhängigkeit Frankreichs zu sichern;
  • die Entwicklung neuer Industrien zu fördern.

 

I – Reformfreudiger Rahmen

 

Der Staat engagierte sich in den sechziger Jahren zwar weniger unmittelbar als in der unmittelbaren Nachkriegszeit, spielte aber dennoch in der Wirtschaft weiterhin eine zentrale Rolle, insbesondere auf dem Umweg über den Modernisierungsplan, den General de Gaulle als „inbrünstige Pflicht“ und Generalkommissar Pierre Massé als „Verringerung der Ungewissheiten“ bezeichnen.

 

Bereits 1960 wird ein „Interimsplan“ aufgestellt, mit dem der vor 1958 verabschiedete Plan angesichts der zwischenzeitlichen tiefgehenden Veränderungen die notwendigen Korrekturen erfährt; gleichzeitig wird ein IV. Plan ausgearbeitet, der ehrgeizige Wachstumsziele aufstellt, sich mehr um die sozialen Aspekte kümmert und hinsichtlich der Perspektiven einer Reduzierung der Arbeitszeit sehr zurückhaltend ist …

 

Letztere schlägt sich unmittelbar erst 1963 in der allgemeinen Gewährung einer vierten bezahlten Urlaubswoche nieder. Davor wurden im Dezember 1958 das nationale Abkommen über UNEDIC (Arbeitslosengeld) geschlossen, im Dezember die Zusatzrente auf alle Lohn- und Gehaltsempfänger ausgedehnt sowie entlang der Leitlinien einer Verordnung vom September 1959 diverse Formen der Lohnbeteiligung beschlossen.

 

Zur Förderung der Mobilität der Unternehmen ergehen rechtliche und fiskalische Bestimmungen, insbesondere mit dem Gesetz vom 12. Juli 1965 zur fiskalischen Erleichterung von Fusionen, und der Verordnung vom 24. September 1967, mit der die wirtschaftlichen Interessengruppierungen (GIE) geschaffen werden, die den Zusammenschluss mehrerer Firmen unter Beibehaltung ihrer Eigenständigkeit erlauben (Airbus).

 

1967 folgen diverse Maßnahmen zur Förderung langfristiger Finanzierungen durch Eröffnung eines Marktes für Hypothekenkredite, die Stärkung der Provinzbörsen und die Schaffung einer Kommission für die Börsentätigkeit (COB), die für mehr Transparenz und das geordnete Funktionieren der Transaktionen auf den Finanzmärkten sorgen soll.

 

Ebenfalls 1967 nimmt der Staat, der seit der Nationalisierung von 1946 Aktionär zahlreicher Banken und Versicherungsgesellschaften ist, ansehnliche Umgruppierungen vor, indem er die Banque nationale pour le Commerce et l’Industrie (BNCI) und das Comptoir national d’Escompte de Paris (CNEP) zur Banque nationale de Paris (BNP) verschmilzt und die Versicherungsgesellschaften VIE und IARD drei großen Versicherungen beigesellt – der Union des Assurances de Paris (UAP), der Groupe des Assurances nationales (GAN) und den Assurances générales de France (AGF).

 

1968 legt ein vom stellvertretenden Gouverneur der Bank von Frankreich, Bernard Clappier, ausgearbeiteter Bericht die Grundlagen für eine tiefgreifende Reorganisation der chemischen Industrie, deren Verwirklichung sich über mehrere Jahre erstreckt.

 

II – Energiepolitische Unabhängigkeit Frankreichs

 

Außer der Wasserkraft und der während der fünfziger Jahre entdeckten Erdöl- und Gasvorkommen (Parentis, Lacq) verfügt Frankreich als eigene Energiequellen nur über die umfangreichen Kohlevorkommen, die seine Entwicklung im 19. Jahrhundert gesichert hatten, deren Schließung aber durch ihre absehbare Erschöpfung und allzu schwierigen Ausbeutungsbedingungen unumgänglich wird. Sie müssen also, bei gleichzeitiger Suche nach neuen Energiequellen, nach und nach vor allem auch sozialverträglich reduziert werden. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die Kohleerzeugung immerhin noch 60 Millionen Tonnen jährlich betragen, die von einer Million Bergleuten gefördert wurden. Um diese Aufgabe kümmern sich die „Charbonnages de France“.

