De Gaulle und Algerien

Algerien nimmt in der Lebensgeschichte von Charles de Gaulle einen wichtigen Platz ein. Von Algerien aus bereitete er ab Mai 1943 durch Bildung des C.F.L.N. (Comité français de libération national – Französisches Komitee der nationalen Befreiung), das später zur G.P.R.F. (Provisorische Regierung der Französischen Republik) wird, die Wiedereroberung des französischen Territoriums und den politischen Wiederaufbau des Landes vor. 1958 bildete wiederum der Algerienkonflikt den Anlass für die Rückkehr des Generals in die aktive Politik: Die Algerienfranzosen widersetzen sich am 13. Mai 1958 der Regierungsbildung durch Pierre Pflimlin, von dem sie befürchten, er wolle mit den Anhängern der Unabhängigkeit verhandeln; sie erheben sich und richten durch General Salan einen Aufruf an General de Gaulle, in dem sie den Verteidiger eines französischen Algerien erblicken. Aufgrund des von den Franzosen in Algier ausgeübten Drucks und wegen der Hilflosigkeit der politischen Kräfte wird de Gaulle von Staatspräsident René Coty zur Regierungsbildung aufgefordert. Nach einem Vertrauensvotum der Nationalversammlung wird de Gaulle letzter Ministerpräsident der IV. Republik.

 

Dennoch bleibt der Begründer der V. Republik für immer als der Mann in Erinnerung, der Algerien zur Unabhängigkeit geführt hat und wohl als einziger dazu in der Lage war.

 

So kann man sich fragen, ob der General Anhänger des französischen oder des algerischen Algerien gewesen sei. Tatsächlich sind sich die Historiker uneins: die einen meinen, er habe stets die Unabhängigkeit als Ziel gehabt; andere sind der Auffassung, er habe mehrere Lösungen näher ergründet und sich schließlich zur algerischen Souveränität bekannt.

 

Bis Januar 1946 ergriff de Gaulle als Chef der Provisorischen Regierung Maßnahmen mit dem Ziel, die wirtschaftliche und soziale Gleichstellung der Algerier und der Algerienfranzosen zu gewährleisten. Er lehnte jedoch jede Unordnung ab und ließ im Mai 1945 die Aufstände im Constantinois niederschlagen.

 

Als er im Juni 1958 an die Macht zurückkehrt, sind Tunesien und Marokko unabhängig, aber in Algerien hat sich die Lage gravierend verschlechtert: Schon am 1. November 1954 hat die Nationale Befreiungsfront FLN eine Rebellion angezettelt, die eine militärische Eskalation zur Folge hat. 1957 sind zur Aufrechterhaltung der Ordnung 400 000 französische Wehrpflichtige in Algerien stationiert. Die Algerienfranzosen sind überzeugt, dass der General die Zugehörigkeit des Territoriums zu Frankreich wahren wird, während die Franzosen im Mutterland de Gaulle zur Regierung berufen, damit er eine wie immer geartete Lösung des Krieges herbeiführe. Am 4. Juni 1958 erklärt de Gaulle der in Algier versammelten Menge der Franzosen: „Ich habe euch verstanden!“, gleichzeitig kündigt er tiefgreifende Reformen an. Danach ruft er, in Mostaganem, ein einziges Mal aus: „Es lebe das … französische Algerien!“ – allerdings erst, nachdem er zuvor nur „Es lebe Algerien“ gerufen hatte, bereits vom Mikrofon zurückgetreten war, und erst als die Menge lautstark „Algérie française“ skandierte, ans Mikrofon zurückkehrte und „… das französische Algerien“ rief.

 

Aber hinter diesen eher plakativen Sätzen verbirgt sich für den, der ihn genauer beobachtet, ein nuancierterer de Gaulle. Im Oktober 1958 ruft er in Constantine aus: „Es lebe Algerien und es lebe Frankreich!“, und lädt die FLN zum Abschluss eines „Friedens der Tapferen“ mit Frankreich ein. Noch deutlicher wird er 1959 gegenüber einem Journalisten, dem er anvertraut: „Papas Lehnstuhl-Algerien ist tot, und wer das nicht begreift, stirbt mit ihm.“

 

Mit diesem dosierten Vorgehen setzte der Realpolitiker de Gaulle in der öffentlichen Meinung eine Entwicklung im Verhältnis zum Standpunkt der Anhänger eines französischen Algerien in Gang; dieser Prozess findet am 16. September 1959 seinen ersten Niederschlag: An diesem Tag nennt der Staatschef drei denkbare Optionen für die Zukunft Algeriens und verkündet damit das Recht der Algerier auf Selbstbestimmung. Zwar zöge de Gaulle ein eng mit Frankreich verbundenes algerisches Algerien vor, doch er schließt weder die Aufrechterhaltung der französischen Souveränität über das Territorium noch auch die „Sezession“ Algeriens aus, freilich unter der Voraussetzung, dass vorher der Friede eingekehrt ist.

