De Gaulle und Quebec

Nach seiner Nordamerikareise von 1960 sieht de Gaulle für Quebec gewisse Möglichkeiten für einen Sonderstatus im kanadischen Gesamtrahmen, mithin „einen Staat französischer Abstammung neben dem anderen, der britischer Abstammung ist“. Im selben Jahr kommen in Quebec auch die Liberalen unter der Führung von Jean Lesage an die Macht, die eine Reihe wirtschaftlicher Reformen auf den Weg bringen; desgleichen prägt die „lautlose Revolution“ eine Erneuerung im kulturellen Bereich. Die Unabhängigkeitsforderungen werden lauter, 1961 öffnet in Paris ein „Quebec-Haus“ als offizielle Vertretung der Provinz seine Pforten. Mit Rücksicht auf die kanadische Bundesverfassung können sich die Beziehungen zwischen Frankreich und Quebec jedoch nicht frei entfalten, zumal Ottawa immer wieder auf seine Autorität pocht. Der kanadische Premierminister ist jedoch bereit, den Besonderheiten von Quebec Rechnung zu tragen und dessen Beziehungen mit Paris weiterzuentwickeln. Der General seinerseits geht darin weiter und besteht 1963 auf der Vorstellung, dass „das französische Kanada ein Staat wird“, womit er den kanadischen Staat als Faktum unterstellt. Im Verlauf dieser Jahre scheint der General häufig eine Sonderposition einzunehmen, die von einigen Persönlichkeiten unterstützt wird, die wie er auf eine gewisse Form der Unabhängigkeit für diesen „Zweig des französischen Volkes“ dringen. Der Quai d’Orsay und der kanadische Premier Lesage hingegen sind insoweit deutlich zurückhaltender.

 

Die Weltausstellung in Montreal von 1967 bietet dann Gelegenheit für die bekannte Stellungnahme. „Es lebe das freie Quebec!“ gehört zu den bekanntesten Aussprüchen des Generals.

 

Zunächst verweigert sich der Staatschef den Aufforderungen verschiedener kanadischer Verantwortlicher: der Kanadische Bund, dessen Hundertjahrfeier auf das gleiche Jahr fällt, soll nicht herausgefordert, ein Zusammenstoß der Parteien muss verhindert werden. Schließlich aber lässt er sich dann doch überzeugen, insbesondere von Robert Bordaz, dem für den französischen Pavillon verantwortlichen Generalkommissar, der ihm sagt, eine Ablehnung käme einem erneuten Verzicht gleich, ähnlich dem Ludwigs XV. … Neben zahlreichen anderen, von Franzosen wie Quebec-Bewohnern lancierten Argumenten trifft gerade dieses ins Schwarze, zumal der neue Premier Daniel Johnson die Früchte der von seinem Vorgänger begonnenen Annäherung zwischen Quebec und Frankreich zu ernten beginnt. Die Unabhängigkeitsforderungen werden lauter und organisieren sich unter verschiedenen Formen wie etwa der Sammlungsbewegung für die nationale Unabhängigkeit, die die Parole „Freies Quebec“ ausgibt.

 

Die Entscheidung ist also gefallen, der Weg abgesteckt. General de Gaulle wird zuerst die Weltausstellung in Montreal besuchen und sich erst dann nach Ottawa begeben; es geht in erster Linie und vor allem anderen um den Besuch bei den Französisch-Kanadiern. Der General begibt sich in Frankreich an Bord des Kreuzers Le Colbert. Am 20. Juli macht er Station auf dem französischen Territorium von Saint-Pierre-et-Miquelon, das sich im Dezember 1941 sehr zum Unwillen des Weißen Hauses dem Freien Frankreich angeschlossen hatte. Am 23. Juli landet er in Quebec und hält eine Rede, in der er die Identität der Franzosen und der Kanadafranzosen betont. Am folgenden Tag begibt er sich über den „Chemin du Roy“ von der Stadt Quebec nach Montreal; auf jeder Etappe feiert ihn eine begeisterte Masse als Befreier und schwenkt Transparente mit der Aufschrift: „Freies Frankreich“, Freies Quebec“, „Es lebe das französische Kanada“. Im Sinne seiner Rede vom Vortag befleißigt sich der General desselben Tons. In Montreal empfängt ihn Bürgermeister Jean Drapeau, und vom Balkon des Rathauses wendet sich de Gaulle an die vor Begeisterung wogende Menge in einer ursprünglich nicht vorgesehenen Rede, die er zur allgemeinen Verblüffung mit den Worten beschließt: „Es lebe Montreal! Es lebe Quebec! Es lebe das freie Quebec! Es lebe das französische Kanada und es lebe Frankreich!“ Nach Besichtigung der Weltausstellung und tags darauf der Universität kehrt der General nach Paris zurück und verzichtet darauf, Ottawa zu besuchen, zumal der kanadische Premierminister Lester Pearson die Rede als unannehmbar bezeichnet und darin eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten Kanadas erblickt. In der Kabinettssitzung vom 31. Juli gibt der Staatschef eine Richtigstellung ab: Beabsichtigt sei nicht eine Negierung der kanadischen Souveränität über das Gesamtterritorium, sondern es gehe darum, den durch historische Bande mit Frankreich verbundenen Bewohnern von Quebec zu helfen.

 

Die Worte des Generals waren wahrscheinlich Ausdruck seiner Absicht, die Emanzipierungsbewegung der „schönen Provinz“ zu unterstützen. Die vor Reiseantritt eingegangene, umfangreiche Korrespondenz von Einzelpersonen aus Quebec, vor Ort dann die herzliche Atmosphäre, die am 24. Juli auf der ganzen Fahrt über den Chemin du Roy gesehenen Transparente, die Erinnerung an die Atmosphäre bei der Befreiung von 1944 – all das verleitete ihn zu den Worten: „Es lebe das freie Quebec!“, die er – nach der Anhörung der Tonbandaufzeichnungen zu schließen – erst nach einer kurzen Pause sprach. Dennoch vertraute er mehreren Personen nachträglich an, er stehe voll zu der Formel, wollte er doch wie gewohnt den Dingen auf den Grund gehen. Später sagt er, nach seiner Auffassung von Realpolitik habe er den Erwartungen des Volkes von Quebec entsprechen müssen.

 

Die Reise hat bedeutsame Folgen. Die Bewohner von Quebec fassten Vertrauen; die kanadische Bundesregierung wendete endlich die Vorschriften an, die den Frankophonen mehr Platz einräumen. Die bildungs-, kultur- und wissenschaftspolitischen Beziehungen zwischen Frankreich und Quebec erfuhren einen Aufschwung: Anfang 1968 wird das Jugendwerk zwischen Frankreich und Quebec errichtet; das Generalkonsulat von Quebec in Frankreich untersteht fortan dem Außenministerium und kann sich den Umweg über die Botschaft Frankreichs in Ottawa ersparen. Dennoch ist weder in Frankreich noch in Quebec alle Welt mit dem General einer Meinung. Er selbst hält sich nicht nur peinlich genau an das Prinzip der Nichteinmischung, sondern ebenso an das Selbstbestimmungsrecht der Völker; in diesem Sinne ist die Rede auf dem Rathausbalkon zu verstehen, nämlich als Hilfe für die Bewohner von Quebec, im angelsächsischen Gesamtrahmen mehr Achtung für ihre Eigenart zu erlangen.