12. September 1944 - Rede im Palais de Chaillot

 

INA

.Die französische Regierung ist von General de Gaulle in Paris umgebildet worden. Bei einer Versammlung im Palais de Chaillot in Anwesenheit der Regierung, des Nationalen Widerstandrates und der großen Staatsbehörden hält General de Gaulle folgende Ansprache:

In den achtzehn Tagen, seitdem der Feind, der sich in Paris verschanzt hatte, vor unseren Truppen kapitulierte, beseelte eine Welle der Freude, des Stolzes, der Hoffnung die französische Nation. Das Land und die Welt sind Zeugen des Kampfeswillens, der Begeisterung und der Klugheit unseres Volkes, welche die schon für fünf Sechstel des Landes und insbesondere die Hauptstadt vollzogene Befreiung strahlend beleuchtet. Sollte es noch irgend jemanden geben, der Zweifel am wirklichen Willen der unterdrückten Nation und an ihrer Fähigkeit zur Selbstherrschaft hegte, dürfte er inzwischen endgültig eines anderen belehrt sein.

Die heutige, von dem Rat, der vor Ort - um den Preis welcher Gefahren und welcher Verluste! - das Vorgehen gegen den Feind und die Usurpatoren inspiriert und koordiniert hat, veranstaltete Zusammenkunft besitzt schon als solche großartige Symbolkraft. Dem Nationalrat der Résistance, dem ich den Dank der Regierung und des ganzen Landes ausspreche, haben sich hier neben den Vertretern der großen Staatsorganisationen Männer und Frauen aller Schichten und Lebenszuschnitte zugesellt, die an der Spitze der Kämpfenden stehen. Wer wollte verkennen, dass eine einzige Flamme und ein einziger Gedanke diese ganze französische Elite beseelt? Es gibt keine qualifiziertere und würdigere Zuhörerschaft für das, was ich über die Gegenwart und Zukunft des Landes sagen will.

Endlich ist jene deutsche Militärmacht zurückgedrängt und gedemütigt, die - gestützt auf die außergewöhnliche Kampfes-, Unternehmungs- und Leidensfähigkeit eines großen, fanatisierten Volkes, unterstützt von ehrgeizigen Handlangern, mit Hilfe des Defätismus und manchmal des Verrats gewisser Verantwortlicher der Nationen, die sie zu knechten gedachte, begünstigt durch die Zerstrittenheit der Staaten der Partei der Freiheit - die Hand nach der Weltbeherrschung ausstreckte! Dieses Gebäude, in das seit Monaten und Jahren erste Breschen geschlagen wurden, das nunmehr aber kraftvoll und kühn angegriffen wird, scheint bis in die Grundfesten erschüttert. Schon schimmern am Horizont die Lichter des Sieges.

Um diesen Sieg so zu gestalten, wie er sein muss, nämlich umfassend und vollständig, werden gewiss noch neue und blutige Anstrengungen vonnöten sein. Doch welche Hindernisse sich auch auftürmen und welches auch der Ausgang sein mag - schon heute steht fest, dass Frankreich daran seinen Anteil haben wird.

Aus ganzem Herzen wollen wir den tapferen und lieben Nationen unsere Ehrerbietung erweisen, die derzeit mit uns diesen Sieg erringen. Unsere Würdigung gilt dem britischen Empire, das wie wir am 3. September 1939 das Schwert zog, an unserer Seite den Rückschlag von 1940 erlitt, und das dann, fast allein, mit seiner Entschlossenheit Europa rettete und nunmehr mit uns auf unserem Boden triumphiert, bis wir zusammen den gemeinsamen Feind auf seinem eigenen Gebiet endgültig schlagen.

Unsere Würdigung gilt Sowjetrussland, das nach der Aggression von 1941 die deutschen Armeen bis vor die Tore von Leningrad und Moskau und bis in die Tiefen des Kaukasus hat vorstoßen sehen müssen, aber dennoch im bewundernswerten Mut seines Volkes, der Kraft seiner Kämpfer und der Nutzbarmachung seiner riesigen Reichtümer die Energie und die nötigen Mittel fand, um den Angreifer zu verjagen und in schrecklichen Schlachten den Kern seiner Kriegsmacht zu zerschlagen.

