15. Februar 1963 - Rede in der Ecole Militaire

Im Rahmen einer Inspektion der Militärakademien legt General de Gaulle dar, welche Konsequenzen Frankreich für die Organisation seiner Verteidigung aus der Atomrüstung ziehen muss.

Meine Herren,

ich brauche mir erst gar nicht die Mühe zu machen, meine Bewegung zu verbergen, wenn ich mich heute ein weiteres Mal in meinem Leben hier befinde, wo ich einst mehrfach Ideen empfangen, an Arbeiten teilnehmen und mich Überlegungen hingeben durfte, die ganz ohne Zweifel ein gerüttelt Maß zu dem beigetragen haben, was ich im weiteren Verlauf im Dienste Frankreichs tun konnte.

Noch verhehle ich die Befriedigung über den Kontakt mit Ihnen allen, den verschiedenen Zweigen der höheren militärischen Bildung und mit dem Institut für Nationale Verteidigung. Ich durfte diese Zweige in voller Aktivität und vollem Aufschwung erleben. Dass ich mich darüber freue, bedarf keiner Erwähnung.

Wo immer ich mich unter Sie mischte, traf ich in Ihrer Arbeit und Ihren Anliegen auf das alles beherrschende Faktum von heute: das atomare. Da ich nun die Freude habe, unter Ihnen zu weilen, will ich selbstverständlich auch mit wenigen Worten die allgemeinen Konzepte skizzieren, von der sich der Staatschef und seine Regierung in der Verteidigung leiten lassen, wie sie sie sich vorstellen, wie sie sie zu organisieren und gegebenenfalls auch zu steuern haben. Einst traten mit dem Auftauchen metallener Waffen die großen Hegemonien der Antike ans Licht. Dem folgte die Sturzflut der Barbaren und das daraus resultierende Feudalsystem. Mit der Ankunft der Feuerwaffen kamen zugleich die zentralisierten Staaten wieder auf. Daraus entstanden die großen Kriege Europas, in denen jede Großmacht der damaligen Zeit ihre jeweilige Herrschaft anstrebte: Spanien, England, Frankreich, Türkei, Deutschland, Russland. Zum andern setzte das Auftauchen der Feuerwaffen die Kolonisierung in Gang und machte die Eroberung unermesslicher Regionen möglich: Amerika, Indien, Orient, Afrika. Sodann gesellte sich zur See, in der Luft und zu Lande der Motor als Kampfelement hinzu. Er erlaubte es, den Ersten Weltkrieg zu beenden. Er lieferte der Eroberungssucht Nazideutschlands ein Instrument. Er auch gab der freien Welt die nötigen Mittel an die Hand, um diese Eroberungssucht zu guter Letzt zu zerschlagen.

Jetzt verursacht die Verwirklichung der nuklearen Rüstung ihrerseits eine völlige Umwälzung der Sicherheit und mithin der Politik der Staaten schon in Friedenszeiten. In Kriegszeiten gälte dies erst recht. Selbst die Fantasie in Person vermöchte sich nicht umfassend auszumalen, welche Konsequenzen der Einsatz der nuklearen Waffen hätte; sie wüsste bestenfalls, dass dieser Einsatz eine vollständige Umstülpung der Menschengesellschaft nach sich zöge. Wie wir alle wissen, hätte die der Atomwaffe innewohnende Kapazität auf jeden Fall zur Folge, dass das Volk, das ihr - und handelte es sich um einen begrenzten Einsatz - zum Opfer fiele, zumindest einem unerhörten Drama, wenn nicht gar dem sofortigen Tod ausgeliefert wäre, selbst wenn auf dieses Volk nicht nur die Bomben fielen, sondern es ihm noch gelänge, den Gegner, der sie abwarf, zu vernichten.

Unter diesen Umständen liegt auf der Hand, dass für ein Land keinerlei Unabhängigkeit denkbar ist, wenn es nicht über eine nukleare Rüstung verfügt, denn sonst ist es gezwungen, seine Sicherheit und folglich seine Politik einem anderen, der sie besitzt, in die Hand zu geben. Freilich glauben manche Länder der Welt, sie könnten sich in die Neutralität einigeln, sich also im Falle eines Weltkonflikts in ihrer Ecke verstecken in der Meinung, das Schicksal würde sie dann vergessen. In Wahrheit aber ergeben sich diese Länder nur willenlos ihrem Schicksal. Für Frankreich, dem seine geografische Lage, sein historischer Daseinsgrund und seine politische Natur die Neutralität versagen, für Frankreich, das zum anderen nicht gewillt ist, sein Schicksal in die Hände eines Fremden zu legen, und mag er noch so sehr Freund sein, für Frankreich ist es ein absolutes Gebot, das Nötige in der Hand zu haben, um im Kriege handlungsfähig zu sein: eine atomare Rüstung also.

