24. März 1968 - Rede in Lyon

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Zum fünfzigsten Mal öffnet die Lyoner Messe ihre Tore; ihre Vorgängerinnen waren große und freie europäische Märkte, begannen vor nunmehr fünfeinhalb Jahrhunderten mitten im Hundertjährigen Krieg und wurden danach oft mit Unterstützung unserer Könige erneuert; ihre neue Form und neuen Aufschwung fand sie noch während des Ersten Weltkrieges als Glaubensbekenntnis zu dem damals gefährdeten Frankreich; heute stellt sie eindrucksvoll die Leistungsfähigkeit unserer Volkswirtschaft im Vergleich zu den anderen unter Beweis und vervielfacht die Möglichkeiten des Handels und Nacheiferns - das alles macht sie zu einem nationalen Ereignis ersten Ranges. Als solches gilt unser Gruß, wenn ich hiermit die Messe für eröffnet erkläre, an erster Stelle ihrer kraftvollen Entwicklung.

Unser Gruß gilt aber auch der Stadt Lyon, seiner Rolle und seiner Zukunft. War doch in der Renaissance die Hauptstadt des alten Gallien, der erste Finanzplatz des Abendlandes, gehörte zu den unternehmungsfreudigsten Manufaktur- und Warenstädten Europas, war Hauptsitz von Seide, Linnen und Druckereien in Frankreich, und ist nunmehr dank der Größe und Vielfalt ihrer Textil-, Chemie-, Maschinenbau-, Elektro-, Öl- und Autoindustrien - um nur diese zu nennen -, dank der Weite und Vielgestaltigkeit ihres Handels, dank der Arbeit und der Ausstrahlung ihrer Universitäten, dank allem, was da geforscht, erfunden und geheilt wird, eine Metropole par excellence. Schon damit stellt der über eine Million Einwohner zählende städtische Kern ein kraftvolles Zentrum dar. Nunmehr aber eröffnet, unter Einschluss von St. Etienne und Grenoble, ein riesiges demographisches, wirtschaftliches, wissenschaftliches und technisches Ballungsgebiet von zunächst zweieinhalb Millionen Seelen, dessen Mittelpunkt Lyon bildet, der ehrwürdigen Stadt an der Rhône ein gewaltiges menschliches Expansionsfeld, das ihrem Betätigungsdrang und - warum nicht? - ihrem Streben gemäß ist.

Zumal sich die gesamte Region von Rhône und Alpen auf diesen Mittelpunkt hin orientiert. Denn die allgemeine Entwicklung führt unser Land einem neuen Gleichgewicht zu. Die viele Jahrhunderte alte Zentralisierungsbemühung, die lange Zeit notwendig war, damit es trotz der Vielgestaltigkeit der sich ihm nach und nach anschließenden Provinzen seine Einheit finden und bewahren konnte, ist fürderhin nicht mehr zwingend nötig.

Im Gegenteil: Die regionalen Aktivitäten sind die Triebfedern seiner Wirtschaftskraft von morgen. Denn im berühmten Sechseck, das Geschichte und Geografie zum Kern französischer Wesensart bestimmten, weist gerade die Rhône- und Alpenregion ungeahnt günstige Voraussetzungen für den Fortschritt auf.

Dies ist in erster Linie auf all das zurückzuführen, was dort schon heute in Form von Fabriken, Betrieben und Werkstätten, Energiequellen, Spitzentechnik, Agrar-, Forst- und Tourismusressourcen, Ideen und Entdeckungen der Fakultäten und Laboratorien am Werk ist. Sodann beruht es auf der schönen und guten, starken und brausenden Saône und Rhône, deren Täler vom einen Ende zum andern eine einmalige und direkte Achse bilden. Es beruht zudem darauf, dass dieser große Verbindungsweg, der einerseits in dem durch kein großes Geländehindernis getrennten Rheinlauf seine Verlängerung findet, und der andererseits auf Marseille zuläuft, sich von Natur aus als Hauptarterie anbietet, mittels derer das moderne Europa die Meere des Nordens mit dem Mittelmeer verknüpft. Es beruht schließlich auf den bequemeren und schnelleren Verkehrsstrecken, die - sind erst die Alpenmassive durchstochen - Rhône- und Po-Becken miteinander verzahnen können.

