30. Januar 1944 - Eröffnungsrede auf der Konferenz von Brazzaville

Am 30. Januar 1944 eröffnet General de Gaulle als erste Etappe auf dem Weg zur Französischen Union in Brazzaville eine von Kolonialminister René Pleven organisierte Konferenz der Vertreter der französischen Territorien. Er hält dabei folgende Rede.

DR

Mäße man die Vorhaben unserer Zeit an den Irrtümern der Vergangenheit, dann wäre die Entscheidung der französischen Regierung, diese afrikanische Konferenz einzuberufen, in der Tat erstaunlich.

„Zu früh!“ riete uns gewiss die falsche Vorsicht von einst. „Noch ist der Krieg nicht zu Ende. Schon gar nicht könnt ihr wissen, wie morgen der Friede aussehen wird. Hat Frankreich, leider! nicht viel unmittelbarere Sorgen als die um die Zukunft seiner überseeischen Gebiete?“

 

Dennoch wollte der Regierung scheinen, dass nichts weniger gerechtfertigt wäre als solch falsches Abwarten, nichts unvorsichtiger als solche Vorsicht. Denn die augenblickliche Lage, so grausam und verzwickt sie ist, rät uns nicht etwa zur Zurückhaltung, im Gegenteil, sie fordert gebieterisch Unternehmungsgeist. Das gilt für alle Bereiche, und schon gar für den Weg der Konferenz von Brazzaville. Denn ohne die Dringlichkeit der Gründe übertreiben zu wollen, die uns dazu bewegen, die Gesamtheit der afrikanischen Probleme anzuschneiden, glauben wir, dass uns die derzeit die Welt erschütternden Ereignisse verpflichten, nicht länger zu säumen; dass die schreckliche Prüfung, wie die vorübergehende Besetzung des Mutterlandes durch den Feind sie darstellt, das im Krieg befindliche Frankreich von keiner Pflicht und keinem Recht entbindet; und schließlich, dass uns die nunmehr vollzogene Sammlung aller unserer Besitzungen in Afrika eine ausgezeichnete Chance bietet, auf Initiative und unter Leitung des für die Kolonien zuständigen Ministers die Männer zusammenzurufen, die die Ehre und den Auftrag haben, im Namen Frankreichs seine Gebiete zu regieren, damit sie gemeinsam arbeiten und ihre Gedanken und Erfahrungen austauschen. Wo anders könnte eine solche Begegnung stattfinden als hier in Brazzaville, das in grausamen Jahren unserer Ehre und unserer Unabhängigkeit Zuflucht bot und auf immer Symbol der verdienstvollsten französischen Anstrengung bleiben wird?

Dem Ruf eines jahrhundertealten Zivilisationsauftrages folgend, haben Franzosen seit einem halben Jahrhundert auf Anstoß der Regierungen der Republik und unter Führung von Männern wie Gallieni, Brazza, Dodds, Joffre, Binger, Marchand, Gentil, Foureau, Lamy, Borgnis-Desbordes, Archinard, Lyautey, Gouraud, Mangin, Largeau einen großen Teil dieses Schwarzafrikas betreten, befriedet und geöffnet, das seine Weite, die Unbilden des Klimas, die Macht der natürlichen Hindernisse, das Elend und die Vielfalt seiner Bevölkerungen seit Anbruch der Geschichte zu einem mühseligen und undurchdringlichen Dasein verurteilt hatten.

Ein bloßes Durchstreifen unserer Gebiete genügt um zu ermessen, was wir auf diesem Weg nach oben für die Entwicklung der Reichtümer und das Wohl der Menschen geleistet haben, und um es zu erkennen, brauchen wir nur unser Herz sprechen zu lassen. Doch gleichwie ein Felsbrocken den Abhang immer schneller hinabrollt, stellt uns das hier unternommene Werk unentwegt vor noch größere Aufgaben. Schon als der jetzige Weltkrieg begann, stand fest, dass die Aufwertung unseres Afrikas, der menschliche Fortschritt seiner Bewohner und die Ausübung der französischen Souveränität auf eine neue Basis gestellt werden mussten.

Wie seit eh und je treibt der Krieg die Dinge voran. Zunächst weil er bis heute zu einem Großteil ein afrikanischer Krieg ist und damit die absolute und relative Bedeutung der Ressourcen, der Verbindungswege und Kontingente Afrikas ins grelle Licht der Operationsgebiete tauchte. Sodann aber vor allem, weil es in diesem Krieg um nichts geringeres als das Dasein des Menschen geht und unter der Einwirkung der von ihm überall ausgelösten psychischen Kräfte ein jeder einzelne das Haupt erhebt, über den Tag hinausblickt und sich fragt, welches denn sein Schicksal sei.

