Auszug aus "der General und der Kanzler"

 

Deutlich spiegelt sich in den „Erinnerungen“ [Adenauers], wie hin- und hergerissen Adenauer war, wenn er an de Gaulle dachte, ehe er ihm zum erstenmal begegnete. Mit unendlicher Zähigkeit hatte der alte Mann für Deutschland wieder Respekt in der Welt erkämpft, hatte es herausgeführt aus der verachteten Hilflosigkeit des moralisch verurteilten und staatlich inexi­stenten Besiegten. Doch noch stand alles auf recht schwachen Füßen; eine Veränderung der Konstellation konnte das mühsam Gewonnene wieder zerrinnen lassen. Noch hing das Schicksal an dünnem Faden.

Wer ist de Gaulle? Das Bild, das Zeitungen und Menschen von ihm zeichnen, ist höchst beunruhigend. Ein eingefleischter Nationalist, der nichts im Kopf hat als Frankreich, ein Frankreich der „Grandeur“, nichts als Rachsucht, Egoismus, „Gloire“.

Und doch, er ist der einzige, der Frankreich aus seinen Wirren befreien kann, und Deutschland braucht Frankreich, ein stabiles, ein zuverlässiges, ein vernünftig selbstbewusstes und zur Partnerschaft bereites Frankreich.

Hin- und hergerissen ist Adenauer, lässt sich über de Gaulle berichten, greift dankbar-gierig nach jedem Hinweis, der das unheimliche Klischee vermenschlicht, abmildert – und misstraut doch den Berichtenden. [...] Was ist das für ein Mensch, dieser de Gaulle? Was ist wahr, was falsch, was schief von dem, was man so hört?

Adenauer zufolge hat es ein recht zähes Ringen gegeben, bis die beiden zu einem ersten Gespräch zusammenfanden. In seinen einfachen Worten – ich habe ihn das mehrfach erzählen hören – hieß das so: „Wollen Sie wissen, wie de Gaulle und ich zusammengekommen sind? Das will ich Ihnen mal erzählen. Kurz nachdem er an die Macht gekommen war, ließ de Gaulle mich fragen, ob ich ihn in Paris besuchen wolle. Ich ließ ihm sagen, er sei der Vertreter einer Siegermacht und ich vertrete ein besiegtes Land, und ich könne nicht kommen. Dann kam John Foster Dulles nach Paris, und danach ließ mich de Gaulle wieder fragen: Nun sei Dulles bei ihm gewesen, und jetzt könne ich wohl auch kommen. Ich ließ ihm erwidern, Dulles sei der Vertreter einer Siegermacht und ich vertrete ein besiegtes Land. Hierin liege der Unterschied. Ich könne deswegen nicht kommen. Einige Zeit darauf schickte de Gaulle seinen Außenminister Couve de Murville, der mich fragte, ob ich denn bereit sei, de Gaulle in seinem Privathaus in Colombey zu besuchen. Da habe ich ja gesagt.“ [...]

Seltsam ist die Geschichte auf den ersten Blick. Seltsam auch die Argumentation. Schließlich hatte Adenauer bislang nie gezögert, als Vertreter des besiegten Deutschland irgendwohin zu reisen – nach Amerika, nach England, gar nach Russland. Er hatte, mit Ausnahme der Sowjetunion, sogar mit kaum verhohlener Gier jede Gelegenheit zu solchen Besuchen genutzt. In Amerika gab meist ein von einer Universität zu verleihender Ehrendoktorhut den willkommenen Anlass ab, zumal wenn man ihn zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht besonders gern dahaben wollte. [...] Kurzum: Er war überhaupt nicht zimperlich, wenn es um Besuche ging. Auch in Frankreich war er vor de Gaulle schon viele Male gewesen, und gewiss bargen die Besuche in den frühen fünfziger Jahren noch erheblich mehr der im Sieger-/Besiegtenmoment anklingenden Problematik.

