Charles de Gaulles Biografie (1890-1970)

I - 1890-1940: Die prägenden Jahre

1.. 1890-1914: Eine traditionelle Erziehung

1910

Charles de Gaulle wird am 22. November 1890 in Lille in eine katholische und patriotische Familie hineingeboren. Der Einfluss seines Vaters Henri de Gaulle, Gymnasiallehrer für Literatur und Geschichte, hat ihn stark geprägt. Bei den Jesuiten et Augustinern erhält der junge Charles eine solide humanistische Allgemeinbildung. Er steht auch unter dem Einfluss von Péguy et vor allem Bergson. Mag sich Henri de Gaulle auch als „nachtrauernder Monarchist” bezeichnen und man bei ihm die Action française von Maurras lesen können, so stellen seine Kinder doch nie die Republik in Frage. Anlässlich der Affäre Dreyfus, von dessen Unschuld er überzeugt ist, bezieht Henri de Gaulle zudem für ihn Stellung, was in seinen Kreisen eher selten ist.

Charles entschließt sich zum Dienst an der Waffe. Nach einem Vorbereitungsjahr im Kolleg Stanislas in Paris wird er 1908 als laufende Nr. 119 in die Offiziersschule (École spéciale militaire) von Saint-Cyr aufgenommen. Mitschüler ist unter anderem der spätere Marschall Juin. Die Offiziersschüler sollen vor allem das Leben bei der Truppe kennen lernen. De Gaulle entscheidet sich für die Infanterie, die in seinen Augen „militärischer“ ist, da sie im Kriegsfalle unmittelbarer im Feuer steht. Für sein Truppenjahr wird er als Offiziersschüler dem 33. Infanterieregiment von Arras mit dem damaligen Obersten Pétain als Kommandeur zugeteilt. Als er 1912 als 13. seines Jahrgangs Saint-Cyr verlässt, bittet er wiederum um Versetzung zum 33. Infanterieregiment von Arras.

 

2. 1914-1924: Erster Weltkrieg

1917

Kurz nach der Kriegserklärung am 2. August 1914 kämpft Leutnant de Gaulle in der im Nordosten stationierten V. Armee von Lanrezac. Schon am 15. August wird er in Dinant verwundet, abtransportiert und ins Heimatlazarett verbracht und kann erst im Oktober wieder an die Front zurück. Am 10. März wird er beim Kampf um Mesnil-les-Hurlus ein zweites Mal verwundet. Nach Behandlung im Feldlazarett kehrt er zum 33. Infanterieregiment zurück, wo er zunächst eine Kompanie führt und dann Adjutant des Regimentskommandeurs wird. 1916 erleidet er in der Schlacht von Verdun in Douaumont eine dritte Verwundung. Da er als gefallen zurückgelassen wird, erhält er eine posthume ehrenhafte Nennung in der Tagesordnung der Armee. Tatsächlich gerät er jedoch in deutsche Gefangenschaft, wird im Mainzer Lazarett behandelt und anschließend unter anderem in der Festung Ingolstadt gefangen gehalten. Nach fünf vergeblichen Ausbruchsversuchen (von Mai bis September liegt er nacheinander in Osnabrück, Neiße, Sczuczyn, wird im Oktober 1916 in die Festung Ingolstadt, im Juli 1917 ins Lager Rosenberg, im Oktober 1917 ins Militärgefängnis von Passau, im November 1917 wieder nach Ingolstadt, im Mai 1918 ins Lager Wülzburg, im September 1918 in die Gefängnisse von Tassau und Magdeburg verlegt) kommt er erst beim Waffenstillstand frei. Zu seinen Gefangenenkameraden zählen insbesondere Major Catroux, der Journalist Rémy Roure sowie der spätere Marschall der Roten Arme Tuchatschewski, der später den Stalinschen Säuberungen zum Opfer fiel. Die Zeit in der Gefangenschaft nutzt er zur Vertiefung seine Kenntnisse Deutschlands und zur Lektüre deutscher Autoren. Er hält Vorträge strategischen und geopolitischen Inhalts insbesondere über den Kriegsverlauf.

 

 Nach dem Waffenstillstand vom 11. November 1918 wird er entlassen und kehrt im Dezember zu seiner Familie zurück. Von 1919 bis 1921 beteiligt sich de Gaulle in Polen an der Bildung der neuen polnischen Armee, die aus dem Kampf mit der Roten Armee siegreich hervorgeht. Nach seiner Rückkehr heiratet er in Calais am 6. April 1921 Yvonne Vendroux. Am 28. Dezember kommt sein Sohn Philippe zur Welt. Der Hauptmann de Gaulle erhält einen Auftrag als Lektor an der Offiziersschule von Saint-Cyr und wird 1922 zur Höheren Kriegsakademie zugelassen. 1924 wird er nach Trier abkommandiert und ist anschließend beim Stab der französischen Reinarmee in Mainz tätig. Am 15. Mai kommt seine Tochter Elisabeth zur Welt.

