De Gaulle und die Medien

 

DR

1944—1946

 Pressewesen:

In den Monaten unmittelbar nach der Befreiung ergreift General de Gaulle drei wichtige Maßnahmen:

Schaffung der Agence France-Presse (AFP) als öffentliches, alle Beteiligten umfassendes Unternehmen, das Nachrichten französischen Ursprungs unabhängig von den ausländischen Agenturen an die französische und internationale Presse liefern soll. Übertragung von Hab und Gut der nationalen oder regionalen Presseunternehmen, die mit dem Feind zusammengearbeitet haben, auf Gruppen aus dem Widerstand hervorgegangener Persönlichkeiten. So löst beispielsweise Le Monde das Blatt Temps ab.

Wegen der herrschenden Knappheit wird ein Mechanismus eingerichtet, der eine gerechte Aufteilung so wichtiger Güter wie etwa des Papiers auf die Zeitungen gewährleistet.

Rundfunkwesen:

Stärkung des Staatsmonopols: Die kleinen Regional-Rundfunkstationen werden praktisch von der Radiodiffusion française aufgesogen, die dem Informationsminister untersteht.

 

1958—1969

 Pressewesen:

Bei seiner Rückkehr an die Macht nimmt General de Gaulle an den von der IV. Republik hinterlassenen Regelungen für die schreibende Presse keinerlei Änderungen vor.

Sie behält sämtliche ihr eingeräumten Vorteile insbesondere steuerlicher oder postalischer Art und genießt weiterhin absolute Freiheit, die sie im übrigen ziemlich schnell und allgemein dazu nutzt, dem Präsidenten der V. Republik kritisch, ja feindselig zu begegnen.

 

Rundfunk und Fernsehen:

Als der General wieder an die Macht kommt, ist der nationale Rundfunk eine bloße Abteilung des Informationsministeriums; der Zugang dazu steht im freien Belieben der Regierung. Der General selbst musste das bitter erfahren, denn anlässlich der Schaffung der „Sammlungsbewegung des Französischen Volkes“ bedeutete ihm der Ministerpräsident höchstpersönlich in dürren Worten, „natürlich“ sei ihm fortan der Zugang zum Rundfunk verwehrt. Diese Ankündigung wurde auch strikt eingehalten, denn Rundfunk (und Fernsehen) öffneten sich ihm erstmals wieder anlässlich der berühmten Pressekonferenz vom 19. Mai 1958, die seine Rückkehr an die Regierung einläutete.

Nun weiß niemand besser als der General, welchen Einfluss dieses Medium hat, und er ahnt schon die Macht des Fernsehen, das sich seit Anfang der fünfziger Jahre rasant ausbreitet.

Infolgedessen behält er das Staatsmonopol bei Radio und Fernsehen bei, ist indes der Meinung, diese neuen Medien sollten um einen umfassenden Auftrag zur Belebung des politischen, kulturellen, sozialen und erziehungspolitischen Lebens der Nation erweitert werden und durch Öffnung für alle Meinungsströme auf Distanz zur Regierung gehen, dabei aber natürlich der Erläuterung der Regierungspolitik einen gerechten Platz einräumen.

Zu diesem Zweck geht er in zwei Etappen vor:

Bereits 1959 sind Radio und Fernsehen nicht mehr bloß eine Abteilung eines Ministeriums, sondern werden zu einer öffentlichen Verwaltung, die sich aus einer Gebühr finanziert, deren Höhe jährlich vom Parlament genehmigt werden muss.

Die große Reform kommt jedoch 1964, als Rundfunk und Fernsehen zu einer industriellen und kommerziellen Einrichtung der öffentlichen Hand werden, die den Auftrag hat, zu informieren und kulturell und erzieherisch zu wirken: das finanziell autonome „Office de radiodiffusion télévision française“ (ORTF).

Sicher wird gleichzeitig im Informationsministerium ein Dienst für die Koordinierung der Regierungsinformation, SDI, eingerichtet, der täglich sowohl dem Hör- und Sehfunk als auch der schreibenden Presse die wesentlichen Elemente des Vorgehens der Regierung liefern soll.