Den tieferen Grund für sein Zögern dürfte Adenauer in den „Erinnerungen“ genannt haben, wenn er über seine Fahrt nach Colombey schreibt: „Ich war von großer Sorge erfüllt, denn ich befürchtete, die Denkweise von de Gaulle wäre von der meinigen so grundverschieden, dass eine Verständigung zwischen uns beiden außerordentlich schwierig wäre.“ Und im nächsten Satz klingt leise das Thema der banalen Schilderung an: „Es würde das erste Zusammentreffen eines deutschen Regierungschefs mit de Gaulle nach dem Kriege sein.“ Und dann, nur drei Absätze weiter, die Erleichterung, fast Erlösung: „De Gaulle entsprach in keiner Weise den Auffassungen, die man in den vergangenen Monaten aus der Lektüre der Presse erhalten musste. Er war ein völlig anderer Mann, als ihn unsere Presse, aber nicht nur unsere Presse, dargestellt hatte. [...] Als Politiker gewann ich aus den Unterredungen nicht den Eindruck eines Nationalisten, als der er stets abgestempelt wurde.“

Das also war es. Manchmal denke ich, Adenauer – der gewiss vor keinem Menschen Angst hatte – habe doch vor de Gaulle, ehe er ihn kannte, so etwas wie Angst gehabt. Angst, mit dem Mann nicht zurechtzukommen. Und wenn ich einmal alle Gestalten vor meinem inneren Auge vorbeiziehen lasse, mit denen er zu tun hatte, dann war de Gaulle wohl der einzige, vor dem Adenauer solche Angst hatte. Doch Angst ist falsch. Es war wohl mehr die unheimliche Vorahnung eines großen Verhältnisses, das ja immer Ringen ist. Tatsächlich hat Adenauer mit niemandem so gerungen wie mit de Gaulle. So oft sie zusammentrafen, knisterte Persönlichkeit, jene Spannung des Verhältnisses zweier großer Seelen, zweier großer Männer. Dieses ungeheuer geladene Fluidum zwischen zwei Gesprächspartnern, das mich jedes Mal miterfasste, wenn ich für Adenauer und de Gaulle dolmetschte, habe ich nirgendwo sonst erlebt.

Ein sorgenvoller Adenauer fuhr nach Colombey an jenem 13. September 1958, ein strahlender Adenauer verließ es. Was damals geschah, hat neun Jahre lang das persönliche Verhältnis der beiden geprägt, wovon Adenauer fünf Jahre Bundeskanzler war. Waren es wirklich nur fünf Jahre? Mir scheint es unendlich viel mehr. Es hat die Politik und die Geschichte Deutschlands und Frankreichs, Europas und der Welt geprägt, mehr als fünf, mehr als zehn Jahre lang. Es wirkt noch heute nach.

Zweierlei geschah an jenem 14. September 1958 im abgeschiedenen Colombey-les-deux-Eglises. Zwei Männer fanden zueinander, und in ihnen zwei Länder. Jahrelang hatte Adenauer den Partner in Frankreich gesucht, der Macht und Kontinuität besaß und zu dieser Partnerschaft bereit war, wie Adenauer sie unbeirrt anstrebte und im Grunde seit jeher angestrebt hatte – mehr noch: zur Gemeinsamkeit. In Colombey hat er ihn endlich gefunden. Es war der Mann, von dem er es am wenigsten erwartet hatte: Charles de Gaulle, der stolze und unerbittlichste Widersacher Deutschlands, der um so stolzer war, als es ihm an Mitteln gebrach. Liegt nicht hierin ein Gemeinsames dieser beiden großen Männer? Hat nicht auch Adenauer sein Land aus den Fängen eines Untergangs befreit mit nichts in der Hand? Jenseits aller historischen Situationsbedingtheit des Zustandes ihrer Länder, die sich ihnen im Augenblick der höchsten Not in die Hand gaben, jenseits aller Unterschiede in der Persönlichkeit des einen wie des andern – und wir werden sie noch kennenlernen –: Dies war ihnen gemeinsam.

Sie verstanden sich ohne Worte, weil sie die gleiche Sprache redeten, weil sie den gleichen Glauben hatten, und so gebar der eherne Wille des einen wie des andern ein gemeinsames Wollen.

 

 

Hermann Kusterer, Der Kanzler und der General, 490 S., Neske, Stuttgart 1995.