 

3. 1925-1940: Ein Offizier mit eigenen Ideen

1925 wird er zum Stab des Vizepräsidenten des Höheren Kriegsrates, Marschall Pétain, abkommandiert. 1927 wird er erneut nach Trier versetzt, diesmal als Bataillonskommandeur.

Am 1. Januar 1928 wird seine zweite Tochter Anne geboren. De Gaulle wird 1929 in die Levante versetzt und bleibt mit seiner Familie zwei Jahre in Beirut. 1931 wird er ins Generalsekretariat der Nationalen Verteidigung in Paris versetzt. Dieser neue Posten ist insoweit für ihn wichtig, als er ihm Gelegenheit gibt, mit den Staatsangelegenheiten vertraut zu werden.

 

In dieser Zeit macht er mit zahlreichen von ihm veröffentlichten Artikeln auf sich aufmerksam, insbesondere mit „Doctrine a priori ou doctrine des circonstances”, dessen These vom Establishment als heterodox eingeschätzt wird; entgegen der traditionellen Doktrin, das Vorgehen der Armee habe sich nach im voraus festgelegten Normen zu richten, ist Hauptmann de Gaulle der Meinung, zwar müsse man gewisse Prinzipien beachten, aber zugleich sei es unerlässlich, sich den Umständen zu beugen. In der Höheren Kriegsakademie hält er unter der Oberaufsicht von Marschall Pétain mehrere Vorträge („L’Action du chef de guerre”, „Du caractère”), in denen er sehr eigene Gedanken vertritt und seine Vorstellung vom militärischen Führer entwickelt: De Gaulle macht sich Gedanken über eine Reform der Armee und das Verhältnis zwischen dem Soldaten und dem Politiker. In seinem ersten, 1924 erschienenen Werk La Discorde chez l'ennemi betont er den Vorrang der Politik vor dem Militär. 1932 erinnert er in Le Fil de l'épée [dt.: Die Schneide des Schwertes] an die Bedeutung der Ausbildung der Kommandeure und das Gewicht der jeweiligen Umstände. Erstmalig befasst er sich mit der Theorie der Notwendigkeit einer Panzerstreitmacht, die Feuerkraft mit Beweglichkeit verknüpft und kühne Initiativen und Offensiven ergreifen kann. In seinem 1934 veröffentlichen Werk Vers l'Armée de métier entwickelt er diesen Grundgedanken weiter, der zusätzlich zur Wehrpflicht eine Berufsarmee verlangt. Diese Vorstellungen finden jedoch kaum Widerhall, sieht man von dem Rechtsabgeordneten Paul Reynaud oder Philippe Serre ab, der sie in seiner Kolumne der Zeitschrift Populaire aufgreift. Léon Blum wendet sich entschieden gegen diese Armee aus Berufssoldaten, die er, wie andere auch, mit den Prätorianern vergleicht. Im Ausland indes findet der Einsatz von Panzern in dem von de Gaulle vorgeschlagenen Sinne größte Aufmerksamkeit (Guderian, Liddel Hart). In Paris frequentiert de Gaulle mehrere Persönlichkeiten im Umkreis des sehr aufgeschlossenen Obersten a.D. Émile Mayer, der sich für eine Strategiereform ausspricht, die sich nicht mit der bloßen Defensive hinter der Maginotlinie zufrieden gibt. Aber niemand hört auf die beiden.

1937 zum Oberst befördert, übernimmt de Gaulle das Kommando über das 507. Panzerregiment in Metz. Als Frankreich und England am 3. September 1939 Deutschland den Krieg erklären, erhält Oberst de Gaulle das Kommando über die Panzerstreitkräfte der V. Armee.

Im Januar 1940 verschickt de Gaulle an achtzig Persönlichkeiten, darunter Léon Blum, Paul Reynaud sowie die Generäle Gamelin und Weygand, ein Memorandum über seine bei den Operationen in Polen gewonnenen Erkenntnisse; es trägt den Titel L'Avènement de la force mécanique und unterstreicht die Notwendigkeit eines Zusammenwirkens von Panzern und Luftwaffe. Als Befehlshaber der 4. Kürassierdivision zeichnet sich de Gaulle in Montcornet und Laon aus und bringt in Abbeville die vorrückenden deutschen Truppen zum Stehen (27. – 30. Mai 1940).

