De Gaulle als Regierungschef (1944--1946 und 1958)

Zweimal steht General de Gaulle an der Spitze einer Regierung, deren Handeln für Frankreich ausschlaggebende Bedeutung hat. Im Zeitpunkt der Befreiung ist er Präsident der Provisorischen Regierung der Französischen Republik (GPRF) vom 3. Juni 1944 bis zu seinem Rücktritt am 20. Januar 1946 vor Entstehen der IV. Republik. Von Juni bis Dezember 1958 amtiert er als letzter Ministerpräsident der IV. Republik.

 

An die Stelle des am 3. Juni 1943 gegründeten Französischen Komitees der Nationalen Befreiung (CFLN), dem einige Monate lang die Generäle Giraud und de Gaulle als Co-Präsidenten vorstehen, tritt ein Jahr später, am 3. Juni 1944, die Provisorische Regierung der Französischen Republik; ihr alleiniger Präsident wird General de Gaulle. In der Provisorischen Regierung sind alle Richtungen des Auslands- und Inlandswiderstandes vertreten; nach der Rückkehr nach Paris wird sie im September 1944 zur Regierung der nationalen Einheit umgebildet. Diese Regierung vollbringt eine beträchtliche Leistung, wobei sie einen Großteil des Programms des Nationalen Widerstandsrats (CNR) und des Freien Frankreich verwirklicht; auf dem Verordnungswege setzt sie den Wiederaufbau Frankreichs in Gang und führt umfangreiche soziale Erneuerungen ein (u.a. Wahlrecht der Frauen, Verstaatlichung der Banken und Großunternehmen, Schaffung des Sozialen Sicherheitssystems). De Gaulle unternimmt zahlreiche Reisen durch Frankreich, um sich der Einhaltung der republikanischen Legalität zu versichern, sich in Frankreich bekannt zu machen und seinerseits das Land kennen zu lernen, das er am 17. Juni 1940 verlassen hatte. Desgleichen reist er in die Vereinigten Staaten und nach Kanada (Juli 1944) und besucht die UdSSR (Dezember 1944); Frankreich ist Mitbegründer der UNO und wird ständiges Mitglied des Sicherheitsrates. Die Verweigerung der Verabschiedung des Militärhaushalts nimmt de Gaulle zum Anlass für seinen Rücktritt am 20. Januar 1946, sein Nachfolger wird Félix Gouin; angesichts der Rückkehr der politischen Parteien schwant ihm für die Institutionen nichts Gutes.

 

Als ihn Staatspräsident Coty im Mai 1958 unter dem Druck der Ereignisse in Algerien wieder an die Regierung beruft, wird de Gaulle Ministerpräsident der IV. Republik. Die Nationalversammlung spricht ihm am 1. Juni mit 351 gegen 250 Stimmen das Vertrauen aus. Zuvor hatte de Gaulle klare Bedingungen gestellt: uneingeschränkte Vollmachten für sechs Monate und Sonderverfahren für eine Revision der Verfassung. Neben Reisen nach Algerien und ins Weltreich im Hinblick auf das Verfassungsreferendum widmet sich de Gaulle vor allem der Fortsetzung der Modernisierung Frankreichs, damit es zum im Romvertrag vorgesehenen Zeitpunkt für die Europäische Gemeinschaft bereit ist: Finanzreform, wirtschaftliche Maßnahmen im Hinblick auf einen ausgewogenen Haushalt. Gleichzeitig gelten die diplomatischen Anstrengungen des Generals vor allem dem Ausbau des Verhältnisses mit Deutschland, denn im September 1958 kommt Bundeskanzler Adenauer nach Colombey-les-deux-Eglises; desgleichen befasst er sich angesichts des amerikanischen Übergewichts mit der europäischen Verteidigung und schlägt für die NATO ein Dreierdirektorium (USA, England, Frankreich) vor. Bei de Gaulle stehen stets langfristige Überlegungen im Vordergrund; er beschränkt sich keineswegs auf die Algerienkrise, obwohl sie Tag für Tag seine Aufmerksamkeit beansprucht.