30. Juni 1966 - Ansprache im sowjetischen Rundfunk und Fernsehen

DR

General de Gaulle hält eine vom sowjetischen Rundfunk und Fernsehen verbreitete Rede.

Mein Besuch in Ihrem Land war ein Besuch des immerwährenden Frankreich beim immerwährenden Russland. Seitdem einst in ferner Zeit unsere beiden Nationen geboren wurden, empfinden sie ununterbrochen ein ganz besonderes Interesse füreinander und eine ganz besondere gegenseitige Anziehung. In Frankreich waren und sind die Russen stets beliebt. So empfand ich denn bei meinem Hiersein, dass mein Besuch und die Aufnahme durch Sie von einer jahrhundertealten gegenseitigen Hochachtung und Herzlichkeit getragen waren, die weder manche Kämpfe von einst, noch der Unterschied der Regierungsformen, noch der neuerdings von dem durch die Teilung der Welt hervorgerufene Gegensatz schmälern konnten. Im Gegenteil, die Wertschätzung, die wir füreinander hegen, ist mit den Erfahrungen und Prüfungen nur noch gewachsen. Darum erfasste mich bei den Gängen durch Moskau, Nowosibirsk, Leningrad, Kiew, Wolgograd, beim Überfliegen Ihrer Ebenen, Flüsse, Wälder und Berge, in der Umgebung Ihrer Männer, Frauen und Kinder eine den Tiefen der Geschichte entstiegene Bewegung.

Diese Bewegung erreicht in diesem Augenblick ihren Höhepunkt. Darf ich doch vor Ihrer aller Augen und Ohren dem russischen Volk den Gruß des französischen Volkes überbringen. Nach der gewaltigen Umwälzung, die Ihre Revolution seit fünfzig Jahren um den Preis gigantischer Opfer und Mühen vollzieht, nach dem Schreckensdrama des schließlich gewonnenen Krieges vor über zwanzig Jahren, in dem Ihr Anteil die Sowjetunion auf die Gipfel von Macht und Ruhm trug, und schließlich nach Ihrem Wiederaufbau aus so vielen Ruinen begegnen wir uns, beide immer noch am Leben, voller Kraft, auf der ganzen Linie im Fortschritt begriffen, der bei Ihnen einen Punkt erreicht hat, an dem Sie Kosmonauten auf den Mond schicken. Nicht von ungefähr weiß das französische Volk Ihre Verdienste und Erfolge zu ermessen. Denn auch es selbst hat seit bald zwei Jahrhunderten die Erdstöße schwerer Schlachten, Invasionen und Revolutionen erfahren, auch es hat in den beiden Weltkriegen enorme menschliche und materielle Verluste erlitten und danach mühsam wettgemacht, auch es vollzieht derzeit eine tiefgreifende wirtschaftliche, wissenschaftliche und technische Erneuerung. Gewiss tun Sie und wir das nicht alles auf dieselbe Weise, und oft sind die dazu verwendeten Mittel sehr unterschiedlich. Aber alles in allem sind Ihr und unser Schicksal vergleichbar und miteinander verbunden. Sowjetbürger und Franzosen können einander die Hand reichen.

Das heißt nichts anderes, als dass unsere beiden Länder in der Welt und Epoche von heute viel Erstrangiges gemeinsam zu vollbringen haben. Und diese Dinge sind alles andere als zerstörerisch oder bedrohlich, sondern konstruktiv und friedlich. Zunächst geht es darum, unsere beiderseitige Entwicklung durch den Austausch in allen Bereichen voranzubringen. Denn haben auch Frankreich und die Sowjetunion auf ihrer jeweiligen Seite das Lebensnotwendige, so können sie doch beide viel gewinnen, indem sie einander gegenseitig helfen. Es geht auch darum, in unserem Europa von heute nacheinander die Entspannung, die Verständigung und die Zusammenarbeit ins Werk zu setzen, damit sich nach so vielen Kämpfen, Ruinen und Zerreißproben dieses Europa selbst seine Sicherheit geben kann. Und damit gilt es dafür zu sorgen, dass unser fortan nicht mehr geteilter, sondern geeinter Alter Erdteil wieder in die ihm gebührende, ausschlaggebende Rolle eintritt zum Wohle des Gleichgewichts, des Fortschritts und des Friedens des Universums.

[General de Gaulle fährt auf Russisch fort:]

Jedem russischen Mann und jeder russischen Frau, die mich hören und sehen, spreche ich aus ganzem Herzen meinen Dank aus für den herrlichen Empfang, den mir das Volk und die mit seiner Führung Betrauten hier zuteil werden ließen. Einem jeden und einer jeden von Ihnen wünsche ich das Beste für ihr Leben, das Leben der Ihrigen, das Leben ihres Landes. Allen sage ich: Das neue Frankreich ist der Freund des neuen Russland.

Es lebe die Sowjetunion! Es lebe die Freundschaft Russlands und Frankreichs!