Der mit Wirkung vom 1. Juni zum Brigadegeneral auf Probe ernannte de Gaulle wird von Ministerpräsident Paul Reynaud am 5. Juni als Unterstaatssekretär ins Ministerium für Nationale Verteidigung und Krieg berufen. Er soll das Vorgehen mit England im Hinblick auf die Fortsetzung des Kampfes koordinieren. Am 9. kommt er mit Churchill zusammen, den er vergeblich zum Einsatz zusätzlicher Kräfte, auch der Luftwaffe, in den Kämpfen zu bewegen versucht. Am 10 Juni verlässt de Gaulle das zur offenen Stadt erklärte Paris und geht nach Orleans, Briare und Tours. In Bordeaux erfährt der eben aus England zurückgekehrte de Gaulle am 16. Juni, dass Paul Reynaud als Ministerpräsident zurückgetreten ist, durch Marschall Pétain ersetzt wurde und dieser um den Waffenstillstand nachgesucht hat. Damit endet die Tätigkeit von General de Gaulle in dieser Regierung.

 

II. 1940-1946: Der Mann des 18. Juni

 

1. Juni 1940: Der Aufruf

1941

Schon am folgenden Tag, dem 17. Juni, fliegt de Gaulle mit seinem Adjutanten Geoffroy de Courcel nach London zurück, von wo aus er den Krieg fortzusetzen gedenkt. Nachdem Marschall Pétain den Waffenstillstand verkündet hat, ruft der General am 18. Juni mit Billigung Churchills über die Wellen der BBC zum Widerstand auf. Der nicht auf Band aufgenommene Aufruf selbst wird nur von wenigen gehört, aber tags darauf steht er in den Zeitungen und wird von den Rundfunksprechern wiederholt. In den folgenden Tagen greift er, wiederum über BBC, erneut den von der Regierung ausgerufenen Waffenstillstand an und wiederholt seinen Aufruf zum Widerstand, insbesondere in seiner Ansprache vom 22. Juni: „Die Ehre, der gesunde Menschenverstand, das Interesse des Vaterlandes gebieten allen freien Franzosen, den Kampf dort fortzusetzen, wo sie sind, und so, wie sie es können.“ Der ungehorsame General wird von der Regierung Marschall Pétains degradiert und in den Ruhestand versetzt und im August in Abwesenheit zum Tode verurteilt.

 

2. 1940-1944: Das Freie Frankreich und das Kämpfende Frankreich

Churchill erkennt ihn am 28 Juni als Chef der Freien Franzosen an. Die von de Gaulle aufgestellten Streitkräfte erhalten den Namen Freie Französische Streitkräfte. Kraft eines von dem namhaften Juristen René Cassin ausgearbeiteten und von den Briten am 7. August gebilligten Abkommens sind die Freien Französischen Streitkräfte keine Fremdenlegion im Rahmen der britischen Truppen, sondern behalten ihre Nationalität und ihre Unabhängigkeit. Die französischen Streitkräfte sind zwar noch wenig zahlreich, besitzen aber einen Status, und nun beginnt der Zulauf zu ihnen sowohl aus England als auch aus dem Weltreich. Wegen der unseligen Beschießung unserer vor Mers el-Kébir ankernden Flotte durch die Engländer am 4. Juli 1941 lässt dieser Zustrom jedoch vorübergehend nach.

In Brazzaville ruft General de Gaulle am 27. Oktober 1940 zwar ein politisches Organ, den Verteidigungsrat des Weltreichs, ins Leben, betont aber stets, dass dieser bei Kriegsende über seine Handlungen Frankreich Rechenschaft ablegen müsse. Am 22. Juni 1941 überfällt die Wehrmacht Sowjetrussland, und am 7. Dezember greift die japanische Luftwaffe den amerikanischen Stützpunkt Pearl Harbor an: der Krieg wird zum Weltkrieg. Im September 1941 gibt de Gaulle Frankreich als Vorläufer einer Exilregierung ein Französisches Nationalkomitee, das am 3. Juni 1943 nach seinem Eintreffen in Algier in Französisches Befreiungskomitee umbenannt wird, dem er gemeinsam mit General Giraud vorsteht. Dieser war zunächst Marschall Pétain treu geblieben, aber später schlossen sich seine Truppen den Freien Französischen Streitkräften an. Von Algier aus stellt General de Gaulle dem alliierten Oberkommando eine Armee zur Verfügung, die im weiteren Verlauf an den Feldzügen in Nordafrika und Italien teilnimmt und schließlich einen bedeutenden Beitrag zur Befreiung Frankreichs und anschließend zur Niederlage Deutschlands leistet. General de Gaulle wird Präsident der ein Jahr später, am 3. Juni 1944, gebildeten Provisorischen Regierung der Französischen Republik.

