De Gaulles Auslandsreisen

De Gaulle, der bis 1940 schon mehrfach Aufgaben im Ausland wahrgenommen hat, reist auch danach immer wieder, sowohl, wenn er an der Macht ist, als auch sonst. Ihm geht es darum, den „Rang“ Frankreichs zu bekräftigen und zu stärken, denn für ihn ist es „nie größer, als wenn es zur Welt spricht“.

 

In der Zeit zwischen 1940 und 1946 akzeptiert de Gaulle trotz des gegenseitigen Misstrauens, das sich während des Krieges zwischen ihm und Präsident Roosevelt herausgebildet hat, die Einladung des amerikanischen Präsidenten und begibt sich vom 5. bis 12. Juli 1944 in die Vereinigten Staaten (New York und Washington) sowie nach Kanada (Ottawa, Montreal und Quebec); die ungute Erinnerung an die konfliktgeladenen Beziehungen zwischen den beiden Männern mildert sich dadurch zwar etwas, aber eine Anerkennung de jure der Provisorischen Französischen Regierung kommt nicht zustande. Des weiteren reist de Gaulle in die UdSSR (24. November – 2. Dezember 1944). Der Präsident der Provisorischen Regierung macht in Baku und Stalingrad Station, ehe er sich nach Moskau begibt. Die Unterredungen mit Stalin verlaufen ziemlich barsch. Zwar wird ein französisch-sowjetischer Pakt unterzeichnet, aber einen wirklichen Sieg Frankreichs stellt er nicht dar, eher einen Kompromiss, denn als Gegenleistung entsendet Frankreich einen halbamtlichen Vertreter ins Lubliner Komitee, obwohl de Gaulle die polnische Exilregierung als einzig legale betrachtet. Stalin zeigt sich weniger als die Alliierten geneigt, Frankreich Vorteile einzuräumen.

 

Während der „Durchquerung der Wüste“ reist der General zwei Mal ins Weltreich: im März 1953 (Senegal, Niger, Tschad) und im darauffolgenden September (Madagaskar, Dschibuti, Komoren, Réunion). Nachdem die Sammlungsbewegung des Französischen Volkes in den Winterschlaf gefallen ist, reist er im August/September 1956 rund um die Welt: Guyana, Antillen, weiter durch den Panamakanal nach Tahiti, Neukaledonien und Neue Hebriden. Im März 1957 begibt er sich dann noch in die algerische Sahara. Dank dieser Reisen wird de Gaulle im Weltreich bekannter, und er selbst gewinnt tiefere Einsichten.

 

Sofort nach der Rückkehr an die Macht geht de Gaulle wieder auf Reisen. Im Vordergrund stehen 1958 die Algerienfrage und die Notwendigkeit, die Gründe für das Verfassungsreferendum darzulegen; zweites Anliegen ist die Bekräftigung des Ranges Frankreichs. Vom 20. bis 29. August begibt sich der Staatschef nach Schwarzafrika, Madagaskar und Algerien, um die künftige Verfassung und den föderativen Status der Französischen Gemeinschaft zu erläutern, wobei er überall – am meisten in Conakry, wo Sékou Touré das Nein Guineas im Referendum ankündigt – betont, alle Lösungen seien möglich, auch die Sezession. Die Reisen nach Algerien überwiegen indes bei weitem. Auf der ersten (vom 3. bis 7. Juni 1958) ruft de Gaulle auf dem Place du Forum in Algier seinen Zuhörern das berühmte „Ich habe euch verstanden“ zu, das auf so unterschiedliche Weise ausgelegt worden ist. Hauptziel der sieben Reisen nach Algerien zwischen Juni 1958 und Dezember 1960 ist es, sich Einblick in den Seelenzustand der europäischen und muslimischen Bevölkerung zu verschaffen und die Armee an ihren Auftrag zu erinnern; nach der Unabhängigkeit Algeriens kehrt er nicht mehr dorthin zurück.

 

In Europa steht die deutsch-französische Verständigung im Vordergrund, während ihm das Vereinigte Königreich wegen dessen privilegierten Beziehungen zu den Vereinigten Staaten nicht recht geheuer dünkt. Die zahlreichsten Reisen (zwölf in zehn Jahren) führen ihn in die Bundesrepublik Deutschland, während der General nur zwei Mal nach Großbritannien reist: 1960 und dann noch einmal im Januar 1965 zu Churchills Beisetzung. Weitere Westeuropareisen kommen hinzu: Italien und Vatikan; Niederlande.

