De Gaulle und Roosevelt

DR

Als General de Gaulle am 18. Juni 1940 zum Widerstand aufruft, weiß er natürlich, wer Franklin Roosevelt ist, der seit dem 4. März 1933 als Präsident die Geschicke der Vereinigten Staaten von Amerika lenkt; desgleichen weiß er, dass der Präsident in seiner Rede vom 10. Juni in der Universität von Virginia in Charlottesville den Demokratien die materiellen Ressourcen seines Landes zur Verfügung gestellt und sich damit offen ins Lager der Alliierten gestellt hat, und in seinem Aufruf zählt der Führer der Freien Franzosen im übrigen unter den Trümpfen, die Frankreich noch besitzt – sein Weltreich nämlich und den britischen Verbündeten, der „die Meere beherrscht und den Kampf fortsetzt“ , – auch die mächtige amerikanische Industrie auf.

 

Doch was weiß Roosevelt zu diesem Zeitpunkt von und über de Gaulle? Praktisch nichts. Sein Name tauchte für den amerikanischen Präsidenten erstmalig in einer Botschaft auf, die ihm Churchill am 12. Juni von Briare aus zukommen ließ und in der der britische Premier mitteilte, bei der dortigen Sitzung des Obersten Interalliierten Kriegsrates sei auch ein „General anwesend“ gewesen, „der überzeugt ist, dass man noch etwas tun kann“, während der französische Oberbefehlshaber Weygand bereits von Waffenstillstand gesprochen habe. Hat das Roosevelt überhaupt zur Kenntnis genommen? Das weiß man nicht; in seiner Antwort an Churchill vom 13. erwähnt er es jedenfalls nirgends. Bis zum Aufruf vom 18. Juni 1940, den die New York Times am 19. unter einer Vielzahl von Nachrichten aus Europa auf der ersten Seite erwähnt, und wahrscheinlicher noch bis zur offiziellen Anerkennung des Freien Frankreich durch Großbritannien am 28. muss man warten, bis dem amerikanischen Präsidenten der Name de Gaulle etwas sagt.

 

Doch für wen stand dieser Name für den Präsidenten? Mit Sicherheit nicht für Frankreich; für ihn war de Gaulle zwar ein General, der soeben eine Widerstandsbewegung ins Leben gerufen hatte, nicht aber ein Politiker, den seine Mitbürger dazu gewählt hatten, das Schicksal seines Landes in die Hand zu nehmen. Bekanntlich haben sehr berühmte Franzosen wie beispielsweise (der unter seinem Schriftstellernamen Saint-John Perse bekanntere Lyriker) Alexis Léger denselben Schluss gezogen und lehnten es ab, sich dem Freien Frankreich und danach dem Französischen Nationalkomitee anzuschließen, das Léger – der im November 1943 sogar noch zu Roosevelt sagt, er sehe in ihm „den Garanten der Demokratie für Frankreich“ – bis zum Schluss bekämpft.

 

Und dann – was wog denn im Juli 1940 die gaullistische Bewegung im Vergleich zum Regime von Marschall Pétain? Das Freie Frankreich hatte außer dem Vorschlag, den Kampf fortzusetzen, rein gar nichts irgendwie Greifbares zu bieten, und das gegenüber der Regierung in Vichy, die über das Schicksal der Flotte, die Marinestützpunkte in Afrika, auf Madagaskar, in Ozeanien und auf den Antillen bestimmen und folglich auf den späteren Verlauf der Kriegsereignisse Einfluss nehmen konnte. Folglich beschloss Washington aus schierem politischem Realismus die Beziehungen mit der neuen Regierung Frankreichs aufrechtzuerhalten und das Freie Frankreich nicht anzuerkennen. Auf diese Weise glaubten die Amerikaner Vichy beeinflussen und dessen Führung davon überzeugen zu können, es gereiche ihr zum Vorteil, wenn sie Deutschland keine über die Waffenstillstandsklauseln hinausgehenden Konzessionen machte. Diese Politik behielt Washington mit mehr oder weniger Erfolg bei, bis dann Laval am 9. November 1942 die diplomatischen Beziehungen abbrach, nachdem tags zuvor die Alliierten in Nordafrika gelandet waren.

 

Während dieser ganzen Zeit kam folglich für Roosevelt eine Anerkennung des Freien Frankreich nicht in Frage, dem er aber immerhin im November die Lende-Lease-Hilfe und im Dezember desselben Jahres die Einrichtung einer offiziellen Vertretung in Washington einräumte. Das war wenig und viel zugleich, auch wenn Lend-Lease nur auf dem Umweg über Großbritannien in Anspruch genommen konnte. Roosevelt hatte zum ersten Mal in einer offiziellen Akte seine Sympathie für die „Freien Französischen Streitkräfte“ bekundet, und mit der Einrichtung einer Delegation in der amerikanischen Hauptstadt erhielt das Freie Frankreich in den USA zwar keine offizielle Anerkennung, aber doch wenigstens eine legale Existenzberechtigung.