Schon ab 1942 waren die Beziehungen zwischen dem Freien Frankreich und dem Inlandswiderstand enger geworden. De Gaulle beauftragt Jean Moulin mit der Bildung des Nationalen Widerstandsrates in Frankreich, in dem sämtliche Tendenzen der politischen Parteien, der Gewerkschaften und des Widerstandsbewegungen vertreten sein sollen und der den Kampf gegen den Besatzer und gegen Vichy im Hinblick auf die Befreiung des nationalen Territoriums koordinieren soll. Hier geht es auch um die Vertretung der nationalen Einheit gegenüber den Alliierten bei der Befreiung. Es kommt zu Zusammenstößen zwischen de Gaulle und den Alliierten, die ihn trotz aller seiner Versicherungen und denen seiner Umgebung nicht als legitimen Vertreter Frankreichs anerkennen wollen, weil seine Vollmachten nicht aus demokratischen Wahlen hervorgegangen sind. Erst am 23. Oktober 1944, drei Monate nach der Befreiung von Paris, wird die Provisorische Regierung von den drei Großmächten USA, Sowjetunion und Großbritannien anerkannt. Seit jeher hatte der General bekräftigt, dass die Franzosen nach der Befreiung des Nationalgebiets frei und demokratisch wählen würden; mehrere im Jahre 1944 vorbereitete Verordnungen über die Organisation der Regierungsgewalt und die Wiederherstellung der republikanischen Legalität waren die demokratische Legitimierung der Vollmachten des Chefs der Freien Franzosen.

 

3. 1944-1946: Die Befreiung

1945

Die Festigkeit und Schnelligkeit, mit denen General de Gaulle die Autorität einer nationalen Regierung wiederherstellte, machten es möglich, die Einsetzung von AMGOT (Allied Military Government for Occupied Territories) zu unterlaufen, die von den Amerikanern zunächst vorgesehen war, die aus dem befreiten Frankreich einen von den Siegern verwalteten und besetzten Staat machen wollten. Nach der Landung in der Normandie am 6. Juni 1944 besteht de Gaulle beim Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte, General Eisenhower, unbedingt darauf, Paris schnellstens zu befreien, im Gegensatz zu dessen Strategie, ohne Berührung der französischen Hauptstadt unmittelbar weiter nach Osten vorzudringen.

 

Die 2. Panzerdivision unter General Leclerc befreit am 25. August Paris; Leclerc nimmt die Kapitulation des deutschen Stadtkommandanten von Choltitz entgegen. Am selben Tag richtet sich General de Gaulle, der am 14. Juni 1944 in der Normandie am Strand von Courseulles an Land gegangen war, wieder im Kriegsministerium in der rue Saint-Dominique in Paris im selben Büro ein, das er bis zum 10. Juni 1940 innegehabt hatte, und versinnbildlichte damit, Vichy sei nur eine Klammererscheinung der Geschichte gewesen und die Republik habe niemals zu bestehen aufgehört. Anschließend begibt er sich ins Rathaus der Stadt und hält eine Rede, in der er die wesentliche Rolle der Franzosen bei ihrer Selbstbefreiung hervorhebt. Am folgenden Tag, dem 26. August, schreitet er im Triumphzug die Champs-Élysées hinunter. Die Begeisterung des „Volkes in seiner Tiefe“ kennt keine Grenzen. Am 9. September wird eine Regierung der nationalen Eintracht unter seiner Präsidentschaft konstituiert. Im Oktober 1945, sechs Monate nach Kriegsende, wird eine Konstituierende Versammlung gewählt.

Der Präsident der Provisorischen Regierung ist mit der Konstituierenden Versammlung in der Staatskonzeption und der Frage der Rolle der Parteien uneins; deshalb reicht de Gaulle anlässlich der Abstimmung über die Mittelausstattung der Armee am 20. Januar 1946 beim Präsidenten der Nationalversammlung, Felix Gouin, seinen Rücktritt ein. Den Auftrag, den er sich am 18. Juni 1940 gegeben hatte, hatte er erfüllt: das Territorium befreien, die Republik wiedereinsetzen, freie und demokratische Wahlen organisieren, die wirtschaftliche und soziale Modernisierung in Gang setzen. Doch de Gaulle hofft, man werde ihn schnell wieder rufen.

 

III. Der Politiker

1. 1947-1953: Die Sammlungsbewegung des Französischen Volkes

 

1947

Am 16. Juni 1946 bricht der General sein Schweigen und hält in Bayeux eine Rede. Darin skizziert er einen Verfassungsentwurf mit starker Exekutive und klarer Trennung der Gewalten, der im Keim bereits die künftige Verfassung der V. Republik enthält. Diese Ideen greift er in Bar-le-Duc und noch einmal am 29. September in Épinal wieder auf, nachdem die Konstituierende Nationalversammlung ihren Verfassungsentwurf verabschiedet hat, aber die Wähler hören nicht auf ihn, sondern und billigen am 13. Oktober den Entwurf. In dieser Abstimmung kommt allerdings eher Verdrossenheit als wirkliche Zustimmung zum Ausdruck, denn ein Drittel der Wähler hat sich enthalten und ein Drittel mit Nein gestimmt, so dass im Grunde nur ein Drittel der Wähler die Verfassung der IV. Republik überhaupt billigte.