Unsere Würdigung gilt den Vereinigten Staaten von Amerika, die ihrerseits im Dezember 1941 angegriffen und zunächst an die Ränder des Pazifik zurückgedrängt wurden, sich dann aber zu einer großen Militärmacht aufschwangen und über die Weiten der Meere hinweg die gewaltigen Vorhaben verwirklichten, die Europa ins Leben zurückrufen und zugleich Japan die Stützpunkte entreißen, von denen aus es bald im Herzen bedroht sein wird.

Unsere Würdigung gilt den todesmutigen Völkern Polens, der Tschechoslowakei, Belgiens, Hollands, Luxemburgs, Norwegens, Jugoslawiens und Griechenlands, die von der scheußlichen Flut vollkommen überschwemmt wurden, aber wie wir selbst niemals verzweifelten und nun ihrerseits die Morgenröte der Befreiung erblicken.

Doch weiß ein an großes Unglück wie großen Ruhm gewöhntes Volk wie das unsrige auch dankbar zu erkennen, dass ein jeder Staat, der insgemein mit ihm die Mannschaft der Freiheit bildet, seine Freundschaft und Hochachtung verdient, so weiß es doch auch seinen eigenen Platz einzuschätzen und ohne Selbstüberhebung zu ermessen, welche Rolle es im bevorstehenden gemeinsamen Sieg gespielt hat.

Gewiss: Wir haben zuviel gelitten, als dass wir unsere anfängliche Katastrophe je vergäßen. Wir wissen, dass wir, auch unsererseits schlecht für die neuen Formen des Krieges gerüstet, noch ganz und gar nicht erholt von unseren gigantischen Verlusten im vorherigen Konflikt, in der Vorhut der Demokratien praktisch isoliert stehend, mit keinem schützenden Meer und keinen großen Weiten vor uns, unversehens von der deutschen Motor- und Panzermacht überrollt wurden und brutal einer materiellen und moralischen Zerrüttung anheim fielen, die dem Defätismus und dem Verrat erlaubten, den Siegeswillen vieler zu lähmen. Dennoch! Seit dem 3. September 1939 standen wir an vorderster Front. Und während 1940 alles, was Deutschland an Panzern, Kanonen und Flugzeugen besaß, auf uns hernieder hagelte, so durchpflügten diese Panzer, diese Kanonen, diese Flugzeuge zwar unser Fleisch, nicht aber das Fleisch der andern! Im weiteren Verlauf hat sich die Masse der Franzosen, aller Unterdrückung, aller Nacht der Isolierung, aller lügenhafter Propaganda, aller Knechtungsversuche der Usurpatoren der Macht zum Trotz, niemals geschlagen gegeben und fehlten auf den Schlachtfeldern niemals unsere Fahnen. Kaum hatte das Unglück seinen Lauf begonnen, begab sich die Nation auf den langsamen und schweren Aufstieg aus dem Abgrund. Die Flamme des französischen Widerstandes sollte nie erlöschen; und sie erlöschte nicht.

Was uns das an Verlusten, an Ingrimm, an Tränen gekostet hat, diese Bilanz werden andere als wir eines Tages in aller Muße ziehen. Halten wir lediglich fest, dass unsere Mann um Mann wiedererstehenden Armeen zunächst in den fernen Tiefen des Empire, dann an den Ufern des Mittelmeers einen wichtigen Anteil zur Schlacht um Afrika beitrugen, die binnen dreier Jahre das Kolonialreich Mussolinis liquidierte und die Deutschen aus Libyen und Tunesien vertrieb. Halten wir fest, dass unsere Truppen im großen Italiensieg eine ausschlaggebende Rolle spielten. Halten wir fest, dass gleichzeitig im Mutterland, buchstäblich zwischen den Beinen des Feindes, tapfere, der nationalen Not und Hoffnung spontan entsprungene Einheiten trotz unsäglicher Schwierigkeiten der Organisation, Rüstung und Führung beim ersten Signal den Kampf aufnahmen. Halten wir schließlich fest, dass in der Schlacht um Frankreich das, was unsere Streitkräfte schon vollbracht haben mit den Unternehmungen und Angriffen der großen Feldeinheiten ebenso wie durch die Einzelaktionen der Untergrundstreiter quer übers Land, am Erfolg der Koalition wesentlichen Teil hat. So mag zum Beispiel die Feststellung interessieren, dass sich von den 350 000 Gefangenen, die der Feind den offiziellen Zahlen zufolge seit Beginn der Schlacht um Frankreich bis zum 10. September in den Händen der Alliierten zurückließ, 105 000 den französischen Truppen ergaben, davon fast 50 000 unserer Rhône-Armee, 20 000 den Soldaten Leclercs, und über 35 000 unseren Untergrundkämpfern im ganzen Landesgebiet. Seither werden weitere gemeldet. Gewiss haben wir zu anderen Zeiten und Bedingungen noch besser abgeschnitten und mehr gemacht. Doch wer wollte bestreiten, dass Frankreich, den üblen inneren und äußeren Umständen, denen es unterlag, zum Trotz, auch seinerseits den Sieg wollte und mit unterzeichnete?

