15. November 1941 - Rede anlässlich der Kundgebung der „Franzosen Großbritanniens“ in der Londoner Albert Hall

General de Gaulle wendet sich im Verlauf einer Versammlung in der Londoner Albert Hall an die in Großbritannien befindlichen Franzosen.

Der Bergsteiger hält bei seinem Aufstieg gelegentlich inne, um sich des zurückgelegten Weges zu vergewissern und zum Ziel aufzublicken. So hielten wir es für richtig, uns heute auf die bewegende Initiative der Franzosen Großbritanniens hin zu versammeln, um uns durch das Schauspiel unserer Einigkeit Mut zu machen und uns für den harten Kampf um das Vaterland zu wappnen. Das fällt uns leicht, denn trotz allen Kriegsgetöses war uns nie klarer bewusst, was wir darstellen, was wir wollen und warum wir gewiss sind, uns für den Dienst an Frankreich zum Besten entschlossen zu haben.

Was stellen wir dar? Nichts ist leichter zu beantworten als das. Morgen sind es siebzehn Monate her, dass diese Frage gestellt und gelöst wurde. Wir sind Franzosen aller Herkunft, aller Lebensläufe, aller Meinungsschattierungen, und wir haben beschlossen, uns im Kampf für unser Land zusammenzuschließen. Wir alle taten es freiwillig, ohne Wenn und Aber, einfach. Ich werde nicht die Taktlosigkeit begehen, näher darauf einzugehen, wie viel Leid und Opfer damit insgesamt einhergehen. Was das einen jeden gekostet hat, weiß er allein in der Verborgenheit des Herzens. Aber aus solcher Selbstverleugnung ebenso wie solchem Zusammenhalt beziehen wir unsere Kraft. Aus diesem Feuer lodert Tag für Tag höher und glühender die große französische Flamme, die uns fortan stählt.

Denn wir gehorchten dem Ruf Frankreichs. Als alles in Unheil und Verzweiflung zu versinken schien, galt es zu wissen, ob dieses große und edle Land, das der scheußlichste Verrat der Geschichte dem Feind auslieferte, unter seinen Kindern Männer fände, die den Mut hätten, seine Fahne wieder aufzurichten. Es galt zu wissen, ob ein intaktes Weltreich mit sechzig Millionen Bewohnern denn wirklich nichts beitrüge im Kampf Frankreichs um Leben und Tod. Es galt zu wissen, ob an der Seite unserer tapferen Alliierten, die den Kampf für ihr und unser Heil fortsetzen, kein einziger kriegführender Teil unserer Ländereien stünde. Es galt zu wissen, ob die Stimme Frankreich auf immer verstummte oder schlimmer noch, die Welt auf den Gedanken kommen könnte, sie in der verabscheuungswürdigen Fälschung durch den Feind und die Verräter erkennen zu müssen. Es galt schließlich zu wissen, ob die Nation in der Nacht der Knechtschaft keinen Schimmer französischer Hoffnung mehr leuchten sähe, der ihren Widerstandsgeist stärkte und den Beweis lieferte, dass sie mit der Partei der Freiheit solidarisch blieb.

Dies war unser Ziel am ersten Tag, dies ist es unverändert auch heute. Auf dieses Ziel marschieren wir zu, ohne zu wanken noch zu weichen. Die Welt wird staunen, wenn sie eines Tages erfährt, mit welchen Mitteln dies geschah. Wir besaßen weder Organisation noch Truppen, weder Kader noch Waffen, weder Flugzeuge noch Schiffe. Wir hatten keinerlei Verwaltung, Budgets, Hierarchie, Vorschriften. Nur wenige in Frankreich kannten uns, und für das Ausland waren wir nichts als sympathische Hasardeure ohne Vergangenheit noch Zukunft.

Doch mit jedem Tag wurden wir größer.

Jedermann kennt die immer schweren, manchmal grausamen Etappen auf unserem Marsch nach vorn. Jeder kann sich die materiellen und moralischen Schwierigkeiten ausmalen, die wir zu meistern hatten. Jeder kennt die Weitläufigkeit der Gebiete, den Grad der militärischen Stärke, die Durchschlagkraft des Einflusses, die wir einzig im Dienst des Vaterlandes in den Krieg einbringen konnten. Wir waren nur ein zusammenhangloses Häuflein Männer. Jetzt sind wir ein unerschütterlicher Fels. Wir haben uns das Recht genommen, stolze und freie Franzosen zu sein. Vor allem anderen aber haben wir in unserem gefangenen Volk mit dem Willen zum Widerstand für die Vergeltung und zum Wiederaufbau für die Größe das Band französischer Geschlossenheit neu geknüpft.

