De Gaulle und die Dritte Welt

Ab 1962, nach der Beilegung der Algerienfrage, erhebt General de Gaulle die Entwicklungshilfe für die Dritte Welt zu einem Hauptanliegen seiner Außenpolitik. Deren Auftauchen, das mit der Schaffung der Bewegung der Ungebundenen Länder auf der Bandung-Konferenz von 1955 institutionell verankert wird, machte er sich im übrigen auch dazu zu nutze, seine Strategie der Brandmarkung des amerikanischen Imperialismus und des Aufrufs zum Kampf gegen die Versteinerung der beiden Blöcke umzusetzen.

 

Wissend, dass Frankreich außenpolitisch keinen Ehrgeiz entfalten konnte, ehe das Problem Algerien gelöst, ihm also die Unabhängigkeit eingeräumt war, setzte er alles daran, dies 1962 zu erreichen. Vorher schon hatte er das Referendum von 1958 veranstaltet, mit dem als Vorspiel zur dem gesamten französischsprachigen Schwarzafrika im August 1960 eingeräumten Emanzipierung die Französische Gemeinschaft begründet wurde.

 

So also sahen de Gaulles erste Taten zugunsten der Dritten Welt aus. Er hütete sich freilich, sich vor den Karren der Dritt-Welt-Ideologie spannen zu lassen, die in den sechziger Jahren im Schwange war. Desgleichen hielt er dem Bündnis mit den Vereinigten Staaten die Treue und bewies es anlässlich der Kuba-Krise von 1962.

 

Hinzu kam gegenüber den vor kurzem unabhängig gewordenen Ländern eine Politik der Zusammenarbeit vermittels einer vertraglich fixierten Partnerschaft souveräner Staaten, die die gegenseitigen Vorteile erleichtern sollte. Sie kam in verschiedenen Bereichen zum Tragen, insbesondere auf wirtschaftlichem (technische Hilfe, Investitionshilfe), kulturellem und militärischem Gebiet. Insoweit verstand sich de Gaulle gewissermaßen als Sprecher der Dritten Welt in den internationalen Gremien, indem er sich für einen gewissen Handelsprotektionismus aussprach, der sich dann weitgehend in den Abkommen von Jaunde (über den Handel mit den AKP-Staaten Afrika, Karibische Inseln, Pazifik) von 1963 niederschlug.

 

Seine Reisen nach Lateinamerika im Jahre 1964 zeigten, dass von diesem Anliegen keine Zone des Erdballs ausgeschlossen war, soweit Frankreich in ihr im wesentlichen kulturelle und sprachliche Interessen besaß, die es erlaubten, den amerikanischen Einfluss auszugleichen. In dieser „von seinem Geist befruchteten“ und sorgsam auf ihre Eigenständigkeit pochenden Zone nutzte Frankreich seine Stellung (umfangreiches Netz von „Alliances françaises“); gleichzeitig ließ es ihr ein deutliches Signal der Unterstützung gegen das Hegemoniestreben der USA zukommen. De Gaulle hat nie vergessen, dass zwei lateinamerikanische Länder (Kolumbien und Uruguay) zu den ersten der Welt gehört hatten, die das Freie Frankreich anerkannten.

 

Am deutlichsten äußerte de Gaulle seine Gegnerschaft gegen die amerikanische Hegemonie während seiner zweiten (nicht zu Ende geführten) siebenjährigen Amtszeit, als sich der Vietnamkrieg immer weiter verschärfte: Das beste Beispiel dafür bietet seine Rede von 1966 in Phnom Penh, die bis heute als Inbegriff der französischen Unterstützung des Kampfes der versklavten Völker gelten kann. Die ausgewogene Haltung von General de Gaulle anlässlich des Sechstagekrieges von 1967 hatte auch mit der neuen Beliebtheit Frankreichs in der arabischen Welt zu tun.

 

De Gaulles Politik der Unterstützung der Bestrebungen der Dritten Welt gehört zu den bedeutsamsten Aspekten der internationalen Ausstrahlung Frankreichs in den sechziger Jahren.