 

Dies ist eine entscheidende Etappe – aber den Konflikt legt sie keineswegs bei. Tatsächlich lehnt de Gaulle jede amtliche Verhandlung mit der FLN ab, die ihre Attentate in Algerien vervielfacht. Andererseits beunruhigt die neue Orientierung de Gaulles die Algerienfranzosen, die insbesondere in der Woche der Barrikaden in Algier vom 24. Januar bis 2. Februar 1960 Aufstände verursachen. Der General begibt sich nach Algerien zur „Kantinenrunde“ („tournée des popotes“ vom 3. bis 7. Mai 1960), bei der er den Soldaten seine Politik verständlich zu machen versucht.

 

Der Präsident der Republik hat die Überzeugung gewonnen, dass einzig die algerische Souveränität einen Ausweg bietet, und bemüht sich, dies den Franzosen nahe zu bringen. In der gleichen Zeit gelangt allerdings auch Nordafrika zur Unabhängigkeit. Für den 8. Januar 1961 setzt de Gaulle ein Referendum über die Selbstbestimmung Algeriens an, die mit 75,2 Prozent der Stimmen gebilligt wird. Die Unterstützung durch die öffentliche Meinung ist ein Trumpf für de Gaulle, gegen den sich nun der Zorn der Anhänger des französischen Algerien wendet. In Algerien treiben es einige Offiziere so weit, dass sie die Autorität des Staatsoberhaupts und Oberbefehlshabers der Streitkräfte ablehnen. Sie sammeln sich hinter den Generälen Salan, Jouhaud, Challe und Zeller und übernehmen am 22. April 1961 in Algier die Macht.

 

Dieser Bedrohung setzt der Staatspräsident die Sondervollmachten des Artikels 16 der Verfassung entgegen. Im Fernsehen erscheint er in Uniform, verurteilt aufs strengste den Putschversuch des „Viergespanns pensionierter Generäle“ und setzt binnen vier Tagen dem versuchten Staatsstreich ein Ende. Die Anhänger des französischen Algerien sammeln sich nun in der „Organisation der Geheimarmee“ (OAS) und greifen zum Terrorismus im Mutterland und in Algerien. Sie unternehmen zahlreiche Mordanschläge gegen de Gaulle (insbesondere am 8. September 1961 in Pont-sur-Seine) und wiederholen auch nach der Unabhängigkeit Algeriens ihre Attentate (zum Beispiel am 22. August 1962 in Petit-Clamart).

 

Somit herrscht bei Eröffnung der letzten Verhandlungsphase zwischen den Vertretern der französischen Regierung und der FLN in Evian am 7. März 1962 höchste Spannung. Diese Verhandlungen bilden den Anschluss an die Gespräche von Melun (25. bis 29. Juni 1960) zwischen der französischen Regierung und der provisorischen Regierung der algerischen Republik (GPRA), die durch die absolute Beherrschung des Terrains durch die französische Armee möglich geworden waren, aber ergebnislos blieben. Mit den am 18. Mai 1962 unterzeichneten Abkommen von Evian enden die Feindseligkeiten und erhält Algerien die Unabhängigkeit. De Gaulle spricht die Hoffnung aus, dass die Abkommen Algerien und Frankreich erlauben werden, „gemeinsam brüderlich den Weg der Zivilisation zu beschreiten“. Die Abkommen erhalten die Zustimmung von 90,7 Prozent der Bewohner des Mutterlandes (Referendum vom 8. April 1962).

 

Zwischen November 1954 und Ende 1962 hat es in Algerien Zehntausende Tote gegeben. Auch nach den Abkommen von Evian folgten noch zahlreiche Tragödien, so etwa das Massaker der FLN unter den pro-französischen Algeriern, vor allem an den entgegen der Weisung des Generals rekrutierten „Harkis“ (zum Dienst in der französischen Armee verpflichteten Algeriern), das Massaker der OAS unter den Unabhängigkeitsanhängern, die Massenflucht der „Schwarzfüße“ (in Algerien geborene Franzosen). Es wird Jahre dauern, bis die Zerrissenheit der französischen Bevölkerung durch diesen – vom französischen Staat soeben als solchen anerkannten – Krieg vernarbt.