De Gaulle und die religiöse Frage

 

DR

In der Familie de Gaulle und vielleicht mehr noch in der Familie Maillot war man von Generation zu Generation praktizierender Katholik. Charles de Gaulle blieb stets vom traditionellen Milieu des wenig begüterten katholischen Bürgertums geprägt, das sich an den „Glauben der alten Tage“ hält, selbst wenn es der von Leo XIII. empfohlenen Politik des „Ralliement“ (Annäherung der französischen Katholiken an die Republik unter Verzicht auf die Wiederherstellung der Monarchie, Anerkennung der Notwendigkeit sozialer Reformen) folgt.

 

Dieses Milieu des französischen Nordens ist dem Gedankengut des Sozialkatholizismus aufgeschlossen. Der junge Charles besucht katholische Schulen, seine erste veröffentlichte Geschichtsabhandlung ist der Kongregation (der Jesuiten) gewidmet, die im Rahmen des Kollegs die Marienverehrung und die Kollekte von Almosen für die Missionen in den Vordergrund stellt. Auch als Offizier von Saint-Cyr erfüllt er seine religiösen Pflichten regelmäßig und fromm, weder ostentativ noch irgendwie versteckt, und als er heiratet, schreibt er seiner Mutter, er wünsche sich „eine geweihte eheliche Liebe“.

 

Bei der Auswahl seiner Lektüre greift er sehr häufig zu geistlichen Werken. Interessant die Zitate aus dem Alten und Neuen Testament in seinen Notizbüchern. Er kennt sich aus bei Paulus, bei Melito (Bischof von Sardes), bei Augustinus und Thomas von Aquin, bei Bossuet und dessen Begriff vom „göttlichen Ratschluss“, bei Pascal vor allem, und in den Memoiren klingt bei der Nachricht vom gelungenen Ausbruch der Franzosen bei Bir Hakeim Pascals Mémorial an: „Freude, Freude, Tränen der Freude …“

 

In seiner Jugend kommt es zur geistigen Begegnung mit Péguy und dessen Werken Eve, Mysterium der unschuldigen Kinder und Jeanne d’Arc, aber auch mit Psichari. Etwas später knüpft er Kontakt zur Dominikanergruppe Sept, zu Temps présents und Aube. Seine Lieblingsschriftsteller heißen Georges Bernanos und François Mauriac. Während des Krieges kommt er Maritain nahe und ist Bernanos und Mauriac dankbar für ihre Unterstützung.

 

Er pflegt eine manchmal politische, meist aber private Korrespondenz mit Paul Claudel, Etienne Gilson, Jean Guitton, Daniel Rops, Stanislas Fumet, Maurice Clavel und den Geistlichen Daniélou, Carré, Pire, Bruckberger und Riquet.

 

Der General glaubte ans ewige Leben. Sein Sohn, Admiral Philippe de Gaulle bestätigt es mit der Feststellung, als sein Großvater starb, habe sein Vater zu ihm gesagt: „Für einen Christen hat der Tod keinerlei Bedeutung.“ Für ihn trägt der Mensch die Welt in sich, wie er Pierre Emmanuel schreibt. Sein Gaube ist der des Hauptmanns bei der Kreuzigung, und – um mit Maritain zu sprechen – „er hofft wider alle Hoffnung“, schon gar 1940. Er ist ein tätiger Pessimist, der sich von der christlichen Jenseitshoffnung leiten lässt, und Malraux meint, genau dies habe ihn vom Faschismus ferngehalten.

 

Seine religiöse Praxis ist beispielhaft; er wohnt regelmäßig der Messe bei, beichtet (ohne festen Beichtvater), kommuniziert – nach Jean d’Escrienne alles andere als der Show wegen. Dabei hielt er sich aber (mit der einzigen, vermutlich ungewollten Ausnahme von Leningrad) an die ungeschriebene Regel, nach der Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens bei amtlichen Feierlichkeiten nicht zur Kommunion gehen. Im Elyséepalast lässt er die Kapelle wieder herrichten, stattet sie mit – aus seiner „Privatschatulle“ bezahlten – liturgischen Gewändern und Geräten aus und lässt dort von einem weißen Vater (oft seinem Neffen François) die Messe lesen. Sie dauerte nach Aussage seines Adjutanten Flohic jeweils dreiundzwanzig Minuten. In Colombey wohnt er bis zum Abend seines Todes jeden Sonntag der Messe bei. In Hochämtern singt der General das Tedeum mit, in den der Gottesmutter geweihten Kathedralen das Magnifikat.