Denn Tatsache ist, dass Frankreich - trotz des Traumas einer militärischen Niederlage, die zwar seine Führung, nicht aber es selbst verdient hatten, trotz der Verwirrung seines Gemüts durch den Verrat von Männern, die ihm vordem Wahrzeichen der Ehre dünkten, trotz des Drucks des Feindes, der sich hier in unaussprechlichen Gewalttaten, dort in gleisnerischen Angeboten von Huldigung und Kollaboration äußert, trotz eines niederträchtigen Polizei- und Verfolgungsregimes, trotz erbitterter Versuche der Korrumpierung der Geister mit Hilfe einseitiger Propaganda - dass Frankreich, sage ich, sich ganz und gar nicht aufgegeben hat. Tatsache ist, dass Frankreich durch die Wolke aus Blut und Tränen, mit der man ihm den Blick zu verstellen suchte, erkannt hat, dass der einzige Weg zum Heil der ist, den seine freien Kinder zu seinen Gunsten eingeschlagen haben.

Insoweit gibt es nicht den geringsten Unterschied zwischen den Franzosen von Brazzaville, Beirut, Damaskus, Nouméa, Pondichéry oder London, und den Franzosen von Paris, Lyon, Marseille, Lille, Bordeaux oder Straßburg. Abgesehen von einer Handvoll Unseliger und einer Kamarilla Elender, die aus Panik, Irrsinn oder Eigensucht auf die Niederlage des Vaterlandes spekulieren und mit Lug und Trug, Zuchthaus oder Hunger vorübergehend herrschen, hat die Nation nie zuvor solche Einmütigkeit bewiesen. So kann man buchstäblich sagen, dass die heute lebenden Franzosen nur noch leben, um die nationale Befreiung zu wollen. Und dass Sieg für 40 Millionen Franzosen gleichbedeutend ist mit dem Sieg der Freien Franzosen.

Es ist nur zu verständlich, dass in dem Maße, wie wir zu einer immer größeren Wirklichkeit wurden und zumal, als sich die heimliche Zustimmung Frankreichs immer deutlicher abzeichnete, viele bei uns und im Ausland sich die bange Frage stellten, welches denn genau unsere Wesensmerkmale und unsere Vorhaben seien? Mag der Krieg auch hart und lang sein - er wird in einer bestimmten nationalen und internationalen Ordnung seinen Abschluss finden. So gibt es nichts Natürlicheres als die Frage, was denn in dieser Hinsicht jene große neue Kraft namens Freies Frankreich will, bis sie sich schließlich dank des Sieges mit Frankreich als solchem identifizieren kann.

Diese Frage, „Was will das Freie Frankreich?“, beeilen sich manche, die mit ihm nichts gemein haben, an seiner Stelle zu beantworten. So haben wir erlebt, dass uns - sei es vom Feind, sei es von jener Sorte Freunde, die wohl aus Übereifer mit ihren Verdächtigungen nicht hintan halten können - kunterbunt die widersprüchlichsten Absichten unterstellt wurden. Es gehört zu den seltenen Ablenkungen, die mir meine derzeitige Aufgabe lässt, hin und wieder diese Behauptungen einander gegenüberzustellen. Denn man kann sich durchaus daran ergötzen, dass den Freien Franzosen am selben Tag und zur selben Stunde abwechselnd unterstellt wird, sie neigten dem Faschismus zu, strebten die Wiedererrichtung einer konstitutionellen Monarchie an, verfolgten die integrale Wiedererrichtung der parlamentarischen Republik, wollten die Vorkriegspolitiker vornehmlich jüdischer Rasse oder freimaurerischen Gedankenguts wieder an die Macht bringen, oder schließlich, sie beförderten mit aller Macht den Triumph der kommunistischen Doktrin. Und was unser außenpolitisches Handeln anbelangt, hören wir dieselben Stimmen je nach Gelegenheit sagen, wir seien anglophob und bekämpften Großbritannien, oder, wir steckten im Grunde mit Vichy unter einer Decke, oder, wir hätten es uns zur Regel gemacht, die Territorien des französischen Weltreichs, die sich uns anschließen, England auszuliefern. Diesen Unterstellungen werden wir, was immer wir sagen oder tun, wohl kaum ein Ende bereiten können. Dennoch sollten wir vor uns selbst und den anderen gegenüber umreißen, welches denn unsere Politik ist.