Von jetzt an steht de Gaulle in der Opposition. Am 14. April 1947 bringt er eine politische Bewegung auf den Weg: die Sammlungsbewegung des Französischen Volkes (RPF), die schnell großen Zulauf findet und bei den Gemeindewahlen im Herbst einen großen Erfolg erringt. Ihr Ziel ist der Kampf gegen das „Exklusivregiment“ der Parteien, für eine Verfassungsreform und schließlich gegen die „Separatisten“, sprich: die Kommunisten. De Gaulle wünscht sich diese politische Bewegung nicht als Partei, sondern als Sammlungsbewegung. Deswegen schlägt er die Möglichkeit der doppelten Zugehörigkeit vor, wonach alle Mitglieder aller politischen Parteien mit Ausnahme der KPF gleichzeitig Mitglied der RPF sein können. Dieser Versuch schlägt fehl, denn die traditionellen Parteien verweigern sich der Doppelzugehörigkeit.

Während dieser ganzen Zeit bleibt General de Gaulle, immerhin Führer einer politischen Bewegung, der Zugang zu Rundfunk und Fernsehen verwehrt. Um seine Vorstellungen bekannt zu machen, muss er daher quer durch Frankreich reisen, von Bruneval bis Straßburg. Auf diese Weise kann er seine Kenntnis des Landes vertiefen und sich auf eine spätere politische Tätigkeit vorbereiten. Bei den Parlamentswahlen von 1951 bleibt der RPF indes der durchschlagende Erfolg versagt: Ihre Abgeordneten sind nicht zahlreich genug, um eine Wende in der Sozialpolitik noch auch bei den Institutionen herbeizuführen. Infolgedessen beschließt de Gaulle, die Sammlungsbewegung des Französischen Volkes zwischen 1953 und 1955 nach und nach auf Sparflamme zu setzen. Diese Erfahrung erlaubt es jedoch, kämpferisch Gesinnte heranzubilden und zu mobilisieren und einen Kader zu schaffen, der sich 1958 als wichtig und wirksam erweisen sollte.

 

2. 1953-1958: Die „Durchquerung der Wüste“

Die Jahre zwischen 1955 und 1958 sind für de Gaulle, was man die „Durchquerung der Wüste“ genannt hat (oder auch „Durststrecke“ nennen könnte). Er zieht sich völlig nach Colombey-les-Deux-Églises zurück, verfasst seine Mémoires de guerre [dt.: Memoiren], reist ein wenig (insbesondere in die Union française) und empfängt hin und wieder Gesprächspartner am ehemaligen Sitz der RPF in der rue de Solférino in Paris. Sein öffentliches Leben ist deutlich verlangsamt, aber er verfolgt weiterhin aufmerksam die Ereignisse.

 

3. Mai-Dezember 1958: De Gaulle als einzige Zuflucht

1958

Die Labilität der Regierungen und die Ohnmacht der IV. Republik in der durch einen am 1. November begonnenen Aufstand ausgelösten Algerienfrage stürzen das Regime in eine schwere Krise. Nicht wenige politisch Verantwortliche aller Lager wünschen zunehmend die Rückkehr des Generals.

Am 13. Mai 1958 ruft ein Wachsamkeitsausschuss in Algier zu einer Demonstration gegen die algerische Rebellenorganisation FLN auf. Ein Ausschuss des öffentlichen Wohls wird gebildet, an dessen Spitze General Salan steht. Er appelliert am 15. Mai an General de Gaulle. Der Aufstand greift um sich und läuft Gefahr, in einen Bürgerkrieg auszuarten. Am 19. erklärt der General, er sei „bereit, die Vollmachten der Republik zu übernehmen”. Manche Kreise erblicken in dieser Erklärung eine Unterstützung der Armee und werden unruhig. De Gaulle beruhigt sie und unterstreicht die Notwendigkeit der nationalen Einheit; bietet er sich auch erneut als Zuflucht an, so verschreibt er sich dennoch weder der Armee noch sonst irgendwem.

Am 29. Mai ruft Staatspräsident René Coty „den hervorragendsten aller Franzosen“ zu sich. Charles de Gaulle erklärt sich bereit, eine Regierung zu bilden, die am 1. Juni mit 329 von insgesamt 553 abgegebenen Stimmen das Vertrauen der Nationalversammlung erhält. Damit wird General de Gaulle zum letzten Ministerpräsidenten der IV. Republik. Die Abgeordneten räumen ihm die Möglichkeit ein, sechs Monate lang mit Verordnungen zu regieren, und ermächtigen ihn zur Vollendung der Verfassungsreform des Landes. Die im Verlauf des Sommers 1958 ausgearbeitete neue Verfassung kommt den in Bayeux skizzierten Vorschlägen sehr nahe und sieht eine starke Exekutive vor. General de Gaulle lässt sich indessen zu einem Parlament herbei, das mehr Gewicht besitzt, als er im Grunde wünschte.