Wenn es überhaupt eine Imperialmacht gibt, die sich ihre Lektionen zu Herzen nehmen und sich hehr und freiheitlich auf den Weg der neuen Zeit begeben will, auf den es die sechzig Millionen Menschen zu führen gedenkt, die mit dem Schicksal ihrer zweiundvierzig Millionen Landeskinder verbunden sind, dann ist Frankreich diese Macht.

Zuvorderst ganz einfach, weil sie Frankreich ist, jene Nation, deren unsterblicher Genius sie zu Initiativen beruft, die die Menschen schrittweise auf die Höhen der Würde und Brüderlichkeit tragen, auf denen eines Tages alle eins sein können. Sodann weil Frankreich in der Not, in die eine vorübergehende Niederlage es trieb, in seinen überseeischen Landen, deren sämtliche Völker in allen Teilen der Welt nicht eine Minute in ihrer Treue geschwankt haben, seinen Rückhalt und den Ausgangspunkt für seine Befreiung fand und darum fortan zwischen dem Mutterland und dem Empire ein endgültiges Band besteht. Und schließlich, weil Frankreich, indem es aus dem Drama die gebotenen Schlussfolgerungen zieht, heute für sich und für alle, die von ihm abhängen, von einem glühenden und praktischen Willen der Erneuerung beseelt ist.

Heißt das nun, Frankreich wolle seine überseeische Aufgabe so vollziehen, dass es seine Gebiete, und die afrikanischen Landstriche zumal, einhegt und von der übrigen Welt isoliert? Ganz gewiss nicht! Zum Beweis brauchen wir nur zu erwähnen, wie in diesem Krieg das französische Äquatorialafrika und Kamerun unentwegt aufs engste mit dem benachbarten Belgisch-Kongo, dem britischen Nigeria, dem englisch-ägyptischen Sudan zusammenwirken und zur Stunde das gesamte französische Kolonialreich mit der momentanen Ausnahme Indochinas durch seine strategischen Positionen, seine Verbindungswege, seine Produktion, seine Luftstützpunkte - von seinen militärischen Kräften ganz zu schweigen - in beträchtlichem Umfang zur gemeinsamen Anstrengung der Alliierten beitragen. Was das Leben der Welt von morgen angeht, so glauben wir, dass die Autarkie für keinen wünschenswert noch auch überhaupt möglich ist. Insbesondere meinen wir, dass der afrikanische Kontinent hinsichtlich der Entwicklung seiner Ressourcen und der großen Verbindungen weitgehend ein Ganzes bilden muss. Aber im französischen Afrika ebenso wie in allen anderen Gebieten, in denen Menschen unter unserer Fahne leben, gäbe es keinen des Namens würdigen Fortschritt, ohne dass die Menschen im Lande ihrer Geburt moralischen und materiellen Gewinn ziehen und nach und nach eine Ebene erreichen, die ihnen die Möglichkeit gibt, bei sich zu Hause an der Regelung ihrer Angelegenheiten mitzuwirken. Frankreich hat die Pflicht, dafür zu sorgen, dass dem so ist.

So lautet das Ziel, auf das wir zugehen müssen. Wir verhehlen uns nicht, dass die Etappen lang sein werden. Sie, meine Herren Generalgouverneure und Gouverneure, stehen so fest im Boden Afrikas verwurzelt, dass Sie niemals den Sinn für das jeweils Mögliche und mithin Praktikable verlieren werden. Unterdessen obliegt es der französischen Nation und ihr allein, zur gegebenen Zeit die imperialen Strukturreformen zu vollziehen, die sie in ihrer Souveränität beschließt. Doch bis dahin gilt es zu leben, und Tag für Tag leben heißt nichts anderes, als die Zukunft in Angriff nehmen.

Sie werden hier im Hinblick auf eine Vorlage bei der Regierung untersuchen, welche moralischen, sozialen, politischen, wirtschaftlichen und anderen Bedingungen Ihnen schrittweise in jedem unserer Territorien geraten erscheinen, damit sie sich dank ihrer Entwicklung und des Fortschritts ihrer Bevölkerungen mit ihrer ganzen Persönlichkeit, ihren Interessen, ihren Bestrebungen, ihrer Zukunft in die französische Gemeinschaft integrieren.

Meine Herren, die französische Afrikakonferenz von Brazzaville ist eröffnet.