De Gaulle und Adenauer : Der Weg zur deutsch-französischen Versöhnung

Vor vierzig Jahren unterzeichneten General de Gaulle und Bundeskanzler Adenauer den Deutsch-Französischen Vertrag. Ihn umgaben zur damaligen Zeit mancherlei Verärgerungen und Missverständnisse, die aber letztendlich durch das gegenseitige Vertrauen und die hohe Bewunderung dieser beiden Ausnahmegestalten füreinander überwunden wurden. Ihr gemeinsames Vorgehen hat die deutsch-französischen Beziehungen und die Geschichte Europas unumkehrbar geprägt. Ganz so einfach und selbstverständlich geschah das indes mitnichten…

 

Die Anfänge einer großen Freundschaft …

Frühjahr 1958. Der mittlerweile 82jährige Konrad Adenauer ist der unumstrittene Herr eines demokratischen Deutschland, das einen unglaublichen wirtschaftlichen Aufschwung nimmt. Doch schwere Sorgen bedrücken den alten Kanzler: Die sowjetische Bedrohung Berlins wird Tag für Tag bedrückender, und gleichzeitig ist Frankreich durch das Algeriendrama und die Schwäche der Institutionen in einer gefährlichen politischen Instabilität gefangen. Wird sich das so in die Zange genommene Deutschland halten können?

     Zwar ist in Frankreich von einer Rückkehr General de Gaulles an die Macht die Rede, aber das ist ganz und gar nicht dazu angetan, Konrad Adenauer zu beruhigen. Was weiß man schon vom General? Dieser Nationalist hat nicht nur den französischen Widerstand im Zweiten Weltkrieg verkörpert, sondern im Dezember 1944 auch den französisch-sowjetischen Freundschaftspakt unterzeichnet, den Demontageplan für Deutschland entworfen und sich aufs entschiedenste der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft widersetzt. Derzeit, so heißt es, sei der General weder der NATO noch auch der europäischen Integration wohlgesonnen – und das sind doch die beiden Grundpfeiler der Wiedergeburt und Sicherheit Deutschlands. Darum lässt der Bundeskanzler am 19. Mai 1958 über seinen Botschafter in Paris dem amtierenden Ministerpräsidenten Pflimlin mitteilen, „im Interesse der NATO und der europäischen Integration müsse eine Machtergreifung durch General de Gaulle verhindert werden“. Vergebliche Mühewaltung freilich: Kaum zwei Wochen später ist der General Ministerpräsident, und eine seiner ersten Amtshandlungen ist die Aufkündigung einer soeben zwischen Verteidigungsminister Jacques Chaban-Delmas und seinem deutschen Amtskollegen Strauß geschlossenen deutsch-französischen Geheimabmachung über Fragen der atomaren Forschung. Wahrlich, es fiele schwer, jemanden zu finden, der antigaullistischer wäre als Konrad Adenauer, der zudem in jenem Sommer eine diskrete Einladung zu einem offiziellen Besuch in Paris ablehnt …

     Weitere Überraschungen harren des alten Kanzlers. Mit seiner Gegnerschaft gegen den Nazismus während des Krieges und seinem Zerwürfnis mit den Engländern nach dem Kriege hat er die Hochachtung des Generals errungen, der ihn – was bei ihm äußerst selten ist – als wahren Staatsmann sieht. „Es gibt niemanden“, sagt Charles de Gaulle, „der geeigneter wäre, meine Hand zu ergreifen. Und niemanden, zu dem ich die meine besser ausstrecken könnte.“ Zudem möchte de Gaulle, über die persönliche Begegnung hinaus, eine historische Klärung des Verhältnisses der beiden Nationen herbeiführen, in der die Vergangenheit begraben und die Zukunft neu gestaltet werden kann. So erhält Adenauer schließlich eine persönliche Einladung ins Privathaus des Generals in Colombey-les-Deux-Eglises … Dieser kann sich der Kanzler nicht mehr verweigern, aber begeistert ist er dennoch ganz und gar nicht. „Ich war von großer Sorge erfüllt“, bekennt er in seinen Memoiren, „denn ich befürchtete, die Denkweise von de Gaulle wäre von der meinigen so grundverschieden, dass eine Verständigung zwischen uns beiden außerordentlich schwierig wäre.“ Hinzu kommt, dass er sich am 14. September 1958 als Vertreter eines besiegten Landes nach Frankreich begibt, und er weiß sehr wohl, dass der Groll, bloße dreizehn Jahre nach Kriegsende, noch keineswegs verflogen ist. Auch in der Boisserie wird die Ankündigung des bevorstehenden Besuchs eines Deutschen eher missmutig aufgenommen, von der Hausherrin ebenso wie von den Bediensteten: „Das Menü“, sagt Yvonne de Gaulle, „bleibt jedenfalls wie gehabt, und gegessen wird vom Alltagsgeschirr.“ Ein leises Aufbegehren; der deutsche Bundeskanzler wird empfangen „wie Herr Sowieso, mit der Speisenfolge der Familie und dem tagtäglichen Bordeaux.“