 

Bereits in den zwanziger Jahren war zur Verwaltung des 23,5-prozentigen Anteils des einstmals in deutschen Händen befindlichen irakischen Erdöls die Compagnie française des Pétroles (CFP) ins Leben gerufen worden, deren Kapital zu einem Drittel in staatlicher Hand lag. Desgleichen hatte ein Gesetz von 1928 eine nationale Präferenz für die Raffinierung eingerichtet.

 

Zur Ergänzung dieser Vorkehrungen wurde nun 1960 die Union générale des Pétroles (UGP) geschaffen, die später durch Fusion mit dem Etablissement public de Recherches pétrolières (ERAP) die Gruppe ELF Aquitaine ins Leben rief. ELF und CFP entdecken umfangreiche Öl- und Gasvorkommen in der Sahara nahe der tunesischen Grenze. Auch nach der Unabhängigkeit Tunesiens und dann Algeriens erlauben diese Ressourcen eine Entwicklung der beiden Gesellschaften, bevor sie sich weiteren Quellen (Gabun, Nordsee usw.) zuwenden.

 

Parallel zu den seit 1945 laufenden Bemühungen um die Entwicklung der Atomforschung und seiner militärischen Anwendungen erarbeitet das Atomenergiekommissariat nach und nach die Techniken für eine zivile Nutzung mit Hilfe von Reaktoren, die ein weniger angereichertes Uran als das zur Bombenherstellung benötigte benutzen. Dieses Zivilprogramm beruht zunächst auf der Nutzung des sogenannten „Graphit-Gas-Austauschs“, der sich aber als zu kostspielig erweist und deshalb 1968/69 aufgegeben wird. Er erleichterte aber immerhin die Verwirklichung des „Wasserdruck“-Austauschs, dank dessen ab 1973 fünfzig Atomwerke gebaut werden können, die die Produktion von 80 Prozent des in Frankreich verbrauchten Stroms abdecken.

 

III – Hilfe bei der Entwicklung neuer Industrien

 

1. Luftfahrt

 

Seit den Verstaatlichungen von 1936 bis 1946 ist der Staat Eigentümer der wichtigsten Luftfahrtfirmen, die zunächst in Regionalgesellschaften (SNCASE, SNCASO usw.) aufgeteilt sind, dann in zwei Haupteinheiten zusammengefasst werden: Sud Aviation und Nord Aviation. Zudem war der Staat als einziger in der Lage, die Risiken und Kosten ehrgeiziger Programmstudien wie etwa für die Concorde zu schultern, die mangels ausreichender Verkäufe nie völlig wettgemacht werden konnten, oder auch des Airbus, der erst nach mehreren Jahrzehnten rentabel wurde.

 

Die nötigen Beschlüsse unterstützte General de Gaulle mit seinem ganzen Gewicht. Nur weil Frankreich fest entschlossen war, die beiden Programme durchzuführen, konnte es seine Partner – Großbritannien für die Concorde, ein europäisches Konsortium für den Airbus – zum Mitmachen bewegen.

 

2. Raumfahrt

 

Gleiches galt für die ersten Schritte in der Raumforschung. Zu einer Zeit, als die UdSSR mit dem „Sputnik“ die Welt schockierte und den ersten Menschen in den Weltraum schickte, und die Vereinigten Staaten sich anschickten, Astronauten auf dem Mond landen zu lassen, durfte Frankreich und mit ihm Europa nicht völlig abseits bleiben. Mit der Errichtung des Centre national d’Etudes spatiales (CNES) wurde der Grundstein für eine Entwicklung gelegt, die dann in den siebziger und achtziger Jahren in den Ariane-Flügen ihre Krönung fand.

 

3. Informatik und der „Plan Calcul“

 

Ab 1965 ist für General de Gaulle und die Regierung die Entwicklung einer nationalen Industrie im Bereich der Informatik und der modernen Kommunikationstechnik ein Herzensanliegen. Nachdem er sich dem Aufkauf der damals einzigen französischen Firma auf diesem Gebiet, BULL, durch das amerikanische Großunternehmen General Electric widersetzt hatte, beschloss er im Rahmen des „Plan Calcul“ (13. April 1967) die Schaffung der Compagnie internationale pour l’Informatique (CII). In ihren ersten Geschäftsjahren sollte diese Gesellschaft in den Genuss einer „nationalen Präferenz“ seitens der Nutzer der öffentlichen und halböffentlichen Hand gelangen.

 

Wegen der sehr stürmischen Entwicklung auf dem Informatiksektor bleibt diesen Bemühungen der Erfolg versagt.