Die Frage, ob die geballte Macht seiner Waffen der geballten Macht der Waffen des möglichen Gegners die Waage hält, und die Frage, ob unser Land in einem Weltkonflikt ohne Bündnisse bestehen könnte - wobei beide Fragen offenkundig nur negativ zu beantworten sind -, diese Fragen ändern nicht ein Iota am elementaren Erfordernis für uns, eine nukleare Rüstung unser eigen zu nennen und sie gegebenenfalls so einzusetzen, wie wir es für das Beste halten, und selbstverständlich im Rahmen der gemeinsamen Anstrengung den Einsatz dieser Waffen mit dem analoger Waffen durch unsere Verbündeten abzustimmen.

Soweit zu den Grundsätzen. Wie kann deren Umsetzung aussehen?

Das atomare Faktum, da es nun einmal mit der Bombe von Hiroshima im Kriege erschienen ist und sich seither unablässig in wahrlich grenzenlos zu nennender Proportion vergrößert hat, dieses atomare Faktum verändert nicht nur fundamental die Bedingungen der Sicherheit und Politik der Staaten. Es wirft auch auf die Schlachten, ihren Charakter, ihr Tempo und ihre Entwicklung den Schatten einer unermesslichen Ungewissheit.

Da der Austausch nuklearer strategischer Ladungen zwischen den beiden Lagern - die ja von den beiden Hauptstaaten gelenkt werden - den Tod eben dieser beiden Staaten auslösen würde, folgt logischerweise, dass ungeachtet aller wohlmeinenden Absichten nichts, rein gar nichts vorhersehen lässt, ob, warum, wo, wann, wie und in welchem Maße diese beiden Nationen, die sich gegenseitig töteten, diese Operation auslösen wollten. Da der Austausch nuklearer taktischer Ladungen zwangsläufig die Vernichtung der Front und der benachbarten Bevölkerungen verursacht und diese Fronten von den integrierten, beiderseits von den genannten Staaten befehligten Armeen gehalten werden und zudem dieser Austausch der nuklearen taktischen Ladungen den Austausch der strategischen Ladungen und mithin unsagbare Zerstörungen in den beiden Hauptnationen auslösen muss, lässt nichts, rein gar nichts eine Aussage zu, ob, warum, wo, wie und in welchem Maße die beiden Besitzermächte die taktischen Waffen einsetzen wollten.

Die Ungewissheit, in der wir Franzosen diesbezüglich stehen, zum andern die Tatsache, wenn die Schlacht um Deutschland als erste Schlacht im Kriege ungünstig verliefe, sie mehr oder weniger oder auch gar nicht atomar wäre, haben zur Folge, dass sich augenblicklich die Zerstörung oder Invasion Frankreichs und mithin der Verlust jeglichen Brückenkopfs der freien Welt in Europa anschlösse, während wir doch entschlossen sind, unter keinen Umständen als Staat und Nation unterzugehen, ohne an Ort und Stelle Leib und Seele des Vaterlandes verteidigt zu haben, und wir zudem überzeugt sind, damit dem Endsieg eine Chance zu bewahren - all das veranlasst uns, uns eine eigene nukleare Rüstung zu geben, über die wir eigenständig verfügen und mit der wir atomar zuschlagen können. Es ist uns auch Anlass, über das Nötige zu verfügen, um zu Lande, zur See und in der Luft dort einzugreifen, wo es die Umstände uns zu gebieten scheinen, und schließlich veranlasst es uns, über etwas zu verfügen, damit wir im gegebenen Fall dem Angreifer einen nationalen Widerstand auf unserem eigenen Territorium entgegensetzen können.

Diese Konzeptionen haben, ich wiederhole es, den Staatschef und seine Regierung zu dem Verteidigungs-, Organisations- und Rüstungsplan veranlasst, der derzeit in Kraft ist oder sich in Vorbereitung befindet. Doch aus ihnen auch müssen die höhere militärische Bildung und zugleich die Vorbereitung der Verteidigung als Ganzes einen neuen Anstoß erhalten. Diese Notwendigkeiten verlangen vom französischen Oberbefehl fortan die Praxis einer neuen Ära der Initiative, Autorität und Verantwortlichkeit. Ob es sich um den Entwurf von Hypothesen handelt, in denen wir uns militärisch auf allen Ebenen befinden können, ob es sich darum handelt, die Waffen, das Führungspersonal, die Truppen und Dienste darauf vorzubereiten, oder ob es sich schließlich, und fast bin versucht zu sagen: vor allem, für die mit der Ehre der Führung inmitten der Katastrophe Betrauten darum handelt, sich geistig, moralisch und technisch darauf vorzubereiten: Rolle und Pflicht der höheren militärischen Bildung sind hierbei zweifelsohne von ausschlaggebender Bedeutung.

Meine Herren, ich vertraue Ihnen und ich vertraue Ihren Kommandeuren, dass sie dieser Rolle gerecht werden und dieser Pflicht genügen.

Meine Herren, ich entbiete Ihnen meinen ehrenvollen Gruß.