Die Freien Franzosen in Großbritannien

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Die Geschichte der Freien Franzosen in Großbritannien erzählt von einer allmählichen Niederlassung unter den höchst problematischen Bedingungen des Sommers 1940. Eine schreckliche Bedrohung lastet auf dem Territorium einer Nation, die fortan ganz allein den Kampf gegen Nazideutschland fortführt und zudem Regierungen und Fetzen oft völlig mittelloser und manchmal demoralisierter Truppen aus den besiegten Ländern aufnimmt.

 

Die französischen Soldaten und Zivilisten, die sich im Sommer 1940 in Großbritannien befinden, sind dort in völliger Unordnung teils als Einzelpersonen, teils, wie die in letzter Minute in Dünkirchen eingeschifften oder aus Narvik entkommenen Truppen, als organisierte Einheiten eingelangt. Von letzteren, denen die freie Wahl gegeben wurde, ob sie nach Frankreich heimkehren oder den Kampf vor Ort fortsetzen wollten, entschied sich eine Minderheit, General de Gaulle zu folgen. Für alle diese Soldaten und ihre Kommandeure sowie für die ganze Infrastruktur der unerlässlichen Dienste musste schnellstens Unterkunft beschafft werden – angesichts der Umstände eine Herkulesarbeit, die auch die tastenden Fortschritte erklärt.

 

General de Gaulle richtet sich in London zunächst im ersten Stock eines geräumigen Hauses gleich neben dem Hyde Park ein: 7-8 Seamore Grove (heute 7 Curzon Place). Die kleine Wohnung hat ihm sein früherer ziviler Kabinettschef in Paris, Jean Laurent, zur Verfügung gestellt. Hier melden sich ab dem 18. Juni die ersten Freiwilligen. Doch sehr schnell, am 23. Juni, kann sich das Provisorische Französische Nationalkomitee, gestärkt durch die offizielle Anerkennung der britischen Regierung, etwas großzügiger in zunächst vier, dann zwölf Zimmern im St-Stephen’s House, Victoria Embankment, am Themseufer einrichten, wo Sir Edward Spears, der den General von Bordeaux aus im Flugzeug herbegleitet hatte, seine Büros unterhielt. Dort bleibt das Freie Frankreich nur einen Monat lang und bezieht am 22. Juli seine endgültige Bleibe in 3, Carlton Gardens, einem schattigen Platz mit Blick auf die Mall in der Nähe des St-James-Parks. Es handelt sich um ein großes, elegantes weißes Haus von vier Stockwerken, das im 19. Jahrhundert der notorisch frankreichfeindliche Premierminister Lord Palmerston bewohnt hatte … und in dem 70 enge Büros eingerichtet werden können. Bis 1943 beherbergt Carlton Gardens den politischen Kern des Freien Frankreich, das sich nach und nach in die umliegenden Straßen und Viertel, insbesondere Mayfair und Victoria Station, ausdehnt. Anschließend wird das Gebäude Sitz der „Botschaft“ des Nationalen Befreiungskomitees (CFLN) in London, bis dann die Befreiung die Wiederinbesitznahme der alten französischen Botschaft in Knightsbridge erlaubt. Die Marineverwaltung wird im Institut français und später in Stafford Mansions untergebracht; das Innenministerium und insbesondere dessen Propagandadienste kommen in der Hill Street 17-19 unter, das Zentrale Nachrichten- und Aktionsbüro (BCRA) in einem abgetakelten Gebäude mit schmutzigen Wänden in der Duke Street 10 gleich hinter der Oxford Street, wo es Anfang 1942 rund 50 Büros unterhält, Ende 1943 dann mehr als das auf gut zwei Dutzend Gebäude in London verteilte Siebenfache. Die politische Leitung des Kämpfenden Frankreich richtet sich ab Juni 1943 zwar in Algier ein, aber die meisten Verwaltungsdienste arbeiten weiterhin – angesichts der Nähe des Kontinents sehr wirksam – in London.

 

In den zwei Zimmern, die General de Gaulle zunächst an Seymore Grove zur Verfügung standen, war für seine Familie kein Platz. Deswegen mietete er südöstlich von London in Petts Wood, Birchwood Road 41, eine möblierte, typische Vorstadtvilla, die zwar leicht mit der U-Bahn zu erreichen ist, sich aber bald als zu sehr bombengefährdet erweist. Deswegen ziehen seine Frau und seine Kinder im August 1940 in das vier Zugstunden von London entfernte Ellesmere im Shropshire zwischen Birmingham und Liverpool um und nehmen im „Gadlas Mall“ Wohnung, einem Haus ohne jeglichen Komfort, aber mit schönem Garten. Der General, der höchstens zu den Wochenenden hierhin kommen kann, wohnt nun relativ bequem – ein Zimmer mit kleinem Salon – in Mayfair im Hotel Connaught, etwa eineinhalb Kilometer von seinem Büro entfernt. Später, von September 1942 bis zu seiner Abreise nach Algier am 27. Mai 1943, bewohnt der General dann mit seiner Familie eine große Villa mit Erker und Garten in Frognal 65 in Hampstead im Londoner Norden.