Artikel 1 unserer Politik besteht in der Kriegführung, das heißt darin, die Anstrengungen Frankreichs in diesem Konflikt möglichst auszudehnen und zu verstärken. Es bedarf keiner Erwähnung, dass sich unser Vorgehen in allen Bereichen mit dem unserer Alliierten und am unmittelbarsten mit dem des britischen Empire verknüpft. Hatte doch England das unvergleichliche Verdienst und den großartigen Mut, ganz allein dem Schicksal zu trotzen, als dieses am bedrohlichsten war, und zudem hatte dieses große Volk, dem man manchmal eine besonders ausgeprägte Vorstellungskraft abspricht, dennoch mit dem Geist und Herzen eines Churchill sofort erkannt, dass eine Handvoll französischer Ausreißer die ewige Seele Frankreichs mitgenommen hatten. Wie du mir, so ich dir! Bis zum Abend der letzten Schlacht werden wir unverbrüchlich, treu und loyal an der Seite des alten England stehen. Zugleich ersehnen wir inbrünstig den Tag, an dem uns die Umstände vergönnen werden, zum heldenhaften Widerstand unserer russischen Verbündeten einen Beitrag zu leisten - mag dieser zunächst auch noch sehr bescheiden sein. Wir bleiben in enger Verbindung mit unseren polnischen, tschechoslowakischen, griechischen, jugoslawischen, holländischen, belgischen, norwegischen Verbündeten, denn diese Solidarität ist in unseren Augen ausschlaggebend, weil das Schicksal ihres und unseres Territoriums dieselben Wesenszüge nationalen Widerstands und unsühnbarer Unterdrückung aufweist und wir die Befreiung Europas ohne ihre gerechte Restauration und die Wiedergutmachung des von ihnen erduldeten Martyriums für undenkbar halten.

Wir sind vorbehaltlos mit der moralischen und materiellen Aktion der Vereinigten Staaten vereint, ohne die es keinen Sieg geben kann, und wir nutzen dankbar die Hilfe, die sie auf so vielfältige Weise denen zukommen lassen, die für die Freiheit der Welt kämpfen. Wir bemühen uns, die tröstlichen Sympathien zu rechtfertigen und zu entwickeln, die zahllose Nationen der Erde dem kämpfenden und schwer geprüften Frankreich zuteil werden lassen.

Doch wie hoch wir diese hilfreichen und dankbar empfundenen Bande auch schätzen: Es ist, im gemeinsamen Interesse, unser fester Wille, dass unsere heutige und künftige Anstrengung je und je die ureigene Anstrengung Frankreichs sei, und wir brennen um so glühender darauf, seinen Interessen zu dienen, seine Rechte zu wahren und seine Pflichten zu erfüllen, als wir wissen, dass seine Sache zugleich die Sache der freien Völker ist. Nichts wird uns davon abbringen, der jahrhundertealten Berufung unseres Landes zu genügen. Nichts kann uns je vergessen lassen, dass seine Größe die unabdingbare Voraussetzung für den Frieden der Welt ist. Ohne Gerechtigkeit für Frankreich kann es Gerechtigkeit nicht geben!

Darum kämpfen wir, damit dieser dreißigjährige Krieg, den die deutsche Aggression 1914 entfesselte, mit einer Bestrafung endet, aus der Frankreich in allem Seinigen intakt und mit allem Verlorenen versehen und zugleich seiner Sicherheit gewiss hervorgeht.

Dabei machen wir im übrigen keinen Unterschied zwischen dem, was unserem Lande zukommt, und dem, was den Nationen zusteht, die unsere Verbündeten waren oder bleiben und dieselben Prüfungen erlitten und gegen denselben Feind standen. Die freien Völker haben mittlerweile genug grausame Erfahrungen gesammelt, um zu begreifen, was gemeinsame Rechte und Pflichten bedeuten und welchen Preis man dafür bezahlt, wenn man ihnen untreu wird. Alle auch haben teuer genug bezahlt um zu wissen, dass ohne die Errichtung der realen und praktischen Sicherheit eines jeden und ohne die Organisation der internationalen Solidarität ihr gemeinsames Ideal platonische Versprechung bliebe.