Dennoch stellte die Schaffung des ORTF – entgegen der damals allzu oft gehörten Auffassung – eine bis heute gültige, entscheidende Öffnung der audiovisuellen Medien für alle politischen, geistigen und kulturellen Strömungen dar.

Während des gleichen Zeitraums werden in den großen Verwaltungsregionen des Mutterlandes sowie in den überseeischen Departements und Territorien rund dreißig Stationen eingerichtet mit dem Ziel, die Information näher an die Bevölkerung zu bringen und der Weiterentwicklung der lokalen Kulturen Vorschub zu leisten.

Diese Maßnahmen werden von einer enormen technischen Anstrengung begleitet, die das Staatsgebiet mit einem dichten Netz von Sendern und Relaisstationen überzieht, damit das Fernsehen auch im kleinsten Bergdorf empfangen werden kann.

Ergänzend dazu wird ein zweiter Fernsehkanal geschaffen, diesmal in Farbe mit Hilfe des französischen SECAM-Verfahrens. Die internationale Ausbreitung dieses Verfahrens, der der General ganz besondere Bedeutung beimisst, führt zu einem heftigen Konkurrenzkampf mit dem deutschen (aus dem amerikanischen NTSC gewonnenen) PAL-Verfahren. Die meisten europäischen Länder entscheiden sich zwar für PAL, aber SECAM wird immerhin von der UdSSR, den Ländern des Ostblocks und des Nahen Ostens eingeführt.

Unter der Schirmherrschaft de Gaulles und kraft seines Willens kam der nationale Hör- und Sehfunk in den Genuss einer umfangreichen Entwicklung und tiefgreifender Strukturreformen, wobei die Rechtsstellung der sogenannten „periphären“ Sender wie Radio-Luxemburg, Europe N° 1, Radio Monte-Carlo und Radio-Andorra keinerlei Veränderung erfuhr.

Nur eine einzige neue Station wurde geschaffen, nämlich Sud–Radio (wie Radio-Monte-Carlo) als Teil der staatlichen Gesellschaft SOFIRAD, um eine bessere Abdeckung des französischen Südwestens zu erreichen.

 

* * *

 

Für alle Franzosen war de Gaulle, von 1940 bis 1969, der Mann des Rundfunks. Der von der BBC ausgestrahlte Aufruf vom 18. Juni 1940 und die weiteren, aus London, Brazzaville oder Algier ausgestrahlten Reden und Ansprachen sind aus der Geschichte der Befreiung nicht wegzudenken.

 

Mit seiner meisterlichen Beherrschung der französischen Sprache findet de Gaulle im Rundfunk ein für ihn geradezu maßgeschneidertes Instrument. Er begreift das intime Band, das die Ätherwellen zwischen Sprecher und Hörer zu weben vermögen. Bei der Einweihung des „Maison de la Radio“ am 14. Dezember 1963 fasst er es selbst in Worte: „Der Rundfunk hat sich des Kontakts mit dem Denken, Fühlen und Wollen bemächtigt. Mit allem, was er auf die ihm ganz eigene, unwiderstehliche und unmittelbare Weise an Lebendigem und Bewegenden ausstrahlt, eignet er sich hervorragend als Informationsmittel für unsere mechanisierte, geballte und schnelllebige Epoche.“

 

War de Gaulle auch der Mann des aufkommenden Fernsehens, die zentrale Gestalt, deren live ausgestrahlte Pressekonferenzen und Äußerungen, zumal in nationalen Krisenzeiten (Januar 1960, April 1961) Millionen Franzosen verfolgten, so wendete er sich dennoch am 30. Mai 1968 im Augenblick, als die Mai-Ereignisse auf ihrem Höhepunkt angelangt waren, nach seiner Rückkehr aus Deutschland einzig und allein über den Rundfunk an die Franzosen mit einer Ansprache, die gleichwie jene vom Juni 1940 den Gang der Geschichte verändern sollte.