     Doch auf beiden Seiten des Rheins kommen die Pessimisten nicht auf ihre Kosten. In diesen zwei Tagen der vertrauten Vieraugengespräche entdeckt der vom General mit ausgesuchtester Liebenswürdigkeit empfangene Adenauer in der Boisserie einen Mann und vor allem ein Wollen, die ihn auf immer prägen werden: Die Ära des deutsch-französischen Gegeneinander ist für immer vorbei; fortan sollen Verständigung, Freundschaft und enge politische Zusammenarbeit zwischen den beiden Völkern die sowjetische Bedrohung abwehren, die europäische Einigung sichern und den Weltfrieden wahren. Es geht nicht etwa darum, sich dem Gemeinsamen Markt zu widersetzen, sondern lediglich der Supranationalität, in der die staatlichen Strukturen verwischt werden sollten. Desgleichen wird nicht etwa das atlantische Bündnis in Frage gestellt, sondern lediglich dessen Beherrschung durch die Vereinigten Staaten. Die Amerikaner sind politisch unerfahren, schwanken hin und her, sind wenig zuverlässig; sie verstehen weder etwas von Europa noch von Geschichte. Und schließlich: Kontakte mit den derzeit unter kommunistischer Herrschaft schmachtenden Ländern sind nicht nur möglich, sondern sogar wünschenswert. All dies aber wird fortan nur in enger deutsch-französischer Absprache geschehen. „Kennzeichnend für meine Unterredung mit de Gaulle“, schreibt Adenauer, „war die Feststellung der Übereinstimmung der Ansichten über die großen Gegebenheiten unserer Zeit. Ich erblickte das Bedeutungsvolle dieser langen Aussprache in der Feststellung, dass wir in den großen Fragen miteinander übereinstimmten. […] Ich war glücklich, einen ganz anderen Menschen vorgefunden zu haben, als ich befürchtet hatte.“ Was berührte den alten Kanzler am tiefsten? Die Einfachheit des Empfangs … „Sie haben mich empfangen, als gehörte ich zur Familie“, sagte ein fast zu Tränen gerührter Konrad Adenauer beim Abschied. Wenn die Glücksfee lächelt …

Immer ungetrübt?

Der Anfang einer großen Freundschaft? Ganz ohne Zweifel. Auftakt zu stets ungetrübtem Glück? Gewiss nicht. Nur achtundvierzig Stunden nach Adenauers Weggang lässt de Gaulle London und Washington unter größter Geheimhaltung ein Memorandum zukommen, in dem er vorschlägt, der NATO ein englisch-französisch-amerikanisches „Direktorium“ beizugesellen, das die weltweiten politisch-strategischen Entscheidungen treffen soll. Von Deutschland indes ist in all dem nirgendwo die Rede … Die Reaktion Konrad Adenauers, als er einen Monat später von der de Gaulleschen Initiative erfährt, kann man sich leicht vorstellen; der General hatte ihm gegenüber in Colombey dazu kein Sterbenswörtchen gesagt, was Adenauer nachgerade als eine Art Verrat empfindet.