Fordert nun die Lage unseres daniederliegenden, ausgeplünderten, verratenen Landes unseren vollen Einsatz bei der Kriegsanstrengung, so können wir uns doch nicht von den inneren Geschicken der Nation lösen. Wir können es um so weniger, als die vorübergehende Katastrophe Frankreich in den Grundfesten seiner Existenz erschüttert, seine vorherigen Institutionen hinweggefegt, das Dasein eines jeden einzelnen grundlegend verändert und vor allem die Gemüter mit tausend leidenschaftlichen Gärungen durchsetzt hat. Wenn dieser Krieg, wie man sagt, eine Revolution ist, so gilt dies für Frankreich mehr noch als für jedes andere Volk. Eine Nation, die für die Fehler ihres politischen, sozialen und moralischen Regimes und das Versagen oder den Treuebruch ihrer Führer so teuer bezahlt, eine Nation, welche die physischen und moralischen Zersetzungsbemühungen des Feindes und der Kollaborateure so grausam erfährt, eine Nation, deren Männer, Frauen und Kinder hungern, schlecht gekleidet sind und frieren, von der zwei Millionen junger Menschen monate- und jahrelang in Gefangenenbaracken, Konzentrationslagern, Strafkolonien oder Verliesen schmachten, eine Nation, der man keine andere Lösung und Hoffnung bietet als einzig die Zwangsarbeit für den Feind, den Kampf gegen ihre eigenen Kinder und ihre treuen Verbündeten, die Reue darob, sich dem Eroberungswahn Hitlers widersetzt zu haben, und den Kniefall vor der Ikone des Vaters der Niederlage - eine solche Nation wird zwangsläufig zur glimmenden Glut unter der Asche. Es gibt nicht den geringsten Zweifel, dass die französische Nation aus der Krise, die sie durchläuft, in einer großen Erneuerung hervorgehen wird.

Bedarf es überhaupt der Erwähnung, dass sich die Freien Franzosen niemals einer solchen Umwandlung entgegenstellen werden? Ganz im Gegenteil: Sie erheben den Anspruch, dazu durch das Beispiel ihrer Einigkeit und ihrer Hingabe an den Dienst am Vaterland und auch dadurch an vorderster Stelle beizutragen, dass sie selbst von einem neuen Herzen und einem neuen Geist durchdrungen sind. Wir wissen, dass die überragende Mehrheit der Franzosen, zu der wir zählen, ein für alle Mal die anarchischen Missbräuche eines dekadenten Regimes verurteilt, seine Scheinregierungen, seine gezinkte Rechtsprechung, seinen Filz aus Geschäft, Pfründen und Privilegien und die grässliche Tyrannei der Sklaventreiber des Feindes, seine Spottbilder von Gesetzen, seinen schwarzen Markt, seine erzwungenen Treueschwüre, seine durch Denunziation erwirkte Disziplin, seine Mikrofone in den Wartezimmern. Wir halten es für erforderlich, dass sich aus der Tiefe der Nation eine donnernde und heilsame Woge erhebt und die Ursachen der Katastrophe mitsamt dem auf dem Boden der Kapitulation errichteten Gerüst hinwegfegt. Darum lautet Artikel 2 unserer Politik, dass dem Volk das Wort zu erteilen ist, sobald die Ereignisse ihm die Möglichkeit bieten, frei zu bekennen, was es will und was nicht.

Was die Fundamente des künftigen Gebäudes der französischen Institutionen anlangt, so erheben wir den Anspruch, sie durch Verknüpfung der drei Devisen der Freien Franzosen definieren zu können. Wir sagen „Ehre und Vaterland“ und verstehen darunter, dass die Nation erst in der Luft des Sieges wiederaufleben und nur im Kult ihrer eigenen Größe fortleben kann. Wir sagen „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, weil wir treu zu den demokratischen Grundsätzen stehen wollen, die unsere Vorfahren aus unserem Genius geschöpft haben und die in diesem Krieg auf Leben und Tod auf dem Spiele stehen. Wir sagen „Befreiung“ und meinen dies im weitesten Sinne des Wortes, denn darf auch die Anstrengung nicht enden, ehe der Feind niedergeworfen und gezüchtigt ist, so muss am Ende doch für jeden Franzosen auch ein Lebenszuschnitt stehen, der es ihm erlaubt, in Würde und Sicherheit zu leben, zu denken, zu arbeiten, zu handeln. So also lautet der Artikel 3 unserer Politik!

Der Weg, den uns die Pflicht weist, ist lang und schwer. Doch vielleicht hat das Drama des Krieges bereits seinen Höhepunkt erreicht? Vielleicht beginnt Deutschland seinerseits die Fassungslosigkeit der Katastrophe zu erleben, die lange Zeit hindurch nur seine Feinde lähmte? Vielleicht ist Italien bald schon wieder nach Byrons Wort „die traurige Mutter eines toten Reiches“? Doch wie immer das Ende und der Preis des Sieges aussehen mögen: Wir haben den Platz unseres Vaterlandes in ihm bestimmt. So gibt es denn für uns heute keinen anderen Daseinsgrund, kein anderes Interesse, keine andere Ehre als allein diese: Uns bis zum Ende als Franzosen zu erweisen, die Frankreichs würdig sind.