 

Nach der Beilegung der Algerienfrage fühlt sich de Gaulle freier für eine wirkliche Weltpolitik: Frankreich muss einen dritten Weg zwischen den beiden in Jalta entstandenen Blöcken vorschlagen und in der Dritten Welt präsent sein. Die französisch-amerikanischen Beziehungen werden immer wieder von allerlei Verdachtsmomenten getrübt, und de Gaulle, der sich als Herold der nationalen Unabhängigkeit versteht, will nicht, dass Frankreich unter der Fuchtel der Führungsmacht des westlichen Lagers steht, zu dem er sich jedoch stets bekennt. So kommt es nur zu wenigen Reisen in die Vereinigten Staaten: einmal im April 1960, zwei weitere Male jeweils zu den Beisetzungsfeierlichkeiten Kennedys (November 1963) und Eisenhowers (März 1969). Zur Bekräftigung seines Unabhängigkeitswillens wendet sich de Gaulle den Ländern Osteuropas zu, um den Gedanken zu betonen, dass Europa „vom Atlantik bis zum Ural“ reicht. Unter diesem Gesichtswinkel springt als erstes die Reise in die Sowjetunion vom 20. Juni bis 1. Juli 1966 ins Auge, die gleichzeitig den Weg zu weiteren Reisen öffnet: nach Polen (6. – 12. September 1967) und Rumänien (14. – 18. Mai 1968, mitten in der Krise vom Mai 1968). Überall wird de Gaulle begeistert gefeiert, überall spricht er sich für eine unabhängige Politik aus und trotzt damit den politischen Regimes, denen gegenüber er der historischen Wirklichkeit der Nationen den Vorrang gibt.

 

Dieses Unabhängigkeitsstreben bekundet de Gaulle bei zahlreichen Gelegenheiten, es lässt ihn auch ein paar Schritte in den „Hinterhof“ Amerikas tun. Zwei Mal reist der Staatschef nach Lateinamerika: ein erstes Mal im März 1964 nach Mexiko, wo er auf dem Hauptplatz von Mexico den berühmten Spruch tut: „Marchemos la mano en la mano!“; einige Monate später greift er in den zehn südamerikanischen Staaten (20. September – 16. Oktober 1964) dieselben Themen der Zusammenarbeit auf. Faktisch bleibt die Zusammenarbeit zwischen den romanischen Bruderstaaten jedoch wenig ausgeprägt und weit hinter den Erwartungen des Staatschefs zurück, sowohl, was den Platz Frankreichs in diesem Teil der Welt betrifft, als auch im Sinne einer größeren Unabhängigkeit Lateinamerikas gegenüber den angelsächsischen Mächten. Im Zusammenhang mit dem Vietnamkrieg steht die Rede von Phnom Penh in Kambodscha vom 1. September 1966 im Vordergrund, mit der er zur Verteidigung der nationalen Souveränität und Unabhängigkeit aufruft. Anlässlich der Weltausstellung in Montreal im Juli 1967 beschließt de Gaulle, auf dem Seeweg an Bord des Kreuzers Colbert anzureisen. Er macht in Saint-Pierre-et-Miquelon Halt, das sich schon im Dezember 1941 dem Freien Frankreich angeschlossen hatte, fährt über die Mündung des Sankt-Lorenz-Stroms ein und begibt sich über den Chemin du Roy nach Montreal. Bei jedem Zwischenhalt kommt er auf das Thema der „Franzosen in Kanada“ zu sprechen, das dann in der Rede auf dem Balkon des Rathauses von Montreal am 25. Dezember gipfelt, dessen Ausruf „Es lebe das freie Quebec“ ungezählte Reaktionen hervorruft: neben den begeisterten auch die zahlreicheren negativen. Er beendet seinen Besuch in Montreal und begibt sich entgegen der ursprünglichen Planung nicht nach Ottawa.

 

Nach 1962 unternimmt de Gaulle keine Reise ins ehemalige Weltreich mehr, auch wenn er ihm sowohl unter dem Gesichtspunkt der Zusammenarbeit aller Art und dem neueren der Frankophonie Bedeutung zumisst.

 

Sämtliche Reisen de Gaulles verdeutlichen Frankreichs Platz in der Welt und sorgen für einen größeren Bekanntheitsgrad der Persönlichkeit des Generals. Jedes Mal äußert er sich in der Sprache des Gastlandes, was besondere Begeisterung und Wertschätzung hervorruft. Er will damit zeigen, dass die Nationalidee jeder anderen Erwägung vorgeht, und diese Anerkennung der Völker bringt ihm Beifall ein. Des weiteren geht es ihm darum, deutlich zu machen, dass Frankreich eine unabhängige und souveräne Macht ist.

 

Nach seinem Rücktritt unternimmt Charles de Gaulle noch zwei Privatreisen; die erste führt ihn (während des Wahlkampfs für die französische Präsidentschaft) vom 10. Mai bis 19. Juni 1969 nach Irland, die zweite vom 3. bis 27. Juni 1970 nach Spanien.