     Kommt es daraufhin zum endgültigen Zerwürfnis? Nein. Als sich die beiden am 26. November 1958 in Bad Kreuznach wiedersehen, wird der Zwischenfall nicht einmal erwähnt. „De Gaulle“, schreibt Adenauers persönlicher Referent Franz Josef Bach dazu, „verstand es, die Menschen zu umgarnen, die er beeinflussen wollte; in Bad Kreuznach ließ er seinen ganzen Charme spielen, und Adenauer war beruhigt.“ Freilich, inzwischen hatte ja auch Nikita Chruschtschow die Absicht erklärt, die Dreimächtevereinbarungen von 1945 über Berlin aufzukündigen; sollte es nicht zu Verhandlungen zwischen den einstigen Siegermächten kommen, würden die UdSSR und die DDR den Status von Berlin einseitig festlegen … Für Adenauer aber bedeutete jede Neuverhandlung über Berlin eine tödliche Gefahr, denn der amerikanischen Reaktionen konnte man nie sicher sein. De Gaulle aber lässt sich nicht einschüchtern, wie Adenauer bei der Pariser Konferenz Ende Mai 1960 zu seiner Beruhigung feststellen darf: Eisenhower und Macmillan neigen zu Kompromissen an Chruschtschow, einzig General de Gaulle erweist sich als Vorkämpfer für die Sache der Deutschen, verweigert sich jeder Konzession und lässt die – von der Aufregung um das amerikanische Spionageflugzeug U2, die Chruschtschow nach Kräften hochspielt, bereits vergiftete – Konferenz scheitern. Diese Gewähr, dass der – vom General mit seiner Unnachgiebigkeit an seine Pflicht erinnerte – Westen den Sowjets nicht nachgeben wird, ist das eigentliche Bindemittel des Zusammenwirkens von Adenauer und de Gaulle.

     Ein Bindemittel, das allem gewachsen ist? Das muss sich erst noch zeigen … Adenauer ist nicht bereit, in der Kritik an der NATO und der Europapolitik der Vereinigten Staaten – den beiden Pfeilern der Sicherheit Deutschlands – so weit zu gehen wie sein Gesprächspartner. Selbst wenn er es wollte, der alte Kanzler könnte es nicht, denn er verlöre damit einen Großteil der Unterstützung der öffentlichen Meinung in Deutschland – und die meisten seiner Minister obendrein. So kommt es denn im Verlauf ihrer fünfzehn Begegnungen zu recht derben Auseinandersetzungen zwischen den beiden großen Männern, so etwa im Oktober 1960, als de Gaulle Adenauer vorwirft, er „schlage sich auf die Seite der Angelsachsen“, und erst recht am 9. Dezember 1961, als Adenauer de Gaulle bestürmt, den alliierten Abstimmungsgesprächen über die deutsche Frage nicht fernzubleiben: „Frankreich […] darf sich nicht desinteressieren.“ Sehr erregt erwidert de Gaulle, Adenauer habe keinerlei Berechtigung zu der Erklärung, Frankreich desinteressiere sich: „Wenn England, Amerika und die Bundesrepublik bereit sind, Berlin herzugeben, kann Frankreich sich dem nicht widersetzen, aber es will daran keinen Anteil haben.“ Adenauer ist höchst verstimmt über diese Worte, und als man sich trennt, droht der unwiderrufliche Bruch.

