Die deutsch-französischen Beziehungen seit dem Elysée-Vertrag (1963-2012)

Nach Adenauers Rücktritt im Oktober 1963 kühlen die Beziehungen zwischen Frankreich und der Bundesrepublik Deutschland ab. Dies liegt am neuen Bundeskanzler Ludwig Erhard (1963–1966), der vor allem auf die transatlantischen Beziehungen setzt, wie auch an der französischen Politik, die gegenüber den USA, der NATO und einer verstärkten europäischen Integration auf Distanz geht. In dieser Zeit scheint die Tragweite des Elysée-Vertrags begrenzt.

Die Beziehungen verbessern sich unter dem CDU-Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger (1966–1969) sowie anschließend unter dem gaullistischen Staatspräsidenten Georges Pompidou (1969–1974) und dem sozialdemokratischen Bundeskanzler Willy Brandt (1969–1974). Die gemeinsame Produktion des Airbus wird in diesen Jahren auf den Weg gebracht.

Aber erst 1974, als fast zeitgleich der Sozialdemokrat Helmut Schmidt (1974–1982) und Valéry Giscard d’Estaing (1974–1981) die Regierungsgeschäfte übernehmen, bildet sich ein echtes deutsch-französisches Tandem, das zum Motor der europäischen Einigung wird. Beide Männer, die sich auf englisch direkt unterhalten, verbindet eine echte Freundschaft. Auf ihr Zusammenwirken gehen die Schaffung des Europäischen Rates der Staats- und Regierungschefs 1974 und die Einführung der Direktwahl zum Europäischen Parlament 1979 zurück. Um die Arbeitslosigkeit, die Folgen der Ölkrise und starken Währungsschwankungen in den Griff zu bekommen, sorgen Schmidt und Giscard d’Estaing für die Einrichtung regelmässiger Weltwirtschaftsgipfel 1975, die Gründung des Europäischen Währungssystems 1979 und die Einführung des ECU, Vorläufer des EURO.

Der Sozialist François Mitterrand (1981–1995) und der Christdemokrat Helmut Kohl (1982–1998) setzen von 1982 an die Zusammenarbeit fort. Das Bild des Kanzlers und des Präsidenten, die 1984 in Verdun Hand in Hand der gefallenen deutschen und französischen Soldaten des Ersten Weltkriegs gedenken, wird zum neuen Symbol für das gute Einvernehmen zwischen den Nachbarn. A l’occasion du 25ème anniversaire du traité , en janvier 1988, ils créent la brigade franco-allemandeAm 25. Jahrestag des Elysée-Vertrags im Januar 1988 gründen sie die deutsch-französische Brigade, die später in den europäischen Streitkräften (Eurocorps) aufgeht.

Die revolutionären Veränderungen 1989/90 stellen die deutsch-französischen Beziehungen auf die Probe. Mitterrand und Kohl sind sich einig, dass die deutsche Einheit sich im europäischen Rahmen vollziehen soll. Beide sorgen mit der Gründung einer Wirtschafts- und Währungsunion im Vertrag von Maastricht 1992 für eine Vertiefung der europäischen Ingration. Darüber hinaus geht im Mai 1992 der deutsch-französische und europäische Fernsehkanal ARTE auf Sendung.

Unter dem nachfolgenden Staatspräsidenten Jacques Chirac (1995–2007) und Bundeskanzler Gerhard Schröder von der SPD (1998–2005) driften die europapolitischen Interessen auseinander. Deutschland ist darauf bedacht, eine Rolle als Regionalmacht in Ost-Mittel-Europa einzunehmen, und erreicht die Erweiterung der Union. Viele Franzosen befürchten indes, dass sich die enge deutsch-französische Verbindung in einem Europa der 25 Mitgliedstaaten, das 2004 schliesslich entsteht, auflöst. Bei den Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag des Elysée-Vertrags im Jahr 2003 wird schließlich ein neuer ,Gründungspakt’ geschlossen: Der 22. Januar soll alljährlich als deutsch-französischer Tag begangen und die Zusammenarbeit in der Kultur- und Bildungspolitik vertieft werden.

Zwischen 2007 und 2012 arbeiten der Staatspräsident Nicolas Sarkozy (2007–2012) und CDU-Bundeskanzlerin Angela Merkel (seit 2005) gut zusammen. Mit dem Vertrag von Lissabon 2007 treten wichtige Elemente der zwei Jahre zuvor gescheiterten EU-Verfassung in Kraft. Seit 2008 stellt die Finanz- und Schuldenkrise Europa vor neue Herausforderungen, der Deutschland und Frankreich mit einer verstärkten Kooperation in der Finanz- und Wirtschaftspolitik begegnen wollen.

Noch am selben Abend seiner Einsetzung als Präsident der französischen Republik, am 15. Mai 2012, plant François Hollande seinen ersten Auslandsbesuch, der der Kanzlerin Angela Merkel gilt. Anlässlich dieses Besuchs bekräftigen beide feierlich, an der deutsch-französischen Freundschaft festhalten zu wollen.