Die Verfassung wird am 28. September 1958 auf dem Referendumswege mit 79,2% Ja-Stimmen angenommen. Auch die Gebiete des Weltreiches stimmen ihr zu, ausgenommen Guinea, das damit als erstes afrikanisches Land zur Unabhängigkeit gelangt. Am 21. Dezember wird Charles de Gaulle von einem umfangreichen Wahlmännergremium zum Präsidenten der Französischen Republik und der Afrikanischen und Madagassischen Gemeinschaft gewählt. Er tritt das Amt am 8. Januar 1959 an.

In der Zeit zwischen der Übernahme der Funktion des Ministerpräsidenten und seiner Wahl zum Präsidenten der Republik hat Charles de Gaulle bereits weitgehend die Politik in die Wege geleitet, die seine Rückkehr an die Macht prägen wird: Neben dem Willen, Frankreich eine neue Verfassung zu geben, geht es dem General vor allem um die französische Europapolitik (Begegnung mit Bundeskanzler Adenauer am 14. September), die Unabhängigkeit des Landes gegenüber den Vereinigten Staaten (Memorandum vom 17. September an Präsident Eisenhower), die Sanierung der öffentlichen Finanzen (Maßnahmen vom 27. Dezember) und das Schicksal Algeriens (er verwirft die Vorstellungen der Ausschüsse des öffentlichen Wohls und ruft im Oktober zum „Frieden der Tapferen“ auf).

 

IV. Der Staatsmann

1. 1959-1962: Die Anfänge der V. Republik

Das drängendste Anliegen ist Algerien. De Gaulle vervielfacht seine Reisen dorthin (die erste findet schon am 3. Juni 1958 statt) und bewegt sich auf die Unabhängigkeit als Lösung zu; 1959 schlägt er den Algeriern die Selbstbestimmung vor. Das Referendum vom 8. Januar 1961 über den Grundsatz der Selbstbestimmung bringt dem Staatschef eine massive Unterstützung ein, denn 75% stimmen mit Ja. Aber die Verhandlungen sind zäh und werden zudem durch die Anhänger eines französischen Algerien sowie durch die Uneinsichtigkeit der algerischen Einheitspartei FLN und schließlich den Putsch der französischen Generäle vom 22. April 1961 erschwert, der indes sofort fehlschlägt. Nach ersten halbamtlichen Verhandlungen von Georges Pompidou mit Vertretern der FLN kommt es zu offiziellen Verhandlungen, die Algerienminister Louis Joxe führt. Sie münden in den Abkommen von Evian, die am 22. März 1962 unterzeichnet und in einem Referendum in Frankreich am 8. April sowie in Algerien am 1. Juli gebilligt werden. Algerien erlangt seine Unabhängigkeit, aber beide Staaten bekunden den Willen zur Zusammenarbeit.

Gleichzeitig besteht der Staatschef darauf, das von Frankreich bei Unterzeichnung der Römischen Verträge von 1957 gegebene Wort einzulösen. Damit Frankreich schon am 1. Januar 1959 in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft mitmachen kann, unternimmt Antoine Pinay eine Finanzreform (zu diesem Zeitpunkt wird der Neue France geschaffen); die Zollschranken fallen, womit die französischen Produkte der europäischen Konkurrenz ausgesetzt sind. Frankreich wird zur Modernisierung gedrängt.

 

2. 1962-1968: Konsolidierung des Regimes

1965

Das Jahr 1962 markiert eine große Wende, zunächst im institutionellen Bereich: Nach dem von der OAS am 22. August 1962 unternommenen Attentat in Petit-Clamart schlägt der General die allgemeine Direktwahl des Staatschefs vor. Mit dieser Reform will er seinem Nachfolger die notwendige demokratische Legitimierung gegenüber den Parlamentariern verschaffen, die an die Stelle der historischen Legitimität treten soll, die nur er allein verkörpern konnte. Dies stößt auf eine starke Opposition derer, die der parlamentarischen Tradition verhaftet sind und ein Abgleiten in persönliche Machtausübung befürchten. Ein Tadelsantrag wird eingebracht und die Regierung Pompidou wird gestürzt. De Gaulle löst die Nationalversammlung auf, wozu ihm die Verfassung das Recht gibt, und wartet mit der Abhaltung neuer Parlamentswahlen, bis am 28 Oktober 1962 das Referendum über die Direktwahl des Staatspräsidenten stattgefunden hat.