 

Dennoch: Das Misstrauen des Präsidenten gegen de Gaulle hielt an; es hatte sich nach dem Dakar-Fiasko vom September 1940 bei ihm eingeschlichen, der sich im Anschluss an diese Episode nach Aussage seines persönlichen Vertreters in Nordafrika, Robert Murphy, von der Urteilskraft de Gaulles eine schlechte Meinung bewahrte und „beschlossen hatte, man brauche ihn nicht als für die Angelegenheiten Frankreichs irgendwie wesentliches Element anzusehen“. Später dienten die angeblich im Zusammenhang mit der Dakar-Affäre stattgefundenen Indiskretionen als Vorwand, um die Freien Franzosen von den Planungen für die Vorhaben „Torch“ (Landung in Nordafrika) und „Overlord“ (Landung in der Normandie) auszuschließen. Dieses Misstrauen des Präsidenten gegen de Gaulle, dem im Bericht des amerikanischen Generalkonsuls in Dakar vorgeworfen wurde, er entfessele einen Bürgerkrieg und stelle seinen Ehrgeiz über die französischen Interessen, blieb, so Murphy, „bis zum Tod des Präsidenten 1945 ein wesentliches Element in den französisch-amerikanischen Beziehungen“.

 

Dabei hatte der General doch während der ganzen Kriegsjahre in zahllosen Reden erklärt, die von ihm in Anspruch genommene Autorität sei nur provisorischer Natur und werde sofort nach der Befreiung wieder in die Hände des französischen Volkes zurückgelegt, das dann in einem Urnengang die Regierung seiner Wahl zu bestimmen habe. Aber nichts half; immer unterstellte Roosevelt dem Führer des Freien Frankreich Cäsarismus oder Bonapartismus. Auch bei den beiden unmittelbaren Begegnungen im Januar 1943 in Casablanca und im Juli 1944 in Washington springt zwischen den beiden Männern kein Funke über. Nie löst sich der amerikanische Präsident von seiner Voreingenommenheit, und bei der Rückkehr von der Casablanca-Konferenz sagt er zu seiner Frau:

„General de Gaulle ist ein Soldat und sicherlich ein seinem Lande ergebener Patriot, aber er ist auch ein Politiker und Sektierer und hat, glaube ich, alle Attribute eines Diktators.“

In ihren Memoiren ergänzt Eleanor Roosevelt diese Aussage dahingehend:

„Nie habe ich Franklin sagen hören, er habe ihm gegenüber als Mensch seine Meinung geändert, und ich glaube nicht, dass sie sich je wirklich verstanden.“

Zahlreiche Hinweise deuten darauf hin, dass der General das alles wusste, aber gleichwohl, so jedenfalls sein Adjutant Hettier de Boislambert, „voll des guten Willens und ausschließlich in bester Absicht“ in sein Gespräch mit Roosevelt in Casablanca ging.

 

In den folgenden Monaten versuchte der Präsident, Giraud neben de Gaulle im Französischen Komitee für die nationale Befreiung als Kopräsidenten durchzusetzen, und lehnte nach der Konstituierung der Provisorischen Regierung der Französischen Republik am 3. Juni 1944 die Anerkennung von deren Autorität noch bis zum 23. Oktober ab, obwohl dies schon zahlreiche Staaten getan hatten und ihn Großbritannien und die Sowjetunion eindringlich dazu zu bewegen versuchten. Immer und allezeit bewegte Roosevelt dasselbe Misstrauen gegen de Gaulle, dem er, wie er in Anspielung auf die Hollywood-Bilder vom kühnen Recken und Befreier des Vaterlandes sagte, für die Rückkehr nach Frankreich auf gar keinen Fall ein „weißes Ross“ anbieten wollte. Vollends zum Ausbruch kam diese Animosität, als sich Roosevelt weigerte, den General im Februar 1945 zur Konferenz von Jalta einzuladen, während, wie aus ihrer Korrespondenz vom Herbst 1944 hervorgeht, weder Churchill noch Stalin etwas gegen dessen Anwesenheit hatten.

 

Roosevelt lud dann de Gaulle ein, ihn auf der Rückreise von der Krim in Algier zu treffen. Der General lehnt es ab, „sich von einem fremden Staatschef an einen Punkt des nationalen Territoriums einberufen zu lassen“. Hat er damit eine Gelegenheit verpasst, sich mit dem amerikanischen Präsidenten auszusöhnen? Eine weitere Gelegenheit bot sich jedenfalls nicht mehr, denn zwei Monate später starb Roosevelt, am 12. April. De Gaulle sandte von Paris aus ein Beileidstelegramm an den neuen Präsidenten Harry Truman: „Roosevelt […] war vom ersten bis zum letzten Tag der Freund Frankreichs. Frankreich bewunderte und liebte ihn.“ Zur Beisetzung reiste er allerdings nicht. Später, 1970, vertraute er dem amerikanischen Journalisten Cyrus Sulzberger in einem Gespräch über die großen amerikanischen Präsidenten an: „[…] ich muss zugeben, dass ich für Franklin Roosevelt trotz unserer Meinungsverschiedenheiten eine gewisse Bewunderung empfand. Er war ein Mann von rechtem Schrot und Korn.“ Der General trug ihm nichts nach.