 

Er ist ein Mann des Gebets; wenn ihm ein Gnadengesuch vorgelegt wird, zieht er sich zum Gebet zurück. Er glaubt an die Fürsprache der Verstorbenen und bittet die Christen, für ihn zu beten.

 

Vor Gott und seinem eigenen Gewissen steht de Gaulle als Christ demütigen Herzens. Kardinal Daniélou bezeichnete ihn als „tiefgläubigen Mann und einfachen Christen“. Dieser Glaube wurde durch den persönlichen Kreuzweg der Eltern der behinderten Tochter Anne auf die Probe gestellt. Am aufschlussreichsten äußert sich dazu der Feldgeistliche der 4. Kavalleriedivision, Pfarrer Bourgeon, der von Madame Giraud von dem Leid der Familie de Gaulle erfahren hat, die er als „ausgezeichnete Christen“ bezeichnet. Am 15. Mai kommt er ins Hauptquartier von Bruyères und sagt zu de Gaulle: „Morgen, Herr Oberst, lese ich die Messe ganz nach Ihrer Meinung und ganz besonders für ihr Töchterchen Anne.“ Weiter schreibt er: „Anne brachte mich in tiefste Verbindung zu seiner intimsten und geheiligtsten Väterlichkeit und seinem Leben als Christ. Über Anne fand ich Zutritt ins Innerste seiner familiären Empfindungen.“ „Annes Geburt, ja, Herr Pfarrer, war eine schwere Prüfung für meine Frau und mich. Aber glauben Sie mir, Anne ist meine Freude und meine Kraft. Sie ist eine Gnade in meinem Leben. Sie hilft mir, mich stets mit den Grenzen des Menschen und der menschlichen Ohmacht zu bescheiden. Sie schenkt mir die Festigkeit im Gehorsam gegenüber dem souveränen Willen Gottes. Sie hilft mir, an den Sinn und das ewige Ziel unseres Lebens zu glauben, an jenes Haus des Vaters, in dem meine Tochter Anne endlich ihre ganze Größe und ihr ganzes Glück finden wird.“

 

De Gaulle fühlt sich der katholischen Kirche, der Gemeinschaft der Heiligen, zugehörig. Er weiß, dass die Kirche ewig ist, kennt aber auch ihre schweren Kämpfe, ihre Zerreißproben, die „Gewitter“, die dramatischen Krisen. Mag er gleich als Staatschef die eine oder andere „gallikanische“ Anwandlung gehabt haben, so war er doch nicht der Meinung, es müsse eine Kirche Frankreichs geben, die sich von Rom distanziert. Er hat hohen Respekt vor dem Papsttum und unterhielt persönliche Beziehungen mit drei Päpsten, vor allem mit Pius XII. und Johannes XXIII.; mit der Betonung der Rechte des Staates zeigt er sich in gewissem Maße gallikanisch, geht aber bei der Beseitigung der Vichy hörigen Bischöfe höchst vorsichtig vor, kennt den Mut und die Treue anderer Seelsorger (Monsignore Saliège und Monsignore Théas) und zahlreicher Gläubiger; er hält seine schützende Hand über die freie Schulwahl (Debré-Gesetz), und vielleicht gar träumte er gelegentlich von einem neuen Konkordat, wusste indes zugleich, dass es unmöglich war. Deutlich spürt man seine Bewunderung für Pius XII. und seine Sympathie für Johannes XXIII., jenen „Prälaten, der uns so gut kennt und so sehr liebt“, und Paul VI. tritt er mit der dem Pontifex Maximus gebührenden Ehrerbietung des Sohnes gegenüber. Paul VI. auch war es, der ihm den Rosenkranz schenkte, den Madame de Gaulle ihm am Todestag um die Hände wand.