     Doch zum Bruch wird es nie kommen. Denn Adenauer befürchtet seit jeher, ein sich selbst überlassenes Frankreich könnte sich schließlich auf Kosten Deutschlands mit der UdSSR verständigen – und mit dieser Angst hat General de Gaulle auch immer wieder gespielt. Vor allem aber verfolgen die beiden Männer seit ihrer Begegnung in Colombey ein großes Ziel, das sie im Juli 1960 in Rambouillet bekräftigen: eine vollständige Übereinstimmung zwischen Frankreich und der Bundesrepublik Deutschland als Basis und Vorbild eines auf Wirtschaft und Verteidigung erweiterten europäischen Staatenbundes. Da ziehen freilich die anderen europäischen Länder nicht mit, sondern verlangen die sofortige Einbeziehung Großbritanniens und tragen im April 1962 den Entwurf eines politischen Europa schließlich sang- und klanglos zu Grabe. De Gaulle und Adenauer indes geben nicht auf; dann muss die politische Union eben zunächst zu zweit beginnen. Der offizielle Besuch des Bundeskanzlers in Frankreich Anfang Juli 1962 ist als strahlende Bekundung der deutsch-französischen Solidarität angelegt. Zu dem wie ein Staatschef empfangenen und mit dem Großkreuz der Ehrenlegion bedachten Adenauer sagt sein Gastgeber: „Die Franzosen erblicken in Ihnen einen großen Deutschen, einen großen Europäer, einen großen Menschen, der Frankreichs Freund ist und […] zutiefst ihre Achtung und Neigung erweckt.“ Empfinden die Franzosen das siebzehn Jahre nach Kriegsende wirklich so? Daran darf man Zweifel hegen. Nur wenige Neugierige säumen den Weg der offiziellen Wagenkolonne, und es gibt allzu viele kommunistisch inspirierte Transparente mit Aufschriften wie „Es lebe die DDR!“, „Nieder mit dem deutschen Militarismus!“ oder auch: „Keine Nazis in Frankreich!“ Doch mögen die Hunde gleich bellen, die Karawane zieht weiter. Auf dem Truppenübungsplatz Mourmelon ziehen 600 französische und deutsche Panzer in Parade an Adenauer und de Gaulle vorbei – ein um so eindrucksvolleres Schauspiel, als es dergleichen bislang noch nie gab. Anschließend wohnen der General und der Kanzler in der Kathedrale von Reims Seite an Seite einem feierlichen Hochamt bei – eine spirituelle Gemeinsamkeit, die noch eindrucksvoller ist als die militärische Symbolik. An jenem Tag sagt de Gaulle im Rathaus von Reims in einer triumphalen Ansprache: „Ihr offizieller Besuch bei uns war ein entscheidender Akt und ein großer Erfolg. […] Durch die Straßen und Avenuen ging eine Woge der Ehrerbietung und Bewunderung der Massen für Ihre hohe Gestalt.“ Nach der Abreise des Bundeskanzlers wird Bilanz gezogen. Informationsminister Alain Peyrefitte berichtet von seinem Gespräch mit de Gaulle: „Lächelnd wies ich den General auf den Gegensatz hin, der zwischen der Adenauerbegeisterung, die er in seiner Rede in Reims der Menschenmenge zuschrieb, und den verlassenen Straßen, durch die Kanzler fuhr, bestanden habe. Worauf de Gaulle erwiderte: ‚Seit jeher tue ich so, als ob. Und oft kommt es dann auch so.’“

     Der Deutschlandbesuch von Charles de Gaulle zwei Monate später freilich wird wirklich zum Triumphzug. Der General hat sich aufs Genaueste vorbereitet; trotz seiner nur annähernden Deutschkenntnisse lernt er vierzehn Reden in dieser Sprache auswendig und hält sie mit unnachahmlicher Verve; desgleichen bekennt er sich aus diesem Anlass zu seinem deutschen Vorfahren Louis-Philippe Kolb. Die de Gaullesche Zauberkraft und die Begeisterung des Volkes besorgen das Übrige …