Gewiss bedarf es für den dazu nötigen Ausbau der Flüsse, Kanäle, Straßen, Tunnel und Produktionszentren des Staatsgebiets einer großen französischen Anstrengung. Doch diese Anstrengung hat begonnen. Die baldige Fertigstellung der Autobahn zwischen Dijon und Côte d’Azur, die abgeschlossene Elektrifizierung der Eisenbahn, die vorgesehene Eröffnung eines erstklassigen Flughafens in Satolas, die gigantischen Arbeiten der jahreszeitunabhängigen Schiffbarmachung der Rhône - beispielsweise erst kürzlich durch die Schleuse von Pierre-Bénite - für Lastkähne von 1300 Tonnen, der Montblanc-Durchstich im Jahre 1965, zeigen das eindringlich. Ist dies alles erst geschehen, wird es darum gehen, die Flusswege von Saône und Rhône mit denen von Rhein und Mosel einander anzuschließen und gleichzeitig die Massive von L’Epine und Fréjus zu durchzustechen. Unser V. Jahresplan wird die dazu nötigen Entscheidungen enthalten. Denn was hier erreicht wurde, konnte nur geschehen, weil sich die Initiative und Gestaltungskraft von Lyon und an erster Stelle die Ihrigen, Herr Bürgermeister [Louis Pradel], und die regionalen Stellungnahmen und Projektvorschläge der Kommission für die regionale Wirtschaftsentwicklung, in der Ihre unvergleichliche Erfahrung, Herr Präsident [Antoine Pinay], zum Tragen kommt, nahtlos mit den Absichten des Staates im Dienste des ganzen Landes verzahnen. Was zu tun bleibt, muss in derselben fruchtbaren Harmonie geschehen.

Fruchtbar ist diese Harmonie, weil sie der Nation als Ganzes dient. Nun, da unsere tiefreichende Einheit fest verankert ist, muss die Umwandlung, die eine bessere Verteilung unseres Tuns auf alle Landstriche unseres Volkes bewirken soll, alle unsere Daseinsquellen beleben. Außerdem bringt uns jede Region entlang unserer Grenzen mit ihrer Weiterentwicklung in engere und unmittelbarere Verbindung zum Ausland. Das gilt im Norden im Verhältnis zum benachbarten Belgien, Holland und Luxemburg; das gilt für Lothringen und Elsass gegenüber der gesamten Rheinebene; das gilt für die an den Schweizer Bund grenzende Franche-Comté, für Provence und Languedoc gegenüber der Mittelmeerwelt, für Aquitanien im Hinblick auf die Iberische Halbinsel, für die in den Atlantik ragende Bretagne und für die Normandie in Reichweite der Britischen Inseln. Wie sehr gilt es auch für die Rhôneregion, die das Rheinbecken verlängert und sich an Italien und Schweiz schmiegt.

Unser wieder zum Herrn im eigenen Hause gewordenes Land steht gerade darum der über die Zukunft entscheidenden Zusammenarbeit insbesondere im wirtschaftlichen Bereich mehr als aufgeschlossen gegenüber. Es beweist dies durch seine aktive Beteiligung an der Gemeinschaft der Sechs und fasst gerne, solange diese intakt bleibt, konkrete Abmachungen über den Handel mit Westeuropa, eine Entwicklung ihres Verhältnisses zum Osten unseres Kontinents und eine Ausweitung der mit der ganzen Welt praktizierten Beziehungen ins Auge und hält sich schließlich bereit, seinen Beitrag zur Errichtung eines ausgewogenen, unparteiischen und unerschütterlichen Währungssystems zu leisten, das auf diese Weise das universelle Zutrauen zu ihm rechtfertigt.

Darum und auf diese Weise trägt die Eröffnung der Fünfzigsten Internationalen Messe von Lyon den unverwechselbaren Stempel der Erneuerung Frankreichs.

Es lebe Lyon!

Es lebe die Republik!

Es lebe Frankreich!