De Gaulle und die Atomwaffe

CEA

Schon im Oktober 1945, also kaum zwei Monate nach Hiroshima, errichtete General de Gaulle, damals noch Präsident der Provisorischen Regierung, das Atomenergie-Kommissariat (CEA), das den Auftrag erhielt, „wissenschaftliche und technische Forschungen im Hinblick auf die Nutzung der Atomenergie in den Bereichen der Wissenschaft, der Industrie und [dies ist ausdrücklich zu betonen] der nationalen Verteidigung“ zu betreiben. Doch erst Ende 1954 wird unter dem Anstoß einiger weitblickender Politiker der IV. Republik und auf Initiative des Generaladministrators des CEA, Pierre Guillaumat, insgeheim ein militärisches Atomprogramm lanciert. Im April 1958 war das Programm immerhin soweit gediehen, dass Ministerpräsident Félix Gaillard einen streng geheimen Befehl unterzeichnen konnte, dem zufolge alle Vorkehrungen getroffen werden sollen, „damit ab dem ersten Quartal 1960 die erste Atomexplosions-Versuchsreihe stattfinden kann“.

 

Sofort nach seiner Rückkehr an die Macht zwei Monate später, gibt General de Gaulle mit der ihm eigenen, ungestümen Entschlossenheit dem Unternehmen einen entscheidenden Anstoß. Die Entscheidungen überschlagen sich geradezu: Guillaumat wird augenblicklich zum Armeeminister ernannt, die Errichtung der „Force de frappe“ erhält „absolute Priorität“. Auf praktischer Ebene kommen sodann nacheinander in Gang: der Bau einer Fabrik für die Herstellung hochangereicherten Urans (bis dahin verfügte Frankreich als Kernsprengmaterial nur über Plutonium), die Serienfertigung von Bombern des Typs Mirage IV, die Verwirklichung eines Kernantriebs für U-Boote im Trockendock und die Entwicklung von strategischen ballistischen Boden-Boden-Raketen.

 

Im Februar 1960 erfährt diese Anstrengung ihre Krönung in der erfolgreichen Zündung des ersten französischen Atomsprengsatzes in Reggane (Sahara), der dann mehrere in der Atmosphäre folgen (General de Gaulle hatte das von den USA und Großbritannien vorgeschlagene Moratorium abgelehnt). Ab September 1961 werden die französischen Versuche in In-Ecker (Hoggar) unterirdisch, und ab Juni 1966 im Pazifik-Versuchszentrum in Polynesien schiffs- und ballongetragen fortgesetzt, denn 1963 hatte Frankreich auch die Unterzeichnung des Moskauer Sperrvertrags für Atomversuche in der Atmosphäre verweigert.

 

Gleichzeitig verfolgte General de Gaulle aufmerksam die Errichtung der „Französischen Abschreckungs-Streitmacht“. Zu diesem Zweck wurde dem Parlament im Juli 1960 vom neuen Armeeminister Pierre Messmer ein erstes „Programmgesetz“ für den Zeitraum bis 1964 unterbreitet, das die Herstellung von Mirage-IV-Bombern und eines zur Abfeuerung von Raketen geeigneten Atom-U-Boots (SNLE) sowie die Vorstudien für eine Thermonuklearbombe finanzierte.

 

  • Die erste Mirage-IV-Staffel wurde im Oktober 1964 im Rahmen des neuen „Oberkommandos der strategischen Luftstreitkräfte“ in Dienst gestellt, das seit kurzem auch über Versorgungsflugzeuge vom Typ Boeing C-135 F verfügte, zu deren Verkauf an Frankreich sich die amerikanische Regierung bereit erklärt hatte.
  • Zugunsten der Atom-U-Boote hatte General de Gaulle, „um Zeit und Geld zu sparen“, die – noch auf einem Ende der IV. Republik unterzeichneten Abkommen beruhende – Lieferung angereicherten Urans durch die USA für den im Trockendock entwickelten Prototyp des Kernantriebs zugestimmt.
  • Die Wasserstoffbombe schließlich konnte ebenfalls erfolgreich erprobt werden, allerdings erst im August 1968; die Verzögerungen in der Isotopentrennanlage in Pierrelatte riefen mehrfach den Unwillen von General de Gaulle hervor.

 

Ein zweites Militär-Programmgesetz für den Zeitraum 1966 – 1970 finanzierte den Bau zweier weiterer Atom-U-Boote sowie die Dislozierung der strategischen ballistischen Boden-Boden-Raketen (SSBS) in Silos auf dem Hochplateau von Albion in der Provence. Diese beiden Streitkräfte waren ab 1971 einsatzbereit.

 

Zusätzlich zu diesen umfangreichen Programmen beschloss General de Gaulle 1963, Frankreich nach amerikanischem Muster auch mit taktischen Atomwaffen auszustatten: von Mirage-III- und Jaguar-Flugzeugen getragene Atombomben und frontnahe taktische atomare Flugkörperträger Pluton – beide nach 1970 in Dienst gestellt.

 

Auf diese Weise hatte der General der „Strategie der Mittel“ Vorrang gegeben, denen er 1967 bis zu 50 Prozent der Investitionsmittel der Verteidigung zuwies, deren Anteil danach dann regelmäßig zurückging. Sein Ziel war im wesentlichen ein politisches: Er wollte Frankreich seine „Größe“ wiedergeben, indem es die unmittelbare und uneingeschränkte Verantwortung für seine Verteidigung gegen jeden seine Lebensinteressen berührenden Großangriff übernahm. Das war der Grund, warum der General jede diesbezügliche Zusammenarbeit mit den Verbündeten ablehnte: Verweigerung der Stationierung von Mittelstreckenraketen auf französischem Boden; Ablehnung der Multilateralen Atomstreitmacht der NATO (MLF); schon 1958 Aufhebung eines von der IV. Republik ausgehandelten Geheimprotokolls für den Beginn einer nuklearen Zusammenarbeit mit den Deutschen und Italienern.

 

Der Vorrang, den der General dem politischen Endzweck einräumte, bedeutet keineswegs, dass er sich etwa der für Frankreich passenden Abschreckungsstrategie – der Abschreckung des Starken durch den Schwachen also – verweigert hätte. Aber für ihn ging es vor allem anderen um die Entschlossenheit dessen, der „das Sagen hat“. Und die Entschlossenheit des Generals de Gaulle kannte er wahrhaftig! Er behielt dem Präsidenten der Republik das alleinige Recht vor, auf den französischen atomaren Knopf zu drücken.