22. Januar 1963: Unterzeichnung des Deutsch-Französischen Vertrages

Diese geduldigen Bemühungen münden am 22. Januar 1963 in der Unterzeichnung des Deutsch-Französischen Vertrages; damit dieser nicht rückgängig gemacht werden kann, besteht Adenauer, „der alte Fuchs“, auf der Form einer völkerrechtlich verbindlichen Übereinkunft. Fortan wollen sich Frankreich und Deutschland ständig in den Bereichen Verteidigung, Außenpolitik, Wirtschaft und Kultur abstimmen – und diese Verpflichtung kommt zustande, obschon der General wenige Tage zuvor den Briten die Tür zum Gemeinsamen Markt vor der Nase zugeschlagen hat … Mit einem solchen Vertrag, denken die beiden Männer, werden Frankreich und Deutschland fortan der Sowjetunion – und jeder Anwandlung, sich mit ihr getrennt zu verständigen – wirksam entgegentreten können. Zudem wird den Atlantikern und ihren amerikanischen Hintermännern ein ordentlicher Brocken vor die Füße geworfen! Wenige Monate später vertraut Adenauer dem amerikanischen Journalisten Cyrus Sulzberger an, dank dieses Vertrages werde „Deutschland in Abstimmung mit Frankreich in der Außenpolitik einen großen Einfluss ausüben können“. Eine gaullistisch inspirierte Außenpolitik etwa? Wie dem auch sei: Auf den Vorrang in diesem Tandem erhebt Adenauer keinen Anspruch; Deutschland kann sich als besiegtes, zweigeteiltes Land ohne Atomwaffen durchaus mit dem Platz des Kopiloten begnügen. Ist es denn nicht schon ein Vorzug, die zweite Geige spielen zu können, wenn am Dirigentenpult ein Mann von der Statur eines Charles de Gaulle steht? Dass die Weitsicht und die starke Persönlichkeit des Generals auf Konrad Adenauer eine gewisse hypnotische Kraft ausübten, ist kaum zweifelhaft. Aber auch der General hegt für Konrad Adenauer hohe Bewunderung; da er sich selbst vor den Auswirkungen des Alters auf seine eigene Regierungsfähigkeit fürchtet, schätzt er diesen Vierundachtzigjährigen umso höher, dem das Alter rein gar nichts anhaben zu können scheint. „Man redet viel von Wunderkindern“, sagt er einmal zu Präsident Eisenhower, „aber es gibt auch Wundergreise. Adenauer ist einer davon …“

     Ist der Deutsch-Französische Vertrag ein ungetrübter Erfolg für de Gaulle und Adenauer? Eher nein, denn schon im Mai 1963 beschließt der Bundestag, dem Ratifizierungsgesetz über den Vertrag eine Präambel voranzustellen, die ihn seines eigentlichen Sinnes beraubt: Der Vertrag soll keinesfalls die Partnerschaft zwischen Europa und den Vereinigten Staaten, die gemeinsame Verteidigung im Rahmen des Atlantischen Bündnissen, ja nicht einmal die Beteiligung Großbritanniens an der europäischen Einigung beeinträchtigen! Das ist für de Gaulle ein Schlag in die Magengrube: „Warum das alles? Weil die deutschen Politiker Angst haben, sie könnten gegenüber den Angelsachsen nicht genug buckeln! Sie verhalten sich wie Säue!“ Doch da man ja immer so tun muss, „als ob“, verbirgt der General seine Enttäuschung hinter der Maske des gelassenen Philosophen und erklärt Anfang Juli vor seiner Reise nach Deutschland: „Na ja, wissen Sie, Verträge sind wie junge Mädchen und Rosen, sie blühen nur eine Zeitlang. Der Deutsch-Französische Vertrag wäre nicht der erste, der nicht angewendet wird.“ Als General de Gaulle zwei Tage später nach Bonn reist, greift sein alter Freund Adenauer die Anspielung auf: „Rosen und Junge Mädchen, natürlich haben sie ihre Zeit, aber die Rose – und davon verstehe ich nun wirklich etwas, ist die ausdauerndste Pflanze, die wir überhaupt haben, sie hält jeden Winter durch. Und so wird auch diese Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich immer neue Knospen und Blüten treiben.“ De Gaulle lässt sich nicht lumpen und erwidert: „Sie haben Recht, Herr Bundeskanzler; unser Vertrag ist nicht eine einzelne Rose, er ist auch nicht ein Rosenstock – er ist ein ganzer Rosenhag …“