Wahrlich, es bedarf keiner Erläuterung, wie und warum dieser ungebrochene Wille und, lassen Sie mich hinzufügen, die Kriegsanstrengung unseres Volkes ihm das Recht, jawohl, das Recht! gibt, seine Belange demnächst in der Regelung des Weltkriegs zur Geltung zu bringen. So sehr, dass wir gerne glauben wollen, dass dieses Recht zu guter Letzt nicht mehr bestritten und die offizielle Minderbewertung Frankreichs, unter der jene, die in seinem Namen sprechen und handeln, so sehr gelitten haben, den gleichen Beziehungen Platz machen wird, die wir seit Jahrhunderten mit den anderen großen Nationen zu unterhalten die Ehre haben und gewohnt sind.

Doch indem es sich im Kampf zu halten vermochte, diente Frankreich nicht nur sich allein. Denn auf diese Weise hat es dafür gesorgt, dass es recht und möglich ist, an den Vereinbarungen, die die Sicherheit aller und die weltweite friedliche Organisation gewährleisten werden, einen Staat zu beteiligen, ohne den eine sinnvolle und dauerhafte Gestaltung weder der Sicherheit, noch der Organisation der Welt, noch des Friedens vorstellbar ist.

Jawohl, wir glauben, dass es im übergeordneten Interesse der Menschen liegt, die Bestimmungen, die morgen das Schicksal des besiegten Deutschlands regeln werden, nicht ohne Frankreich zu diskutieren und zu verabschieden, weil keine Macht stärker als Frankreich von allem tangiert wird, was den Nachbarn berührt, mit dem es sich seit über zweitausend Jahren mehr als sonst jemand beschäftigen musste, und jeder Versuch, etwas ohne den Hauptbeteiligten aufbauen zu wollen, zum Scheitern verurteilt wäre. Wir hielten es für einen schweren Fehler, irgend etwas, was Europa betrifft, ohne Frankreich entscheiden zu wollen, weil Frankreich zum einen so sehr Bestandteil Europas ist, dass alles, was einen beliebigen Teil des alten Kontinents betrifft, es ganz unmittelbar und gegenseitig berührt; zum anderen, weil Frankreich es sich zur Ehre anrechnet, in die Lösung jedes europäischen Problems eine recht teuer erkaufte Erfahrung und ein recht ungewöhnliches Vertrauen vieler einbringen zu können. Schließlich halten wir es für etwas abenteuerlich, die politischen, wirtschaftlichen und moralischen Bedingungen, unter denen die Bewohner der Erde nach dem Drama zu leben haben, ohne Frankreich bestimmen zu wollen, denn schließlich leben in den fünf Erdteilen 100 Millionen treue Menschen unter unserer Fahne und glauben zudem viele unserer Gesinnungsfreunde, dass jede große menschliche Konstruktion, die nicht das Siegel Frankreichs trüge, willkürlich und haltlos wäre.

Freilich genügt es nicht, seinen Rang wieder einzunehmen. Man muss ihn auch halten. In der Tiefe des Ozeans von Schmerzen und Unbill, in den sie vor über vier Jahren stürzte und dem sie heute entsteigt, hat die französische Nation die selbstverschuldeten und von anderen zu verantwortenden Ursachen ihres vorübergehenden Unglücks ermessen. Zugleich erkannte sie die Mittel und Wege der Rückkehr zu ihrer Berufung zu Freiheit und Größe. Diese zurückzugewinnen, entstand in unserem Volk inmitten der schweren Prüfung eine außergewöhnliche nationale Einmütigkeit. An diese ungeheure Kraft appelliert die Regierung, damit sie ihren Auftrag im Dienste des Landes erfüllen kann.