 

Die französischen Freiwilligen kommen zunächst aus den aus Norwegen und Dünkirchen geflüchteten Einheiten, die im Juni 1940 im Umkreis der Häfen vor allem an Ärmelkanal und Nordsee sowie in der Gegend um Liverpool kampieren. Die Fußsoldaten halten sich in den Lagern Trentham Park bei Stoke-on-Trent und Arrowe Park bei Liverpool auf; die Flieger auf dem Stützpunkt Saint-Anthan und die Seeleute auf den bald schon morastigen Rennplätzen in Haydock und Aintree. Von diesen Plätzen aus werden die sehr wenigen zusammengeführt, die es vorziehen, nicht nach Frankreich zurückzukehren, sondern mit de Gaulle den Kampf fortzusetzen. Sie gesellen sich den einzeln aus dem Mutterland oder den Kolonien gekommenen Freiwilligen zu, die wenige Tage zuvor in der „Patriotic School“ von britischen Polizisten sehr eingehend, aber höflich, über ihre Identität und Motivation befragt wurden, um die Spionagegefahr möglichst einzuschränken. Die Auffang- und Rekrutierungsstelle für die Freien Franzosen befindet sich in der Olympia Hall, einem großen Gebäude, das bislang Ausstellungen und Pferdeschauen beherbergt hatte. Da die Unterbringungsmöglichkeiten anfänglich sehr begrenzt sind, hausen die Freiwilligen in provisorisch vor Ort eingerichteten Schlafsälen. Sobald es ging, wurden dank der von der britischen Regierung bereitgestellten materiellen Hilfe Militärlager organisiert und ausgestattet, insbesondere die nach Somme-Schlachtfeldern von 1916 benannten Delville Camp und Morval Camp in Aldershot südwestlich von London. Im weiteren Verlauf wird das Lager von Camberley nahe Aldershot und Sandhurst zum Hauptstützpunkt der Freien Französischen Streitkräfte. Die Flieger bleiben auf dem Stützpunkt Saint-Anthan, die Seeleute begeben sich an Bord der Schiffe, die sich dem Freien Frankreich angeschlossen haben und die vor allem in den Häfen Plymouth und Portsmouth liegen. Die künftigen Offiziere, „Kadetten des Freien Frankreich“ genannt, werden im „Saint-Cyr des Freien Frankreich“ in Malvern und später in Ribbesford (einer ehemaligen Public School im Worcestershire) ausgebildet. Die jüngsten, die zunächst in Brynbach (Wales) eine Art Pfadfinderlager aufbauten, studieren in Rake Manor bei Milford (Surrey), das sich zur Kadettenanstalt der Freien Franzosen mausert. Das weibliche Freiwilligenkorps ist in Mayfair in der Hillstreet 40 und später im Moncorvo House untergebracht.

 

Die Haltung der Briten angesichts der prekären Lage und der höchst unterschiedlichen Situation dieser Freiwilligen und ihrer Chefs ist ausgesprochen herzlich. Auf unzählige Weise bezeugt die Bevölkerung diesen mit knapper Not der Niederlage entronnenen Soldaten und Matrosen freundschaftliches, rührendes und manchmal geradezu genial einfallreiches Mitgefühl. Auf tausenderlei Weise versuchte der Mann auf der Straße zu helfen, liebevoll zu trösten, sei es materiell („Frenchies don’t pay“ rufen die Bus- und Straßenbahnschaffner bei ihrem Gang durch die Reihen), oder indem sie Urlauber in ihren Familien aufnehmen. Oft sehr wenig Begüterte bieten Kleidung, Mahlzeiten, Kinokarten, Taschengeld an; auch die vornehme Gesellschaft lässt sich nicht lumpen und stellt ihre Residenzen und Gelände für Lazarette, Wohnungen, Abwechslung, Restaurants zur Verfügung. Die am 6. September 1940 gegründete Vereinigung „4F“ („Friends of the Free French Forces“) bietet während des ganzen Krieges ihre herzliche Hilfe an und koordiniert im Verein mit dem Verband „Les Français de Grande-Bretagne“ unter ihrem Vorsitzenden de Malglaive Hilfsmaßnahmen und Spenden.

 

Moralisch äußert sich eine herzliche und zugleich diskrete Sympathie sowohl gegenüber dem einfachen Soldaten, den man bei sich zu Hause bewirtet (daraus gehen auch einige Ehen hervor), als auch gegenüber General de Gaulle selbst, der das spontane „Vive la France!“ der Passanten auf der Straße stets mit militärischem Gruß erwidert. Diese warme Herzlichkeit, die während des ganzen Krieges unvermindert anhält, erklärt, warum die Freien Franzosen den Briten ungeachtet aller vorübergehender Meinungsverschiedenheiten zwischen der politischen Führung herzlich zugeneigt bleiben.