     Doch trotz dieser blumigen Reden muss man sich zur Realität bequemen: Nach Konrad Adenauers Rücktritt ändert sich das Verhältnis zwischen Paris und Bonn erheblich. Denn der neue Bundeskanzler Ludwig Erhard ist Atlantiker und macht die Abstimmung mit den Vereinigten Staaten zur absoluten Grundlage seiner Außenpolitik; außerdem bringt er schon gleich nach seinem Amtsantritt drei Fragen zur Sprache, die sein Vorgänger auf dem Altar der deutsch-französischen Zusammenarbeit geopfert hatte: den Vorrang der Wiedervereinigung, die Revision der Grenzen und den Aufstieg Deutschlands zur Atommacht. Die Atmosphäre zwischen Paris und Bonn kühlt sich schlagartig ab. „Erhard ist kein Staatsmann“, lässt sich de Gaulle vernehmen, „sondern ein Spielball fremder Launen.“ Dennoch: De Gaulle lässt keine Gelegenheit verstreichen, um dem neuen Bundeskanzler die Vorteile eines wahrhaft europäischen Europa und einer größeren politischen und militärischen Eigenständigkeit gegenüber der NATO und den Vereinigten Staaten vor Augen zu führen. Nicht selten geben ihm auch die Ereignisse Recht. So befindet sich de Gaulle zusammen mit Großherzogin Charlotte von Luxemburg und Bundespräsident Heinrich Lübke anlässlich der Einweihung des Moselkanals an Bord eines Schiffes. Etwa auf der Höhe von Trier unterrichten die deutschen Geheimdienste den Bundespräsidenten über ein geplantes Attentat auf das Schiff, wahrscheinlich von einem Hubschrauber aus. Lübke versucht, die Luftwaffe zu alarmieren, aber es gelingt ihm nicht; um aufsteigen zu dürfen, brauchen die der NATO unterstellten deutschen Luftstreitkräfte die Zustimmung der NATO-Behörden … Daraufhin lässt de Gaulle, der diese Unterstellung beendet hat, französische Jäger aufsteigen, die nun die illustren Passagiere auf deutschem Territorium schützen! Das sagt mehr aus als manch lange Rede …

     Bei seinem letzten Frankreichbesuch vor seinem Rücktritt sagt Adenauer am 21. September 1963 zu seinem Gastgeber: „Im allgemeinen […] ziehen sich, wenn man eine Position einbüßt, die Menschen zurück. Ich habe es erfahren unter den Nazis, dann als mich die Engländer abgesetzt haben.“ Doch zu dieser Regel gibt es nunmehr eine gewichtige Ausnahme, denn bei keinem seiner Besuche jenseits des Rheins lässt sich der General die Gelegenheit entgehen, Adenauer aufzusuchen. Der Altbundeskanzler indes fühlt sich bald schon isoliert, von den wesentlichen politischen Informationen ausgeschlossen, und jeder Zutritt zu den Entscheidungszentren der Bundesrepublik bleibt ihm verwehrt. De Gaulle aber unterhält sich mit ihm auf höchstem Niveau über die Europa- und Weltpolitik und behandelt ihn auch weiterhin stets mit derselben Wertschätzung wie zu der Zeit, als er noch den Geschicken seines Landes vorstand. Mehr noch, es kommt sogar vor, dass der General Ludwig Erhard warten lässt, weil er sich absichtlich zu lange mit dessen Vorgänger unterhält, der schon seit langem Deutschlands erster Gaullist ist.

     Am 19. April 1967 schließt Konrad Adenauer für immer die Augen. Vier Jahre zuvor hatte er dem General anvertraut: „Das Werk, das Sie und ich für unsere beiden Länder geschaffen haben, ist für mich das allerwichtigste, das ich in den 14 Jahren, in denen ich Kanzler war, habe tun können.“ Und hinzugefügt: „Die persönliche Freundschaft zwischen Ihnen und mir ist eine der sehr seltenen Mitgaben von Schönheit, die die politische Arbeit bringen kann.“ De Gaulle seinerseits wird eines Tages sagen: „Adenauer ist der einzige, den ich als mir ebenbürtig empfinden kann.“ Wahrlich ein gewaltiges Kompliment aus dem Munde eines so stolzen Mannes wie Charles de Gaulle …

 

François Kersaudy, Professor an der Universität Paris-I. Autor von „De Gaulle und Churchill: la Mésentente cordiale, Perrin, Paris 2001.