Das Recht und die Pflicht zu diesem Appell bezieht sie zunächst daraus, dass sie die Regierung der Republik ist. Gewiss hat die Sturzflut, die sich über Frankreich ergoss, die Organe hinweggefegt, durch die sich der nationale Wille üblicherweise äußert. Gewiss hat die Masse der Bürger eingesehen, dass das Funktionieren unserer Institutionen tiefgreifende Reformen erfordert. Darum gibt es für die Errichtung des Gebäudes Demokratie in Recht und Tat kein anderes Mittel als die Befragung des Souveräns, des französischen Volkes. Sobald der Krieg es erlaubt, sobald das Landesgebiet vollständig befreit ist und unsere Gefangenen und Deportierten heimgekehrt sind, wird die Regierung die Nation auffordern, in allgemeiner Wahl aller Männer und Frauen bei uns ihre Vertreter zu wählen, die die Nationalversammlung zu bilden haben. Bis dahin wird die Regierung ihre Aufgabe unter Mitwirkung der erweiterten Konsultativversammlung erfüllen, die den denkbar qualifiziertesten Ausdruck der öffentlichen Meinung bilden soll und deren natürlichen Kern die bewährten Mitglieder des Nationalen Rates der Résistance bilden werden. Doch sobald die Souveränität in der Person der gewählten Vertreter des Volkes wiederhergestellt ist, wird die Regierung die von ihr provisorisch übernommene Macht in deren Hände zurückgeben.

Regierung der Republik, sage ich. Sie ist es nicht nur, weil sie die Nation nach deren Wünschen und Interessen zum Neubeginn der französischen Demokratie führt, sondern auch, weil sie die Gesetze durchsetzt und durchsetzen wird, die gerechten Gesetze, die sich die Nation zu einer Zeit gab, als sie frei war, und die man die republikanischen Gesetze nennt. Gewiss sind sie nicht allesamt vollkommen, aber sie sind die Gesetze, so wie sie sind! und so lange die nationale Souveränität sie nicht ändert, obliegt der Exekutive, und sei sie wie die unsrige provisorisch, die strenge Pflicht, sie nach ihrem Geist und Buchstaben anwenden zu lassen, wie sie dies im übrigen ohne zu wanken und zu weichen seit über vier Jahren bei allen Menschen und in allen Gebieten getan hat, die sie nacheinander dem Feind oder Vichy entrissen hat. Gewiss gebieten ihr die Umstände gelegentlich, Bestimmungen zu erlassen, die nicht in unseren Gesetzbüchern stehen, wobei sie häufig die Konsultativversammlung an der Ausarbeitung solcher Bestimmungen beteiligt, aber sie tut dies in ihrer Verantwortlichkeit, welche die Nation nicht umsonst als uneingeschränkt empfindet. Die künftigen Gewählten des Landes werden darüber zu entscheiden haben, ob sie diese Bestimmungen in Gesetze im eigentlichen Sinne umwandeln wollen oder nicht. Ohne festes Bekenntnis zu diesen Prinzipien gäbe es nur Willkür und Chaos, und das will die Nation nicht. Ihre Anwendung aber geschieht ordentlich, wirksam und gerecht. Kommt nun kein menschliches Unterfangen ohne Ordnung, Wirksamkeit und Gerechtigkeit aus, so sind diese in der Lage, in der sich das Land befindet, erst recht nötig. Zunächst einmal führen wir Krieg, und ich sage ganz deutlich: Wir haben ihn noch nicht beendet, es sei denn, der Feind bräche unversehens zusammen. Alles deutet darauf hin, dass der Feind trotz seiner schrecklichen Verluste im Osten und Westen und obwohl mit einer Ausnahme alle seine Satelliten abtrünnig geworden sind, zu einer neuen, großen Schlacht rüstet, um sein Staatsgebiet zu schützen bis, wie er hofft, der Winter die Offensivhandlungen der alliierten und französischen Verbände verlangsamt. An dieser Schlacht und an denkbaren weiteren wollen wir so stark wie möglich mitwirken. Dasselbe gilt für die Besetzung Deutschlands. Wir müssen also eine Militärpolitik praktizieren, die auf die Aufstellung großer Einheiten abzielt, die wie die schon bestehenden in der Lage sind, überall und auf jedem Schlachtfeld zu operieren und einen immer noch mächtigen und entschlossenen Feind zu bekämpfen und zu besiegen. In dieser Beziehung bildet die begeisterte Jugend, die sich auf den Ruf des Vaterlands hin zum Kampf in unseren Untergrundkräften zusammenschloss, das menschliche Potential für diese neuen Formationen. Wie die Freiwilligen-Bataillone von 1791 und 1792 bringt sie den ganzen Schatz ihrer Begeisterung und ihres Könnens in die nationale Armee ein. Schon kann ich die Aufstellung einer Division in der Bretagne verkünden. Ich rechne mit der Bildung einer anderen in der Region von Paris. Ich bin sicher, dass sich noch weitere an anderen Orten aufstellen lassen, ganz abgesehen von den Tausenden Männern und Gruppen, die sich unseren großen Fronteinheiten angeschlossen haben oder anschließen. Alle Soldaten Frankreichs sind unauflöslicher Bestandteil der französischen Armee, und diese Armee muss gleichwie Frankreich, dem sie gehört, einzig und unteilbar sein und bleiben.