Der Präsident der Republik zögert nicht, wenn es um wichtige Fragen geht, sich auf dem Referendumswege der Unterstützung durch das Volk zu versichern: Die Verfassungsrevision von 1962, die mit 62,2 % Ja-Stimmen ein durchschlagender Erfolg ist, liefert dafür ebenso den Beweis, wie die Selbstbestimmung der Algerier (Referendum vom 8. Januar 1961), die Abkommen von Evian (8. April 1962), und schließlich die Regionalisierung und die Reform des Senats (27. April 1969) – jedes Mal ruft er die Bürger an die Urnen.

Die Folgen des Algerienkrieges dauern zwar noch fort (Heimführung der Franzosen, Attentate der OAS), aber der Staatschef ist dennoch das Algerienproblem als solches los und kann sich fortan einer Politik der nationalen Unabhängigkeit widmen, die den Rang Frankreichs verstärkt.

Er setzt die unter der IV. Republik begonnene Atompolitik konsequent fort. Im Februar 1960 wird in Reggane in der Sahara die erste französische Atombombe gezündet. Des Weiteren verweigert sich de Gaulle der Vormundschaft der USA und zieht Frankreich nach und nach aus dem integrierten militärischen NATO-System zurück. 1966 ist dies vollends erreicht, wobei Frankreich jedoch sehr wohl Mitglied des Atlantischen Bündnisses bleibt.

Im Übrigen strebt General de Gaulle die Schaffung eines wahrhaft europäischen Europa an und nähert sich sehr bald der Bundesrepublik Deutschland an. Schon 1958 hat er Bundeskanzler Adenauer in seinem Privathaus in Colombey empfangen, und am 22. Januar 1963 wird der Deutsch-Französische Vertrag unterzeichnet, der eine von den europäischen Strukturen unabhängige deutsch-französische Achse einrichtet. Wenn er den Eintritt Großbritanniens in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft ablehnt, so weil er in ihm das „trojanische Pferd“ der Vereinigten Staaten erblickt und nicht will, dass sich auf dem Festland zwei europäische Mächte gegenüberstehen.

Mit der Gemeinsamen Agrarpolitik stärkt er 1963 zwar die EWG, lehnt aber den Gedanken der Supranationalität generell ab, ohne indes den Vertrag von Rom in Frage zu stellen. Mit der Krise des „leeren Stuhls“ von Juli 1965 bis Januar 1966 soll erreicht werden, dass die Europäische Kommission ihre Vollmachten nicht auf Kosten der Staaten ausbauen und sich die Agrarpolitik nicht zu Lasten Frankreichs entwickeln kann.

Seine „Politik der freien Hand“ bedeutet die Absage an die Blockpolitik, wobei de Gaulle jedoch anlässlich der Berlinkrise (August 1961) und der Kubakrise (1962) die USA unterstützt. Sie bedeutet zudem eine stärkere Präsenz Frankreichs in der Welt, nicht nur in den aus der ehemaligen Afrikanischen und Madagassischen Gemeinschaft hervorgegangenen und seit 1961 unabhängigen Staaten, sondern auch in Asien und Lateinamerika. 1964 erkennt de Gaulle die Volksrepublik China an und besucht auch die Staaten Lateinamerikas. 1966 hält er in Phnom-Penh eine Rede, in der er die amerikanische Vietnampolitik anprangert. Im Juli 1967 verdeutlicht der General mit dem Ruf „Es lebe das freie Quebec“ seine Ablehnung des Imperialismus und verteidigt gleichzeitig die historische Anwesenheit Frankreichs in Nordamerika. Diese Episode ist zugleich beredter Ausdruck der Treue des Generals zum Selbstbestimmungsrecht der Völker.

Im Hinblick auf ein „Europa vom Atlantik bis zum Ural“ nähert sich de Gaulle aber auch der Sowjetunion und ihren Satelliten an. Mit einer Reise in die UdSSR im Juni 1966 wird die Politik der „Entspannung, Verständigung und Zusammenarbeit“ in Gang gesetzt und 1967 durch eine Polenreise sowie im Jahr darauf durch eine Reise nach Rumänien bekräftigt. Dennoch hat es General de Gaulle nie an Treue zum westlichen Block mangeln lassen und war beispielsweise bei der Kubakrise von 1962 der erste, der Kennedy gegen Chruschtschow unterstützte.

1965 wird erstmals der Staatspräsident in allgemeiner Direktwahl gewählt. Nach seiner ersten siebenjährigen Amtszeit zögert de Gaulle, ob er sich zur Wahl stellen soll. Er erklärt erst sehr spät seine Kandidatur und führt auch keinerlei Wahlkampf, im Gegensatz zu den anderen Kandidaten, die sehr aktiv sind (insbesondere François Mitterrand und Jean Lecanuet). Als er (mit 43,7% der Stimmen) in die Stichwahl muss, denkt er wieder an Rücktritt, stellt sich aber dann doch. Vor dem zweiten Wahlgang kommt er in drei Fernsehgesprächen den Sorgen der Franzosen ausgeprägter entgegen. Er wird mit 54,8% gegen seinen Gegner Mitterrand gewählt.

