De Gaulle und Churchill

DR

Bekanntlich waren die Beziehungen zwischen den beiden außergewöhnlichen Persönlichkeiten Winston Churchill und Charles de Gaulle, die beide unter extrem schwierigen Umständen eine erdrückende Verantwortung trugen, keineswegs ein reines Schönwetterverhältnis. Das bezeugt eine ganze Reihe mittlerweile bekannt gewordener Aussprüche, die damals aber nicht in die Öffentlichkeit drangen, weil diese sie sich gar nicht hätte vorstellen können und davon entmutigt worden wäre. So radebrechte beispielsweise einmal Churchill in seinem unvergleichlichen Französisch: „Si vous m’obstaclerez, je vous liquiderai!“ (Wenn Sie mir Weg stehen, liquidiere ich Sie), was der General kurz darauf mit den Worten quittierte: „Wenn Sie sich unbedingt entehren wollen – bitte“. Diese – unter vier Augen oder gegenüber Mitarbeitern geäußerten – Ausbrüche dürfen auf keinen Fall aus dem Zusammenhang der jeweils sehr stürmisch verlaufenen Begegnungen wie etwa der mit Giraud und Roosevelt in Anfa Ende Januar 1943 herausgelöst werden.

     Vielmehr muss man sich – jenseits solcher Ausbrüche – in erster Linie vergegenwärtigen, wie sehr die beiden Staatsmänner gemeinsam für die gleichen Werte und Ziele gewirkt haben. Erst danach kann man sich der Frage zuwenden, wo und warum sie in einem bestimmten Augenblick uneins waren.

 

Schon bei ihrer ersten Begegnung am 9. Juni 1940 springt zwischen den beiden Männern „der Funke über“. Churchill merkt augenblicklich, dass General de Gaulle jeden Gedanken an eine Einstellung des Kampfes von sich weist; er glaubt an „die Idee de Gaulle“, sieht in ihm „den Mann der Vorsehung“ und spürt, dass die Vaterlandsliebe dieses Mannes aus demselben Stoff wie die seinige ist. Darum fasst er – entgegen der Stellungnahme seiner eigenen Regierung – den mutigen Beschluss, den Chef der Freien Franzosen zu unterstützen, indem er ihm die Wellen der BBC anbietet; desgleichen erkennt er ihn als seinen Partner im Kampf um die Niederringung Deutschlands und des Nazismus an (28.06.1940). Die gegenseitige Wertschätzung der beiden Männer umfasst auch eine differenzierte Wahrnehmung des jeweiligen, seiner eigenen Kultur und spezifischen Situation verhafteten Andern. Churchill ist ein Kenner und Bewunderer der Geschichte Frankreichs; seine Frankophilie liegt klar zutage, auch wenn sie manchmal mit einer gewissen Herablassung einhergeht, die den Kampfgefährten ärgert. Andererseits prädisponierte der familiäre und schulische, von den Leitbildern Jeanne d’Arc und Napoleon und der Erinnerung an die Faschoda-Krise[*] geprägte Bildungsgang den General nicht unbedingt zur Freundschaft mit „Albion“ und den
Angelsachsen; dennoch würdigt er die britischen Tugenden Mut, Disziplin und „Fairplay“ sowie die große politische und diplomatische Erfahrung des nicht unerheblich älteren Churchill. Mehrfach bezeugt er dem König und dem britischen Volk seinen Dank für die herzliche Aufnahme, die er und die Freien Franzosen bei ihnen gefunden haben.

 

Das Verständnis, das der General für die Beschießung der französischen (Vichy unterstehenden) Kriegsschiffe in Mers-el-Kebir an den Tag legt, und die von Churchill auch nach dem Fehlschlag der Dakar-Expedition beibehaltene Solidarität mit de Gaulle sorgen dafür, dass das Bündnis zwischen den beiden Männern bis Sommer 1941 ohne Wellen zu schlagen anhält. Danach aber bleiben außenpolitische Vorkommnisse im Zusammenhang mit der geografischen Ausweitung des Krieges und insbesondere dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten nicht ohne Rückwirkung auf das Verhältnis zwischen de Gaulle und Churchill.