Viele Regionen des Staatsgebiets haben die große Befreiungsschlacht ohne massive Zerstörungen überstanden, andere hingegen erlebten schreckliche Verwüstungen. Zudem steht der Feind immer noch ganz oder teilweise in fünfzehn Departements und insbesondere einer großen Zahl unserer Häfen. Unsere Eisenbahn-, Fluss- und Hafenverbindungen sind derzeit weitgehend durch Verwüstungen aller Art gelähmt, und unser rollendes Eisenbahn- und Straßenmaterial ist zum großen Teil verschwunden. Hier ist anzumerken, dass die Transporte für die Armee natürlich Vorrang vor denen für die Bevölkerung haben. Die zahllosen Requirierungen durch den Feind seit 1940 bei allem, was wir haben, und insbesondere seine Entnahmen aus unseren Vorräten, Rohstoffen, Maschinen, Brennmaterialien haben eine beträchtliche Verarmung unserer Produktionsmittel zur Folge. Und schließlich erlauben die militärischen Erfordernisse unseren Verbündeten noch auf lange Zeit keine größeren Einfuhren zu unseren Gunsten. Kurzum, wir stehen - jeder Franzose weiß das nur zu gut - vor einer schwierigen Zeit, in der die Befreiung uns keinerlei materielle Annehmlichkeiten erlaubt, sondern ganz im Gegenteil die Aufrechterhaltung strenger Beschränkungen fordert und große Anstrengungen der Arbeit und Organisation und zugleich strikte Disziplin verlangt. Darf man auch sicher sein, dass sich diese Lage nach und nach entspannt, so muss man doch auch wissen, dass die Verbesserung nur langsam vor sich gehen wird. Die Nation weiß dies und ist allem Leid zum Trotz entschlossen, diese Prüfungen mit Gleichmut zu ertragen als ein großes Volk, das nicht gewillt ist, der Gegenwart den Bau einer besseren Zukunft zu opfern.

Denn es geht um nichts anderes als die Zukunft! Eine Zukunft, der Millionen und Abermillionen Franzosen und Französinnen mit Inbrunst und Vertrauen entgegensehen, eine Zukunft, welche die ganze Nation als Erneuerung sehen will.

Jawohl, eine Erneuerung! Was die Nachlässigkeiten, Mittelmäßigkeiten, Ungerechtigkeiten, die wir praktizierten oder zuließen, und auch, sagen wir es rundheraus, der Mangel an Kühnheit und Kontinuität bei den zum Anstoß und zur Führung des Landes Berufenen uns vor und während der Zeit der Prüfung an Macht, an Einheit, ja an Substanz gekostet haben, sehen wir nur allzu deutlich und sind darum entschlossen, einen neuen Weg einzuschlagen.

Sagen wir zusammenfassend über die Prinzipien, die Frankreich fortan zur Grundlage seiner nationalen Aktivität zu machen gedenkt, dass Frankreich bei steter Wahrung der größtmöglichen Freiheit und Begünstigung des Unternehmungsgeistes in allen Bereichen dafür zu sorgen gedenkt, dass sich das Einzelinteresse stets dem Allgemeininteresse unterordnet, die großen Quellen des gemeinsamen Reichtums nicht zum Profit einiger weniger, sondern zum Vorteil aller genutzt und gelenkt werden, dass die Interessenkoalitionen, die so schwer auf dem Zustand der Menschen und sogar auf der Politik des Staates lasteten, ein für allemal abgeschafft werden, und dass schließlich jeder Sohn und jede Tochter Frankreichs in Sicherheit und Würde leben, arbeiten und die Kinder erziehen kann.

