De Gaulle und Wallonien

Charles de Gaulle kannte Belgien und vor allem Wallonien sehr gut. Im Schloss von Antoing in Wallonien stellte sich der siebzehnjährige de Gaulle nach erfolgreichem Abschluss des Bakkalaureats in beiden Disziplinen am 26. Juli 1907 in der von französischen Exiljesuiten geführten Vorbereitungs-Hochschule Herz Jesu vor, um dort seine Mathematikkenntnisse zu vertiefen und sich für den Eintritt in die Ecole centrale vorzubereiten. Am 3. Oktober 1907 trat er dort gemeinsam mit seinem Bruder Jacques ein und blieb bis Ende Juli 1908. Dort auch verfasste er seine erste, der „Kongregation der Heiligsten Jungfrau“ gewidmete (und in der Zeitschrift Hors de France im Januar 1908 abgedruckte) Niederschrift und sprach bei der Abschlussfeier zum Jahresende die berühmten, in die Schlosspforte von Antoing eingemeißelten Worte: „Die Zukunft wird groß, denn unsere Werke werden sie prägen.“

 

Der Student Charles de Gaulle muss häufig zwischen Lille und Antoing hin- und hergependelt sein und viele Plätze in Wallonien (Charleroi, die Kalksteinlandschaft in der Umgebung von Antoing, die Schlachtfelder von Fontenoy und Waterloo) besucht haben, denn damals wohnte seine Schwester Marie-Agnès Cailliau in Charleroi. Bei ihr fand der Oberleutnant de Gaulle nach seiner Verwundung am 15. August 1914 auf der Brücke von Dinant, als das 33. Infanterieregiment ins feindliche Feuer geriet, für einige Stunden Aufnahme.

 

Alles deutet darauf hin, dass Charles de Gaulle später nie mehr nach Wallonien kam, es sei denn anlässlich einer militärischen Veranstaltung in Dinant nach dem Ersten Weltkrieg, wofür ein allerdings umstrittenes Foto spräche. Dennoch waren ihm die belgischen Probleme sehr vertraut, wie eine Passage von Vers l’armée de métier (Berger-Levrault, 1944, S. 30) und eine Studie über „Das belgische Problem“ belegen, die erst im Juli 1945 in der Revue de la Défense nationale veröffentlicht wurde.

 

Der General lehnte es stets konsequent ab, sich in die Angelegenheiten eines souveränen Staates einzumischen. Weder in seinen Reden anlässlich seines Besuches in Brüssel 1945, noch in den Memoiren findet sich auch nur die geringste Anspielung. Auch die Demarchen der Bewegung Freies Wallonien (François Simon) von 1944 und das Vorstelligwerden einiger wallonischer Persönlichkeiten bei Jean Foyer von 1963 blieben ohne jegliche offizielle Antwort. Nach Claude de Groulart (De Gaulle: vous avez dit Belgique, Pierre-Marcel Fabre, Lausanne 1984, S. 41) soll de Gaulle in einer Privatunterhaltung zu Robert Liénard gesagt haben: „Natürlich, wenn sich eines Tages eine repräsentative politische Autorität Walloniens offiziell an Frankreich wenden würde, an diesem Tage würden wir aus vollem Herzen positiv auf eine Bitte antworten, die allen Anschein der Legitimität hätte. Vorher ist das unmöglich.“

 

Unterhaltung von General de Gaulle mit Alain Peyrefitte vom 10. November 1965

Aus Alain Peyrefitte, C’était de Gaulle, De Fallois-Fayard, Paris 2000, Bd. III, S. 329

„Wallonen hatten mich gebeten, sie bei Kriegsende zu annektieren. Ich wollte dieser Demarche nicht stattgeben. 1945 musste man – abgesehen von den Grenzen der besiegten Länder – die Grenzen respektieren, wie die Geschichte sie uns vermacht hat. Dies geschah. Belgien darf man nicht antasten. Aber dass sich die Wallonen zur Verteidigung ihrer Sprache und Kultur zusammentun, damit ihnen die Flamen nicht auf der Nase herumtanzen, stört uns nicht im geringsten. […] Oder aber es müsste so weit kommen, dass die Flamen den Wallonen das Leben unerträglich machen und sich die Wallonen dann uns in die Arme werfen. Wir aber dürfen uns auf gar keinen Fall rühren. Zu leicht könnte man uns vorwerfen, wir wollten uns auf Kosten Belgiens abrunden.“

 

Unterhaltung von General de Gaulle mit Alain Peyrefitte vom 29. Juli 1967

Ibid., Bd. III, S. 334

„Ich weiß wohl, nach der Befreiung hätte ich bloß mit dem Finger zu schnalzen brauchen, und schon hätte Wallonien seine Eingliederung in Frankreich erbeten. Aber eben: Ich war der Meinung, es sei nicht an mir, mit dem Finger zu schnalzen. Die Initiative hätte von den Wallonen oder ihren legitimen Vertretern ausgehen müssen. Frankreich hatte hier nicht wie in Kanada eine Schuld zu begleichen. Einen Augenblick lang dachte ich damals an eine Reise, die in Gent begonnen hätte, dann hätte ich in Dinant Halt gemacht, wo ich 1914 verwundet wurde, in Namur, der wallonischen Hauptstadt, wäre die Mosel, von der Michelet sagte, sie sei französischer als Frankreich, bis nach Lüttich hinunter gefahren. Das wäre gewesen wie der Chemin du Roy in Quebec. Aber ich widerstand der Anwandlung.

     Vergessen Sie nicht: Nach meiner Rückkehr an die Regierung lud ich als erstes den König und die Königin von Belgien ein. Die Einladung wurde nie erwidert. Vermutlich hatte man zu viel Angst vor Massendemonstrationen in Wallonien.“

     Nach kurzer Pause fährt er fort: „Ich hatte eine Delegation von Wallonen empfangen, die fest entschlossen waren, die Eingliederung vorzubereiten. Sie erklärten mir, die Flamen würden immer arroganter und vollzögen schließlich von sich aus die Sezession. Na ja, vielleicht kommt es eines Tages dazu.

     Es gibt Wallonien, aber es gibt keine wallonische Nation, die Wallonen haben niemals angestrebt, ein Staat zu werden. Sie wollen in die Französische Republik integriert werden, zu der sie früher einmal gehörten. Wenn sich die Bevölkerung von Quebec von der angelsächsischen Herrschaft emanzipieren will, ist das etwas ganz anderes.

     Viele Wallonen denken, von Frankreich würden sie besser behandelt als von Flandern. Wahrscheinlich ist es so. Im Schoß Frankreichs fänden sie den Stolz wieder, einer großen Nation anzugehören, den Stolz auf ihre Sprache und Kultur, das Gefühl, an den großen Angelegenheiten der Welt teilzuhaben und sich für große menschliche Anliegen ins Zeug zu legen.

     Lauter Dinge, die sie in ihrer widernatürlichen, von den Engländern auferlegten Partnerschaft mit den Flamen verloren haben, die weder sie lieben noch von ihnen geliebt werden. Um der Einheit Belgiens willen hat man ihr Eigen- und Anderssein zurechtgebügelt. Sie sind frustriert.“