     Durch die Ausweitung des Konflikts auf das östliche Mittelmeer ab 1941 leben bislang unterschwellige alte Kolonialrivalitäten wieder auf und vergiften die Beziehungen zwischen den beiden Verbündeten. So zum Beispiel in Syrien und Libanon, wo General de Gaulle befürchtet, die Briten wollten die augenblickliche Schwäche Frankreichs ausnutzen und es zur Aufgabe seiner Völkerbundsmandate drängen oder von Irak und Palästina her verdrängen. Dasselbe gilt für Madagaskar, wo noch erschwerend hinzukommt, dass die Engländer dort im Mai landeten, ohne ihren Verbündeten vorher zu unterrichten. Nun gerät der zwischen den Vichy-Anhängern, die ihm vorwerfen, er spiele den Engländern in die Hand, und seinem Nationalismus, der ihn auf jede alliierte Einmischung insbesondere im Kolonialreich höchst empfindlich reagieren lässt, eingezwängte de Gaulle in eine äußerst heikle Lage. Zudem verändert der Kriegseintritt des mächtigen Amerika das Bild insoweit von Grund auf, als Präsident Roosevelt während eines beträchtlichen Teils des Krieges Frankreich partout als endgültig besiegt ansieht und in de Gaulle nur einen stümpernden, arroganten, gefährlichen, in nichts die Franzosen vertretenden und nicht des geringsten Vertrauens würdigen Abenteurer erblicken will (dem er im Mai 1943 bestenfalls die Regierung Madagaskars zutraut). Dem in der alliierten Koalition nunmehr nur noch die zweite Geige spielenden Churchill gelingt es nicht, Roosevelts Auffassungen zu ändern, und so findet er sich damit ab, dessen politischer Orientierung zu folgen, zu Lasten eines engen Bündnisses mit dem Freien Frankreich und sogar seiner Freundschaft mit dem General.

     Ab 1941 und vor allem ab 1942 kommt es zu Zeichen eines gelegentlich explosiven Zerwürfnisses zwischen den beiden Staatsmännern, wobei sich Churchill hin und wieder ein Herz fasst und seinen Glauben an einen gemeinsamen Sieg mit seinem französischen Partner bekräftigt. Zwei ausgesprochen lebhafte Episoden im Zusammenhang mit der alliierten Landung auf französischem Boden beleuchten die Uneinigkeit schlaglichtartig. Die erste spielt im November 1942, als die Amerikaner in Nordafrika landen und es ablehnen, de Gaulle vorher zu unterrichten und ihn an der Operation zu beteiligen. Das hat einen handfesten, ein halbes Jahr anhaltenden politischen Krach in Algier und eine verständliche Verstimmung gegenüber Churchill zur Folge, die den General sogar dazu veranlassen, mit der Verlegung des Freien Frankreich nach Moskau zu drohen. Danach bessert sich die Lage keineswegs, denn auch das Datum der Landung in der Normandie wird dem General vorenthalten, so dass es am Vorabend von D-Day zu einem schlimmen Streit mit Churchill kommt, der unter anderem darauf zurückzuführen ist, dass die angelsächsischen Mächte das befreite Frankreich als besetztes Land behandeln und dort eine alliierte Militärverwaltung (AMGOT) einrichten wollen.

 

Natürlich sind diese Ausbrüche auch auf die höchst ungewöhnliche Persönlichkeit der beiden Partner und ihr ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein zurückzuführen. Dem vulkanhaften Temperament Churchills und seinen wechselnden Launen vermag nur das kalkulierte Phlegma des Generals Paroli zu bieten, wobei beide mit einer Argumentationslust begabt sind, die auch vor Doppelbödigkeit nicht Halt macht. De Gaulle ist der Meinung, seine objektive Schwäche aufgrund seines Status als Vichy-Dissident und des relativen Mangels an materiellen Hilfsmitteln zwinge ihn um so mehr auch in winzigsten Einzelheiten zur Unnachgiebigkeit, und er besteht darauf, niemand anderer als er vertrete Frankreich, das wahre Frankreich, und diese Legitimität will er auch diplomatisch anerkannt sehen. Daraus ergeben sich Ansprüche, die sein erster Verbündeter – zumal an der Spitze einer Nation, die im Lauf der Geschichte oft genug Frankreichs Rivalin war – zunächst als arrogant und unerträglich empfindet. Mehrfach äußert Churchill sein Unverständnis für die, wie ihm scheint, völlig übertrieben starre Haltung und Reaktion des Generals. Zum Glück für beide Nationen hatten es die beiden ungewöhnlichen Staatsmänner verstanden, sich mit kundigen und vernünftigen Männern zu umgeben, die im richtigen Augenblick das gelegentliche Überschäumen ihrer Chefs zu zügeln vermochten: Leuten wie Anthony Eden, Duff Cooper und Harold Macmillan auf der einen, Pierre Viénot, René Massigli, René Pleven, Maurice Dejean usw. auf der anderen Seite.