Indes: Die hehrsten Grundsätze der Welt erhalten Gültigkeit nur durch die Tat. Unser ganzes Volk erkennt, dass sein Glück und seine Größe zuvorderst von seiner eigenen Anstrengung abhängt. Gewiss obliegt es der Regierung, nach und nach die Voraussetzungen zu schaffen, ohne die der Fortschritt Schaden nähme oder die Ungerechtigkeit sich verewigte. Gewiss hat sie beispielsweise dafür zu sorgen, dass der Lebensstandard der französischen Arbeiter in dem Maße steigt, in dem die französische Produktion zunimmt. Sicher ist es ihres Amtes, und das Gesetz gibt ihr dazu schon jetzt das Recht, die Aktivität gewisser großer öffentlicher Dienstleistungsbetriebe oder Unternehmen durch Requirierung oder Beschlagnahmung der unmittelbaren Verfügungsgewalt des Staates zu unterstellen, bis dann die nationale Souveränität die Modalitäten bestimmt. Sicher hat sie die Pflicht, die von denen, die für den Feind arbeiteten, schuldhaft angehäuften Bereicherungen der nationalen Gesamtheit zuzuführen. Gewiss obliegt es ihr, die Preise der Nahrungsmittel festzusetzen und den Handel so lange zu regeln und zu kontrollieren, als Produktion und Transportmöglichkeiten die Bedürfnisse der Verbraucher nicht befriedigen können. Doch für unseren allmählichen Wiederaufbau, zunächst im Krieg, dann im Frieden, für den Aufbau eines neuen Frankreich, brauchen wir weit mehr und anderes noch. Wir brauchen eine umfassende und mutige nationale Anstrengung.

Wohlan! Zu dieser Anstrengung rufen wir die Nation auf. Wir wissen, in welchem Zustand wir uns befinden - materiell, demographisch, moralisch. Wir wissen, was alles bei uns vernichtet oder mittelmäßig ist, in jeglicher Beziehung. Wir wissen, wie viel uns fehlt im Vergleich zu dem, was zu tun ist. Aber wir wissen auch, was unser Land und Boden, unser Weltreich darstellen, was wir darstellen können, wenn wir es nur wollen, als Bauern, Arbeiter, Händler, Techniker, Arbeitgeber, Erfinder, Denker, wenn wir nur gemeinsam marschieren, in brüderlichen Reihen und in der von einem starken Volk geübten Disziplin. Wir wissen, was unsere Väter dereinst aus Frankreich zu machen verstanden, als es noch viele Kinder zählte. Wir wissen schließlich, dass es bei uns keinen jungen Mann und kein Mädchen gibt, die nicht davon träumten, frei, stark, liebend und fröhlich zu leben und teilzuhaben an der Arbeit in einer großen Zeit und einem großen Vaterland.

Den Plan für die Nutzung unserer materiellen, geistigen und moralischen Ressourcen wird die Regierung anhand der Inventare erstellen, die uns die Kriegshinterlassenschaft offenbaren wird. Sie wird dies unter Berücksichtigung des Weges tun, den die anderen Mächte der Welt einschlagen, denn heute ist auf unserer Erde alles miteinander verzahnt. Sie wird sich dabei des eingehenden Rates der qualifizierten Organismen bedienen, denen der Arbeit, der Produktion, der Forschung und des Geistes. Dieser Krieg, in dem wir den Feind besiegen, der uns zu knechten trachtete, wird seine Fortsetzung finden im Kampf gegen alle Elemente, die sich unserem Fortschritt widersetzen. Und Ihr, Männer und Frauen der Résistance, Ihr alle, die Euch das Lothringer Kreuz vereint, Ihr seid der Sauerteig der Nation in seinem Kampf um Ehre und Freiheit, Euch obliegt es morgen, ihr zu ihrem Heil den Weg der Mühe und der Größe zu weisen. Dann, und nur dann, erringen wir den großen Sieg Frankreichs!