De Gaulle und der Mai 1968

Die Maikrise 1968 nimmt sich in vielem wie die Sozialaufstände der Vergangenheit aus. Dennoch ist sie in Ablauf und Ursachen von sehr eigener Art: Sie beginnt, insoweit den Aufständen in den USA und der Bundesrepublik ähnlich, als heftige studentische Protestbewegung, zieht dann aber eine Mobilisierung der Arbeiter nach sich und weitet sich schließlich zur grundsätzlichen politischen Krise aus.

 

  • 22. März: In Nanterre besetzen die Studenten die Verwaltungsbüros der Fakultät; unter Leitung von Daniel Cohn-Bendit formiert sich die „Bewegung 22. März“. De Gaulle betrachtet diese ersten Demonstrationen als bloße Randale.
  • 29./30. März: In Nanterre wird der Vorlesungsbetrieb eingestellt.
  • 2. Mai: Erneute Einstellung des Vorlesungsbetriebs.
  • 3. Mai: Die Sorbonne wird geschlossen.
  • 6. Mai: Die Bewegung weitet sich auf die Provinz aus. Der Präsident der Republik empfiehlt Festigkeit: „Nachgeben kommt nicht in Frage.“
  • Zusammenkunft des Studentenverbands UNEF und der Gewerkschaften CGT und CFDT im Hinblick auf ein gemeinsames Vorgehen.
  • 10. Mai: Wiedereröffnung von Nanterre und „Nacht der Barrikaden“. Zusammenstöße zwischen Studenten und Ordnungskräften in den Straßen von Paris. 376 Verletzte. De Gaulle wird erst am nächsten Morgen um 5.30 Uhr von den Aufständen unterrichtet. Der vorzeitig von einem offiziellen Besuch in Afghanistan zurückgekehrte Premierminister Pompidou beschließt, mit der Ankündigung der Wiedereröffnung der Sorbonne das Klima zu entspannen.
  • 11. Mai: Fernsehansprache von Georges Pompidou.
  • 13. Mai: Die Gewerkschaften (CGT, CFDT) rufen einen Generalstreik aus und schließen sich den Protestzügen der Studenten an; rund eine Million Demonstranten fallen in Paris ein und ziehen mit dem Ruf „Zehn Jahre sind genug!“ (Anspielung auf zehn Jahre de Gaulles an der Macht) durch die Straßen. François Mitterrand verkündet als Sprecher der Opposition: „Es ist höchste Zeit, dass die Regierung verschwindet.“
  • 14. – 19. Mai: Charles de Gaulle weilt zum Staatsbesuch in Rumänien. Frankreich ist von einer Million Streikenden gelähmt. Die Studenten besetzen das Odeon-Theater …
  • Der nach Frankreich zurückgeeilte Staatspräsident versucht, die Lage wieder unter Kontrolle zu bekommen, und erklärt: „Reformen ja, aber kein Mummenschanz.“
  • 24. Mai: De Gaulle hält eine Fernsehansprache, um die Öffentlichkeit in den Griff zu bekommen. Er bekräftigt, die Ordnung werde aufrechterhalten, und kündigt ein Referendum über die „Partizipation“ (Beteiligung/Mitspracherecht) in den Universitäten und den „Industrie- und Agrarbetrieben im Rahmen unserer Regionen“ an. Die Rede verpufft wirkungslos.
  • 25. Mai: Aufnahme von Verhandlungen zwischen Regierung, Gewerkschaften und Arbeitgeberverband im Ministerium für Sozialfragen in der rue de Grenelle.
  • 27. Mai: Unterzeichnung der Abkommen von Grenelle. Die Arbeiter streiken trotzdem weiter.
  • 28. Mai: François Mitterrand kündigt seine Kandidatur für das Amt des Präsidenten der Republik an.
  • 29. Mai: De Gaulle sagt die geplante Kabinettssitzung ab und fliegt mit dem Hubschrauber an einen nur ihm und seiner nächsten Umgebung bekannten Ort. Er will sich in Straßburg oder Saint-Odile mit dem Kommandeur des 1. Armeekorps, General Hublot, und dem Oberbefehlshaber der französischen Truppen in Deutschland, General Massu, treffen, aber schlechtes Wetter und Kommunikationsschwierigkeiten zwingen ihn zur Landung in Baden-Baden, wo das Treffen stattfindet. Nach Frankreich zurückgekehrt, sagt de Gaulle: „Ich bin mit mir ins Reine gekommen.“
  • 30. Mai: Vom Elysée aus hält de Gaulle eine kraftvolle Rundfunkansprache: „Ich trete nicht ab. […] Ich wechsle den Premierminister nicht aus. […] Ich löse mit sofortiger Wirkung die Nationalversammlung auf …“ Noch am selben Abend versammeln sich auf den Aufruf der Komitees zur Verteidigung der Republik hin hunderttausende Anhänger des Generals auf dem Place de la Concorde und marschieren, angeführt von Malraux, Debré und Schumann, zum Place de l’Etoile. Im übrigen akzeptieren sämtliche Parteien den Grundsatz neuer Parlamentswahlen.
  • 31. Mai: Großdemonstrationen zugunsten von General de Gaulle in allen Großstädten der Provinz. Die Regierung wird umgebildet.
  • 4. – 6. Juni: Das Land kommt wieder zur Ruhe. Wiederaufnahme der Arbeit in den Betrieben und im öffentlichen Sektor.
  • 7. Juni: Über Rundfunk und Fernsehen übertragenes Gespräch de Gaulles mit Michel Droit. Der Staatspräsident bezeichnet die Maikrise 1968 als Zivilisationskrise und erläutert die wirtschaftlichen und sozialen Maßnahmen, die zu ihrer Beilegung ergriffen werden sollen.
  • 11. Juni: Letzte große Studentenkrawalle in Paris.
  • 16. Juni: Räumung der Sorbonne durch die Polizei.
  • 23. und 30. Juni: Erster und zweiter Wahlgang der Parlamentswahlen. Gewaltiger Sieg der de Gaulle nahestehenden Parteien (UDR und Unabhängige Republikaner erringen 362 von insgesamt 485 Sitzen).
  • 10. Juli: De Gaulle nimmt den Rücktritt der Regierung an und ernennt Maurice Couve de Murville zum Premierminister.