 

Von manchen wurde die Frage gestellt, wessen Wesens sein Glaube denn eigentlich sei; Teitgen, Malraux und sogar Mauriac meinten: „Die Beziehungen von Charles de Gaulle mit Gott kennt keiner.“ Andere wollten darin eine konformistische gesellschaftliche Haltung erblicken, das Gebaren eines aus allerlei Gründen – familiären, philosophischen, historischen, geografischen, sozialen – praktizierenden Gläubigen. Wiederum andere betonten die heidnische Leere des de Gaulleschen Denkens (man denke an Pauperts De Gaulle est-il chrétien? [Ist de Gaulle Christ?]). Und schließlich sprachen welche vom nicht-katholischen Christen, vom nicht christlichen Katholiken …, vom nietzsche’schen Christen (Lance), nannten ihn klerikal, antiklerikal, jüdisch-freimaurerisch oder betonten die Ambivalenz des de Gaulleschen Denkens (Borne) … Die Geistlichen – Daniélou, Riquet, Boly, Bourgeon –, seine Adjudanten (d’Escrienne), die ihm Nahestehenden – Alexandre Sanguinetti, Léon Noël – indes hegten solche Zweifel nicht. Gewiss kennt niemand die Gebete des Generals, aber immerhin erwähnt er häufig das Vaterunser, und im Journal d’Egypte vom 2. April 1941 formulierte er sogar ein Glaubensbekenntnis in Gebetsform: „Ich bin ein freier Franzose. Ich glaube an Gott und die Zukunft meines Landes…“ Als Christ befragte er sein Gewissen, insbesondere anlässlich der Ausübung des Gnadenrechts. In seiner Lektüre steht er stets den spiritualistischen Denkern viel näher als den skeptischen, agnostischen oder marxistischen Materialisten; gibt er sich auch manchmal dem Nietzsche’schen Pessimismus hin, so billigt er doch keineswegs die Position eines Maurras, der als Atheist im Katholizismus einzig die soziale Nützlichkeit der Religion sieht, und wie Péguy der Hoffnung verpflichtet, hält er selbst in schlimmsten Augenblicken an ihr als theologischer Tugend fest.

 

In drei wesentlichen Bereichen sind seine Ideen und seine Vision vielleicht von seiner christlichen Moral geprägt. Das gilt zuerst für die Hilfe für die Dritte Welt und die Erlangung der Unabhängigkeit durch die afrikanischen Staaten. Auf gar keinen Fall ist de Gaulle ein „Rassist“. Oft und oft sagte er in Anlehnung an Paulus: „Es gibt nur einen Erlöser für alle, gleich welcher Farbe ihre Haut sein mag.“ Dank seines Katholizismus wohnten bei ihm Nationalgefühl und Universalismus eng beisammen. Ein weiterer Bereich, in dem sein Glaube sein Verhalten diktierte, war die Sozialpolitik. Er ist „sozial, weil katholisch“, und die „christliche Flamme“ inspiriert seine großzügigen Entscheidungen anlässlich der Befreiung, die Vorschläge der RPF für eine Partnerschaft von Kapital und Arbeit, und schließlich in der V. Republik die „Partizipation“.

 

De Gaulles Europavision schließlich war die ausgesöhnter christlicher Nationen. Bei den Solferino-Feierlichkeiten sah Kardinal Montini zu seiner Überraschung, wie General de Gaulle auf ihn zukam und sagte: „Was wir schaffen wollen, ist ein christliches, im gemeinsamen Christsein versöhntes Europa.“ Der große Wurf von Johannes-Paul II. ist somit auch der des Generals. De Gaulle verband die christliche Dimension von „Unserer Lieben Frau Frankreich“ untrennbar mit Frankreichs universellem Berufensein zur Verteidigung der Werte der Freiheit und des Menschen. Dem Frankreich der Ottonen zog er bei weitem das Frankreich Ludwigs des Heiligen vor, und in der festen Überzeugung, dass das französische Volk von Natur aus dazu berufen ist, die Werke Gottes zu vollbringen – gesta Dei per Francos –, forderte er die älteste Tochter der Kirche und ihr Oberhaupt dazu auf, doch niemals ihr Taufgelöbnis zu vergessen. Immer und immer wieder also die Rückkehr zu Chlodwig. Nie auch vergisst er, dass er Soldat ist. Ohne Schwert keine Christenheit, ohne Evangelium keine Kreuzzüge.