     So sehr Churchill auch zwischen der lebensnotwendigen Treue zu Amerika und der Konsolidierung des französischen Partners hin und her gerissen war – seine Bewunderung für die Energie und das Genie des Generals blieb trotz allem ungebrochen (schon wenige Stunden, nachdem er ihm am Vorabend des 6. Juni 1944 brutal entgegengeschleudert hatte, am liebsten sähe er ihn „so schnell wie möglich verschwinden“, weinte er vor Rührung beim Anhören der Proklamation des Generals an die Franzosen am Abend der Landung). Mehr und mehr auch machte er sich von den Rooseveltschen Vorbehalten frei, insbesondere, als nach der Befreiung des französischen Mutterlandes die Popularität von Charles de Gaulle in der französischen Bevölkerung spontan und massiv zum Ausdruck kommen konnte. So weiß er beispielsweise sehr genau, wie katastrophal ein Abtreten des Generals unter dem Druck der Alliierten auf die Franzosen gewirkt hätte. Als die beiden am 11. November 1944 unter dem Beifall der Menge Seite an Seite die Champs-Elysées hinunter schreiten, besiegelt dies eine Zeitlang die Aussöhnung der zwei Männer. Als ihm ab Jalta die sowjetische Gefahr und der neue Status der amerikanischen Supermacht immer bewusster werden, nähert sich Churchill dem General und den französischen Interessen weiter an, und zusammen mit dem Sieg drängen seine Bemühungen um eine Wiederherstellung des „Ranges“ Frankreichs die zwischen den Franzosen und ihren britischen Verbündeten weiterhin herrschenden Konflikte, insbesondere in Syrien und Libanon, in den Hintergrund.

 

Seine Wahlniederlage und die Rückkehr von Labour an die Regierung im Juli 1945 machen ihn fortan, vielleicht, weil er selbst nicht mehr im Amt ist, zum besten Freund des Chefs der Provisorischen Regierung. Dann geht dieser 1946 seinerseits in die Opposition, während der „alte Löwe“ von 1951 bis 1955 in seinem Land wieder ans Ruder kommt. Im November 1958 kann der wieder zum Ministerpräsidenten gewählte General de Gaulle dann endlich seinen „Verbündeten in Kriegs- und Freund in Friedenstagen“ mit dem Kreuz der Befreiung auszeichnen. Beide mussten die Wahrheit des Plutarchspruches erfahren, den Churchill seinem Freund ins Gedächtnis ruft: „Undank gegenüber ihren Großen ist ein Wesenszug starker Völker“. Letzten Endes dürfte die Zuhörerschaft im Rathaus von Paris am 12. November 1944 schnell erraten haben, dass sich hinter Churchills kunstvoll und in sehr eigenem Französisch geübter Untertreibung, „Von Zeit zu Zeit hatte ich meine recht lebhaften Unterhaltungen mit ihm“, eine Zuneigung der beiden Persönlichkeiten verbarg, die um so wärmer war, als sie neben der Kühle der Staatsinteressen bestehen musste.


[*] Britisch-französischer Kolonialkonflikt um die Herrschaft über den Sudan 1898/99; entstand, als britische und französische Kolonialtruppen 1898 in dem am Weißen Nil gelegenen Faschoda (heute Kodok) aufeinandestießen. Die dadurch heraufbeschworene Kriegsgefahr wurde beigelegt durch den Sudanvertrag vom 21.3.1899, in dem Frankreich auf das obere Nilgebiet verzichtete, wofür Großbritannien den westlichen Sudan als französisches Interessengebiet anerkannte.