De Gaulle und die NATO

Die Haltung von General de Gaulle gegenüber der NATO als Organisationsform des Atlantikpaktes fand ihren Ausdruck in von einem schon vor 1958 zur Schau getragenen Misstrauen, reichte bis zu seinem Entschluss von 1966, die französischen Streitkräfte aus der integrierten Militärorganisation zurückzuziehen, und war Teil seines Planes, Frankreich – zumal angesichts der Entwicklung der Beziehungen mit den aufeinanderfolgenden amerikanischen Regierungen – eine unabhängige Verteidigungspolitik zu geben.

 

1947 hatte er die Marshallplanhilfe für das wiedererstehende Europa gutgeheißen, dessen Schutz vor dem Sowjetblock die amerikanische Atomrüstung gewährleistete. Desgleichen billigte er im April 1949 die Schaffung des Atlantikpaktes als Reaktion auf diese Bedrohung, aber die anschließende Errichtung der Organisationsform der NATO mit ihrer Integration der Streitkräfte hatte in seinen Augen eine Unterordnung zur Folge, die Frankreich nicht länger hinnehmen konnte.

 

Als er 1958 wieder an die Regierung kam, war General de Gaulle der Auffassung, Frankreich müsse seine Unabhängigkeit wiedererlangen; es sei nunmehr in Europa und der Welt selber handlungsfähig und habe ohnehin die Absicht, „sich mit einer Atommacht auszustatten, die dafür sorgte, dass uns niemand angreifen kann, ohne schwerste Verletzungen zu riskieren“. Er beschloss, Frankreich aus der NATO-Integration herauszulösen, allerdings, mit Rücksicht auf die Verbündeten, in Etappen.

 

Bereits im September 1958 erläuterte er in einem an Präsident Eisenhower und Ministerpräsident Macmillan gerichteten Memorandum seine Auffassung; darin hieß es kurz gesagt, der geografische Einsatzbereich der NATO müsse weltweit sein, die Leitung des Bündnisses nicht mehr allein von den angelsächsischen Mächten, sondern von drei Ländern ausgeübt werden. Da ihn die Antwort nicht befriedigte, traf er seine ersten Vorkehrungen: im März 1959 wurde die französische Mittelmeerflotte dem NATO-Oberbefehl entzogen; die Stationierung amerikanischer Atomwaffen auf französischem Territorium wurde untersagt und unsere Luftabwehr wieder der nationalen Autorität unterstellt; die alliierten Flugzeuge mussten jährlich eine Überfluggenehmigung einholen; unsere aus Algerien heimgeführten Einheiten wurden nicht mehr in die NATO integriert. Ein Angebot amerikanischer Atomwaffen ohne ausschließliches Verfügungsrecht für Frankreich wurde ausgeschlagen. Schließlich erhielt das noch von der IV. Republik eingeleitete Atomprogramm Vorrang und führte zur Zündung der ersten französischen Atombombe am 13. Februar 1960 in Reggane in der Sahara.

 

Diese Entscheidungen fanden in den Vereinigten Staaten eine sehr ungute Aufnahme und stießen bei den anderen Verbündeten auf Kritik. General de Gaulle betonte, an der Solidarität Frankreichs habe sich nichts geändert. Die Spannungen um Berlin 1961 und die Kubakrise von 1962 boten de Gaulle Gelegenheit, Präsident Kennedy klarzumachen, im Kriegsfall stehe Frankreich an der Seite der USA.

 

Nach Kennedys Ermordung wurden die Beziehungen zur Regierung Johnson zusehends gespannter, denn diese bereitete eine Verstärkung der Integration vor und verabschiedete die Doktrin der abgestuften Reaktion, womit die amerikanische Atomgarantie zweifelhaft wurde. Das veranlasste General de Gaulle, sich immer weniger mit der Integration abzufinden, die Frankreich der eigenen Mittel beraubte und Gefahr lief, es in Konflikte hineinzuziehen, die nicht die seinigen waren; zugleich war de Gaulle mit dem wachsenden amerikanischen Engagement in Vietnam alles andere als einverstanden.

 

Am 7. März 1966 teilte de Gaulle Präsident Johnson mit, Frankreich ziehe sich aus der integrierten militärischen Organisation zurück. Am 1. Juli verließen die französischen Vertreter die militärischen Organe. Die NATO-Stäbe wurden am 1. April 1967 aus Versailles und Fontainebleau abgezogen.

 

Die Teilnahme Frankreichs am Atlantikrat indessen behielt General de Gaulle bei. Frankreich blieb Mitglied der NATO und ihrer Organe, mit Ausnahme der integrierten militärischen Struktur. Es wurde Weisung erteilt, die Zusammenarbeit der französischen Streitkräfte mit den NATO-Streitkräften im Kriegsfalle vorzubereiten, vorbehaltlich einer entsprechenden Teilnahmeentscheidung Frankreichs. Die Lemnitzer-Ailleret-Abkommen trafen die Vorkehrungen für ein Eingreifen Frankreichs an der Seite der Verbündeten in allen Bereichen. Desgleichen blieben die französischen Landeinheiten in der Bundesrepublik Deutschland stationiert.

 

Auf diese Weise wurde der Plan von General de Gaulle verwirklicht, Frankreich seine Souveränität wiederzugeben.

 

Die Reaktionen im Ausland waren lebhaft; in den Vereinigten Staaten kam es zu Frankreich feindlichen Demonstrationen, desgleichen in Großbritannien und Holland. Die Deutschen waren besorgt. Allgemein herrschte Unverständnis. Die Sowjets klatschten Beifall, und von mancher Seite wurde der Reise de Gaulles in die UdSSR im Juni 1966 übertriebene Bedeutung beigemessen.

 

Zwei Jahre lang warf die französisch-amerikanische Strategiedebatte hohe Wellen, aber General de Gaulle war fest entschlossen, dem Bündnis mit den Vereinigten Staaten treu zu bleiben. Ende 1968 entspannte sich mit der Wahl des Frankreich freundlich gesonnenen Präsidenten Nixon die Lage wieder, zu dem General de Gaulle ein vertrauensvolles Verhältnis entwickelte. Er beschloss, die Mitgliedschaft Frankreichs im Atlantikpakt zu erneuern, als dieser 1969 zur Verlängerung anstand.

 

Die strategische Doktrin von General de Gaulle wurde im wesentlichen bis zum Zusammenbruch des Sowjetblocks beibehalten.