 

3. Mai 1968—1970

 

1968

Neben den Auswirkungen der Finanzreform von 1958 kommt Frankreich auch in der Genuss der „dreißig glorreichen Jahre“ und des schon unter der IV. Republik begonnenen Wachstums. Die Wirtschaftsstrukturen werden modernisiert, der Lebensstandard steigt. Angesichts der Starre des Gesellschaftssystems macht sich eine gewisse Enttäuschung breit, die sich in den Ereignissen vom Mai 1968 kundtut. Ab März 1968 entwickelt sich wie in vielen anderen Ländern die Protestbewegung der Studenten. Die Gewerkschaften und die politischen Linksparteien machen sich die Studentendemonstrationen zunutze und rufen einen Generalstreik aus, der von den Arbeitern befolgt wird. Dieser Generalstreik lähmt die öffentliche Gewalt während des Monats Mai und führt zu einer Krise, die die Regierung in ihren Grundfesten erschüttert.

 

Am 24. Mai lässt der General wissen, der Staat müsse die Ordnung wiederherstellen und die Republik verteidigen; die Straße sei nichts als „Mummenschanz“, Unordnung, Drohung des Totalitarismus. Die Abkommen von Grenelle zwischen Regierung, Gewerkschafts- und Arbeitgebervertretern führen zu einer Reihe klassischer Maßnahmen. Das plötzliche und unerklärte Verschwinden des Staatschefs, der am 29. per Hubschrauber mit unbekanntem Ziel abfliegt, ruft Bestürzung hervor und öffnet den Spekulationen Tür und Tor. Er ist nach Baden-Baden geflogen und dort mit General Massu zusammengetroffen. Dachte er an Rücktritt? Wollte er sich der Armee versichern, oder wollte er lediglich Abstand gewinnen? Wie dem auch sei: Schon am folgenden Tag wieder in Paris, atmet seine Rundfunkansprache ungebrochene Festigkeit. Ihr schließt sich eine riesige, von den Gaullisten veranstaltete Kundgebung auf den Champs-Élysées an. De Gaulle löst die Nationalversammlung auf. Die politischen Kräfte sind mit dem Wahlkampf für die Parlamentswahlen beschäftigt, und nach und nach wird auch die Arbeit wieder aufgenommen.

Die Parlamentswahlen bringen für die Regierung indes nicht genügend neue Dynamik ein. Die stärker nach rechts gerückte Nationalversammlung steht den doch so notwendigen Reformen ziemlich kühl gegenüber. Das Palais de l’Elysée scheint sich von den Franzosen entfernt zu haben, das Vertrauen ist nicht wirklich wiederhergestellt.

 

Entgegen sehr zahlreichen Stellungnahmen beschließt der Staatschef die Abhaltung eines Referendums über die Regionalisierung und die Reform des Senats. Dieser Vorschlag wird am 27. April 1969 mit 52,4% der Stimmen verworfen. Getreu seinem Versprechen und in Achtung vor dem souveränen Volk tritt de Gaulle zurück; um 0.10 Uhr lässt er in einem Kommuniqué mitteilen: „Ich beende die Ausübung meiner Amtsgeschäfte als Präsident der Republik. Diese Entscheidung tritt heute zur Mittagsstunde in Kraft.”

 

V. Rückzug ins Privatleben

 

obseques

 Er zieht sich nach Colombey-les-Deux-Églises zurück, enthält sich jeder öffentlichen Äußerung, empfängt lediglich einige wenige Getreue und schreibt seine Memoiren weiter. Die Mémoires de guerre [dt.: Memoiren] waren ab 1954 veröffentlicht worden; von den Mémoires d’espoir [dt.: Memoiren der Hoffnung] ist nur der erste Band druckreif, als Charles de Gaulle am 9. November 1970 stirbt.

1952 hatte er ein Testament verfasst, in dem er ein Nationalbegräbnis ablehnte. In Colombey-les-Deux-Eglises werden seine sterblichen Überreste auf einem Aufklärungspanzer in die kleine Dorfkirche zum Trauergottesdienst gefahren, an dem nur seine Familie, die Weggefährten der Befreiung und die Dorfbewohner teilnehmen. Anschließend wird er auf dem Dorffriedhof neben seiner Tochter Anne beigesetzt. Das Grab trägt lediglich die Inschrift: „Charles de Gaulle 1890—1970”. Am 12. November findet in der Kathedrale Notre-Dame in Paris eine offizielle Trauerfeier statt, an der die Staatsbehörden und ausländische Gäste teilnehmen.